Seit Jahrhunderten ist St. Michaelis, Hamburgs evangelische Hauptkirche, das Wahrzeichen der Hansestadt schlechthin. Nun hat der «Michel» eine kleine Schwester bekommen – «Elphie», wie die Hamburger ihre ebenso kostbare wie kostspielige Elbphilharmonie bereits liebevoll nennen.

Ist es abschätzig, dieses hanseatische Jahrhundert-Bauwerk als kleine Schwester zu bezeichnen? Was die Höhe anbetrifft, keineswegs, misst der Turm vom Michel doch 132 Meter, während «Elphie» im Westen 110 Meter und im Osten «nur» 88 Meter hoch ist.

Grandioses neues Wahrzeichen

Allerdings wird «gross» dem neuen Wahrzeichen bei weitem nicht gerecht, grandios wäre da schon angemessener. Oder gar, wie die «Hamburger Morgenpost» das Wunderwerk der Basler Architekten Herzog & de Meuron nennt, die Bezeichnung «Musik Kathedrale».

Ruhend auf dem ehemaligen Kaispeicher, in dem einst tonnenweise Säcke mit Kakaobohnen gelagert worden waren, hat «Elphie» rein äusserlich indes mehr von einem Ozeanriesen als von einem Dom. Majestätisch blickt sie auf der einen Seite über die Stadt, auf der anderen über den Hafen.

Die Elbphilharmonie – Bilder des neuen, endlich vollendeten Hamburger Wahrzeichen:

Von den Landungsbrücken kommend, steuern Barkassen fahrplanmässig den Anleger Elbphilharmonie an, während ab und zu Containerschiffe vorbeiziehen. 

81 Stufen in den Konzerthimmel

Doch wer redet schon vom schnöden Mammon, wenn die Welt auf Hamburg blickt. Über Jahrhunderte hinweg durch Handel- und Industrie reich und berühmt geworden, hat die Stadt auch eine lange Musiktradition. Georg Philipp Telemann war hier viele Jahre als städtischer Kirchenmusikdirektor tätig, und Carl Philip Emanuel Bach war sein Nachfolger.

Johannes Brahms wurde in Hamburg geboren, Gustav Mahler war einige Jahre Kapellmeister in der Hansestadt. Und – last but not least – hier hat die Weltkarriere der Beatles begonnen.
Nun aber schlägt Hamburgs musikalisches Herz am stärksten in diesem «Haus im Fluss», wie Bundespräsident Joachim Gauck die Elbphilharmonie in seiner Eröffnungsrede nannte.

Neben dem kleinen Saal mit 550 Plätzen, in dem das auf innovative Konzertformate spezialisierte Ensemble Resonanz residiert, ist der 2100 Zuhörer fassende grosse Saal das Kern- und Prunkstück.

Impressionen von der schillernden Eröffnungsfeier der neuen Elbphilharmonie:

Zwei Lifts führen von der – über eine 82 Meter lange Rolltreppe öffentlich zugänglichen – Plaza hinauf zur zentralen Garderobe auf der elften Etage. Eine adäquate Spannung baut sich indes beim gewundenen Treppensteigen auf hellem Eichenholz auf. Unterwegs wird dem Steigenden mehrfach der Entscheid abgerungen, ob die rechte oder die linke Treppe direkter ans Ziel führe.

81 Stufen sind es bis zur Ebene der Parkettplätze, fast 200 mehr bis zum dritten und obersten Rang. Die Foyers sind weiträumig, der unversiegelte Eichenboden weist schon nach dem ersten Konzert Spuren auf von Wein, Bier und Kaffee.

Gnadenlose Akustik

Wen kümmerts, wo doch dieser heiss ersehnte Augenblick bevorsteht: zum ersten Mal in diesem mit Vorschusslorbeeren überhäuften Saal stehen. Der Atem wird flacher, der Puls schneller – wow! Da sind sie nun, die Wände aus den vom japanischen Akustik-Papst Yasuhisa Toyota entwickelten 10'000 einzeln gefrästen Gipsplatten, da hängt dieser riesige Reflektor an der Decke, nehmen die 4700 Pfeifen der Klais-Orgel, einem gefrorenen Wasserfall gleich, eine Seite des Raumes ein und stehen die gut gepolsterten, mit Woll-Tweed überzogenen Sitze gruppenweise rund um die zentrale Bühne.

Ein Drohnenflug durch die Elbphilharmonie Hamburg

Ein Drohnenflug durch die Elbphilharmonie Hamburg

Keiner der Sitze, heisst es, ist weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. An die effektvolle, imposante, auch noch so kleine Misstöne gnadenlos enthüllende Akustik müssen Musiker und Zuhörer sich hör- und spürbar zweifellos noch gewöhnen.

Und ob die Akustik auf allen Plätzen gleich beeindruckend ist, liesse sich wohl nur in Konzertbesuchen mit Karten verschiedener Preiskategorien herausfinden. Bis Ende Saison sind allerdings sozusagen alle Konzerte – und es sind viele – ausverkauft. Egal ob die Sächsische Staatskapelle unter Christian Thielemann konzertiert, Cantautore Paolo Conte gastiert oder ein Jazzkonzert auf dem Programm steht. Die Billett-Preise liegen, je nach Konzert, zwischen 12 und rund 200 Euro.

Wohnen bei «Elphie»

Elbphilharmonie ist zwar vor allem, aber nicht nur ein Konzerthaus. Es beherbergt auch Restaurants, Bars sowie mit dem «Westin» ein Vier-Sterne-Hotel mit 244 Zimmern, von denen die meisten atemberaubende Ausblicke über die Stadt und/oder den Hafen bieten. Die Preise? Na ja – es muss ja nicht gleich eine Suite für 3000 Euro pro Nacht sein.

Wem das Gebäude, der Hafen, die Nähe zum legendären Fischmarkt am Sonntag in der Früh am Herzen liegt; wer nebst Konzerten auch Theater- und Museumsbesuche liebt, U- und S-Bahn-Fahren, Flanieren an der Alster, Fischbrötchen, Grünkohl mit Kochwurst, Franzbrötchen, Tee und Holsten-Bier mag – kurzum, wer am liebsten in Hamburg wohnen würde und am allerliebsten am Hafen –, kein Problem: «Elphie» ist auch ein Wohnhaus, allerdings das teuerste Deutschlands. Die 42 Eigentumswohnungen, zwischen 120 und 400 Quadratmeter gross, kosten zwischen 4 und 13,9 Millionen Euro. Obacht – 20 davon sind schon verkauft.

Ein Gastkommentar von Peter Hartmeier zur Elbphilharmonie finden Sie hier