Es war abzusehen: Nach der Schreckenstat in der Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray (Normandie), bei der ein Priester erstochen und eine Geisel lebensgefährlich verletzt wurde, erhitzen sich die Gemüter in Frankreich vor allem ob einer Frage: Wie konnte es sein, dass die Justiz den Hauptattentäter, einen rückfälligen Dschihadisten, frei herumlaufen liess? Adel Kermiche (19) war mit Hausarrest belegt. Das Haus der Eltern in dem Normandie-Dorf durfte er morgens zwischen 8.30 und 12.30 Uhr verlassen. Deshalb löste seine Fussfessel keinen Alarm aus, als er in der örtlichen Kirche während der Morgenmesse ein Blutbad anrichtete.

Verantwortlich für seine Freilassung war eine Untersuchungsrichterin, deren Name nicht bekannt ist. Sie wusste, dass Kermiche wegen psychischer Probleme betreut wurde und 2015 – nach den Terroranschlägen auf die «Charlie-Hebdo»-Redaktion in Paris – nach Syrien in den Dschihad auszureisen versucht hatte. Nach einem zweiten Abreiseversuch, den die türkischen Behörden vereitelten, kam der damals noch Minderjährige wegen «terroristischer Umtriebe» in Haft.

«Seiner Irrtümer bewusst»

Ein Jahr später setzte ihn die Richterin mit einer Fussfessel in Freiheit. Gemäss der Zeitung «Le Monde», die Einsicht in das Dossier erhielt, befand die Magistratin, dass sich Kermiche «seiner Irrtümer bewusst geworden» sei. Er sei «entschlossen, sich einzugliedern» und könne sich dabei auf die «Einrahmung und Begleitung» durch die Eltern stützen. Letztere «denken aufrichtig, dass er sich geirrt habe und nicht mehr abzureisen versucht habe», fügte die Richterin an. Unter «suizidären Ideen» leidend, strebe Kermiche nun eine Ausbildung als medizinisch-psychologische Hilfskraft an. «Ich bin ein Moslem auf der Basis der Barmherzigkeit, kein Extremist», gab Kermiche zu Protokoll.

Über Bedenken hinweggesetzt

Die Staatsanwaltschaft für Terrorfragen hielt diese Argumentation für «wenig überzeugend» und sprach von einem «sehr hohen Risiko der Tatwiederholung im Fall einer Freilassung». Meldepflicht und Fussfessel seien «angesichts der Umstände völlig illusorisch». Die zuständigen Richter am Berufungsgericht in Paris setzten sich aber über diese Einwände hinweg und liessen Kermiche im März frei.

Waren sie naiv? Gingen sie einem Attentäter auf den Leim, der die islamistische Strategie der Verheimlichung praktizierte? In Saint-Étienne-du-Rouvray prahlte Kermiche offen mit seinen Syrien-Plänen. Und nicht nur damit. Ein Alterskollege erklärte einem Pariser Radiosender, Kermiche habe ihm vor zwei Monaten erklärt, er werde «faire une église» – «sich eine Kirche vorknöpfen». «Ich habe ihm nicht geglaubt, er sagte ständig solche Dinge», meinte der junge Einwohner des Normandie-Dorfes. Ein anderer Bekannter sagte Journalisten, Kermiche sei «eine Zeitbombe» gewesen. «Er war einfach zu bizarr. Er sprach ständig von Syrien und vom Islam, aber er war unfähig, auch nur eine Sure aus dem Koran aufzusagen. Wir wollten ihn verdreschen, um ihm das Zeug auszutreiben, aber wir hüteten uns, aus Angst, dass er im Kontakt mit dem IS stehe.»