Der endgültige Bruch erfolgte vor knapp einem Jahr. Mit einer kurzen Erklärung im Internet stellte das Terrornetzwerk al-Kaida klar, dass «wir nun keine Verbindungen zum Islamischen Staat (IS)» mehr haben. Der Grund für die offizielle Distanzierung der Bin-Laden-Jünger war die Ausweitung der IS-Aktivitäten auf Syrien, das die mit al-Kaida verbündete Nusra-Front als Stammland betrachtet hatte. Seither tobt zwischen den beiden Terrororganisationen ein bizarrer Machtkampf, bei dem die Terrormilizen des IS rasch die Oberhand gewannen. Mit der ostsyrischen Provinz Rakka und strategisch wichtigen Regionen an der Grenze zur Türkei eroberten sie Gebiete, die lange Zeit von der Nusra-Front kontrolliert worden waren.

«Nach der Proklamation des Kalifats fürchte al-Kaida, dass sie durch den plötzlichen Ruhm des IS an Attraktivität verlieren könnte», schreibt der libanesische Terrorismus-Experte Antoun Issa in einem Beitrag für das Fachmagazin «Al-Monitor». Der Kaida-Ableger proklamierte daraufhin im November 2014 in der zentralsyrischen Provinz Idlib sein eigenes «Emirat». Doch auch dieser Schachzug habe nicht ausgereicht, um die Gunst der internationalen Dschihadistenbewegung zurückzuerobern. «Der beste Weg, um den Möchtegern-Dschihadisten in der ganzen Welt zu demonstrieren, dass man noch immer der Mafiaboss ist, war eine Terrorattacke in einem grossen westlichen Staat», analysiert Issa für «Al-Monitor».

Bereits während ihres Überfalls auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» hatten die Kouachi-Brüder verkündet, dass sie im Auftrag von al-Kaida mordeten, berichten Augenzeugen. In einem Telefoninterview wurde Chérif Kouachi, der 2011 im Süd-Jemen ausgebildet wurde, noch deutlicher: Sein Mentor, stellte er klar, sei Anwar al-Awlaki, der am 30. September 2011 bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet wurde. Al-Awlaki war einer der gefährlichsten Propagandisten der internationalen Dschihadistenszene. Der in den USA geborene Sohn jemenitischer Einwanderer hatte vor fünf Jahren den amerikanischen Militärpsychiater Nidal Malik Hassan dazu angestiftet, 13 seiner Kameraden auf einer US-Militärbasis zu ermorden. Auch der Nigerianer Farouk Abdulmutallab hörte die hetzerischen Internet-Vorträge Awlakis, bevor er an Weihnachten 2009 mit seinem Versuch scheiterte, ein Flugzeug über Detroit in die Luft zu sprengen. Seine Bombe hatte er in seiner Unterhose versteckt.

Al-Awlaki ist der Gründer des von al-Kaida herausgegebenen Internet-Magazins «Inspire». Bereits letzten Sommer war darin eine «Abschussliste» veröffentlicht worden. Darauf stand auch der Name von Stéphane Charbonnier, der am letzten Mittwoch ermordete Chefredaktor von «Charlie Hebdo».

Geiselnahme im Namen des IS

Amedy Coulibaly, der am Freitag den jüdischen Supermarkt überfallen hatte und dort vier seiner Geiseln erschoss, könnte dagegen «spontan» gehandelt haben. Der 32-Jährige mordete, um die zweifelhafte Schlagkraft des IS zu demonstrieren, nachdem al-Kaida die Redaktion von «Charly Hebdo» überfallen hatte. Ob er sein Massaker, wie von ihm behauptet, mit den Kouachi-Brüdern abgestimmt hat, ist noch unklar. Aber auch Coulibaly legte grossen Wert auf seine Zugehörigkeit. Er wende sich zuerst an den «Kalifen» Abu Bakr al-Baghdadi, dem er nach der Ausrufung des Kalifats die Treue geschworen habe, wie der Attentäter in einem Telefoninterview betonte.