«Die Muslimbruderschaft ist fundamentalistisch und will einen Gottesstaat errichten.» So war es in den letzten Tagen in verschiedenen Medien zu lesen. Israel, die USA und der Rest der westlichen Welt macht sich Sorgen. Wie berechtigt sind sie?

«Als politischer Akteur ist die Muslimbruderschaft mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln», sagt Christian Wolff, Doktorand in Politik-Wissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der bereits zur Muslimbruderschaft publiziert hat und über gute Kontakte in Ägypten verfügt. Das heisse nicht, dass sie einen islamischen Gottesstaat anstrebe. «Sie ist Teil des ägyptischen Systems, aber sie wird keine absolute Mehrheit bekommen. Und sie will auch keine islamistische Revolution.» Mehr als 20 bis 30Prozent der Stimmen liegen nicht drin. Das zeigen die Wahlen von 2005, als Mubarak auf US-Druck hin die Bruderschaft zuliess. Damals holte sie rund einen Fünftel der Sitze im Unterhaus.

«Eigentlich verboten, aber toleriert»

Der schlechte Ruf, den die Muslimbruderschaft im Westen hat, rührt auch daher, dass das Mubarak-Regime sie instrumentalisiert hat. In dieser Richtung äussert sich auch der Publizist Adam Shatz in der «London Review of Books»: «Banned yet tolerated» – «eigentlich verboten, aber doch toleriert», das sei der Status der Bruderschaft unter dem Mubarak-Regime gewesen. «Verboten», weil sie fürs Regime eine ernst zu nehmende Gefahr gewesen wäre, wenn man sie ungehindert am politischen Prozess hätte teilnehmen lassen; «toleriert» hingegen, weil dies Mubarak erlaubt habe, «sich als einziges Hindernis gegen eine islamistische Machtübernahme zu präsentieren».

Die Muslimbruderschaft hat gestern angekündigt, dass sie die internationalen Verträge Ägyptens anerkennen würde, falls sie an der Regierung beteiligt würde. Darunter fällt natürlich der Friedensvertrag mit Israel. Ein starkes Signal an die westliche Welt. Wolff glaubt, dass man der Bruderschaft in dieser Beziehung durchaus trauen kann. «Diese Leute wissen, dass sie realpolitisch keine Chance haben, irgendetwas gegen Israel zu unternehmen. Sie werden sich auf interne ägyptische Probleme konzentrieren.»

Bruderschaft und Dschihad

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 vom Lehrer Hassan al-Banna gegründet. Sie war zwar antikolonialistisch gedacht, hatte aber ursprünglich friedliche Ziele. In den Jahren um den Zweiten Weltkrieg hatte sie durchaus gewaltsame Phasen, beteiligte sich 1952 am Putsch gegen König Faruk, war 1954 aber an einem Attentat gegen Nasser beteiligt. Dann wurde Sayyid Qutb, der Dschihad-Theoretiker, einer ihrer Vordenker. Er erklärte auch dem ägyptischen Staat den Heiligen Krieg und wurde 1966 hingerichtet. Auf ihn berufen sich vor allem die Terroristen von al-Kaida (Mohammed Atta und Aiman az-Zawahiri). Mit der Machtübernahme von Anwar es Sadat (1970) schwor die Muslimbruderschaft der Gewalt ab. «Man will zwar nicht, dass sie
an die Macht kommt», sagt Bruderschaft-Experte Wolff, «aber die Muslimbruderschaft hat in Ägypten keinen schlechten Ruf. Insbesondere hält man sie nicht für korrupt.»

Welche politischen Ziele verfolgt die Bruderschaft? «Erstes Ziel wäre wohl die Verbesserung der Situation der ‹kleinen Leute›», sagt Wolff, «das heisst die Setzung gewisser Wohlfahrtsstandards. Ich würde durchaus auch die individuellen Freiheitsrechte und die Rechtstaatlichkeit zu ihren Zielen rechnen.» Wirtschaftlich trete sie für eine im islamischen Rahmen freie, soziale Marktwirtschaft ein.