Rücktrittsforderungen gegen Regierungsmitglieder, Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit und eine fassungslose Partei: Die Schwarzgeldkonto-Affäre seines Ex-Ministers Jérôme Cahuzac stürzt Frankreichs Präsident François Hollande in eine tiefe Krise.

Nicht einmal ein Jahr nach dem Einzug in den Elysée-Palast muss der 58-Jährige mitansehen, wie sein Traum von einer "exemplarischen Republik" zerplatzt. Keine Skandale mehr - genau das war Hollandes Anspruch gewesen, als er im vergangenen Mai die Amtsgeschäfte von Nicolas Sarkozy übernahm.

Die Affäre Cahuzac hätte für den Präsidenten kaum unangenehmer verlaufen können. Zum einen führte ausgerechnet derjenige Minister ein Schwarzgeldkonto, der für den Kampf gegen Steuerhinterziehung und Reichensteuer-Pläne zuständig war. Zum anderen muss sich Hollande vorwerfen lassen, den seit Monaten belasteten Parteifreund viel zu lange im Amt gehalten zu haben.

Affäre platzte schon Anfang Dezember

Bereits Anfang Dezember hatte das investigative Online-Magazin Mediapart über Verdachtsmomente gegen Cahuzac berichtet und als Beweis ein von einem Anrufbeantworter aufgezeichnetes Gespräch präsentiert.

"Was mich ärgert ist, dass ich immer noch ein Konto bei der (Schweizer Bank) UBS habe", sagt in der Aufnahme eine Stimme, die der von Cahuzac stark ähnelt. Nach Informationen des Enthüllungsblattes "Le Canard Enchaîné" wusste Hollande bereits seit Wochen, dass Experten kaum Zweifel an der Echtheit des Bandes haben.

Sämtliche Parteifreunde inklusive des Präsidenten stellten sich allerdings bis zu Cahuzacs Geständnis hinter den ehemaligen Budgetminister und verwiesen auf dessen Unschuldsbeteuerungen. Um seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen, hatte der früher als Schönheitschirurg tätige Cahuzac sogar Anzeige wegen Verleumdung gegen Mediapart erstattet.

Noch vor einigen Wochen forderte der Präsident der Nationalversammlung, Claude Bartolone, das Online-Magazin auf, die Berichterstattung über den Fall einzustellen. Mitarbeiter des Finanzministeriums streuten, dass Informationen aus der Schweiz Cahuzac entlasten würden.

Wer wusste was seit wann?

All dies ist nun für die Opposition ein gefundenes Fressen. Hollande und seine Regierung müssen sich zahlreiche unangenehme Fragen gefallen lassen. "Wer wusste was? Und seit wann? Wer hat wann was unternommen?", heisst es in einem am Mittwoch eingereichten Antrag zur Einberufung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses.

«Entweder er (Hollande) wusste nichts, was auch extrem schlimm ist, weil er dann selber eine gewisse Arglosigkeit unter Beweis gestellt hat, oder aber er wusste es - und das hiesse, dass er die Franzosen belogen hat», sagte der Chef der konservativen UMP, Jean-François Copé. «Wer kann heute noch glauben, dass François Hollande und Jean-Marc Ayrault von nichts wussten?»

UMP-Abgeordnete wie Claude Goasguen forderten den Rücktritt von Finanzminister Pierre Moscovici, dem Cahuzac beigeordnet war. Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, sprach sich vor dem Hintergrund des Vertrauensverlustes sogar für neue Wahlen zur Nationalversammlung aus.

Hollande kann sich derzeit nur um Schadensbegrenzung bemühen. Bei einem kurzfristig organisierten TV-Auftritt erklärte er, Cahuzac habe einen unverzeihlichen Fehler begangen und versicherte, dieser habe keinerlei Schutz von oben genossen.

"Alle betrogen"

Zugleich versprach er mehr Transparenz über die Vermögensverhältnisse und ein Gesetz, das wegen Korruption oder Steuerhinterziehung verurteilten Politikern die Ausübung von öffentlichen Ämtern verbieten soll.

"Er hat die höchsten Stellen des Landes betrogen. Den Staatschef, den Regierungschef, das Parlament und dadurch alle Franzosen", kommentierte Hollande den Fall seines ehemaligen Ministers.

Ob die Franzosen ihrem Präsidenten das abnehmen, müssen die nächsten Umfragen zeigen. Die Zustimmungswerte drohen auf ein neues Rekordtief zu sinken. Angesicht miserabler Wirtschaftsdaten und steigender Arbeitslosenzahlen waren bereits vor dem Schwarzgeld-Konto-Geständnis Cahuzacs zwei von drei Franzosen mit Hollande unzufrieden.