Für Grossbritannien fällt die Unterhauswahl auf einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn das Land steckt mitten in einer tiefen Identitätskrise. Überschattet wird derzeit alles von der schwierigen Innenpolitik. Vor allem geht es um drei Problemkreise: die Schulden- und Finanzlage, der schrille schottische Nationalismus, der zum Auseinderbrechen des Vereinigten Königreiches führen könnte und der mögliche Austritt aus der EU.

Die Schuldenlast des Landes ist immer noch eine der höchsten innerhalb der EU. Die Statistiken was Wachstum und Rückgang der Arbeitslosigkeit angeht, sehen relativ gut aus. Aber nur wenige Briten sehen die schlimme Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre als überwunden an. Der rigorose Sparkurs der seit fünf Jahren regierenden konservativ-liberaldemokratischen Koalition deutet auch nicht darauf hin.

Kürzungen und Einschnitte dominieren nach wie vor die Tagespolitik und so soll es auch während der nächsten fünf Jahre weitergehen. Premierminister David Cameron und Schatzkanzler George Osborne sind seltsamerweise davon überzeugt, dass die Wahlen mit einem solch harten Sparkurs zu gewinnen sind. Das ist unwahrscheinlich. Dies wird auch allmählich im Tory-Hauptquartier erkannt. Hektisch wurden in den letzten Tagen noch schnell alle möglichen Wahlversprechen gemacht, um das Ruder herumzureissen.

Das Problem mit den Schotten

In der schottischen Frage befindet sich die Regierung Cameron ebenfalls in der Defensive. Das Bestreben Schottlands, aus der 1707 eingegangenen Union mit England auszuscheren, wird immer stärker. Das für die Nationalisten verloren gegangene Referendum über eine Unabhängigkeit Schottlands vom vergangenen September hat paradoxerweise nicht zu einer Klärung der Lage beigetragen. Im Gegenteil. Es ist nicht ausgeschlossen, das die Scottish National Party (SNP) und ihre geschickte Parteiführerin Nicola Sturgeon alle 59 Sitze gewinnen, die Schottland im Londoner Parlament zustehen. Die in jedem Fall zu erwartende starke Mehrheit der SNP in Schottland wird die Regierungsbildung in London sehr erschweren. Sowohl die Labour-Partei als auch die Torys lehnen jede Zusammenarbeit mit der SNP ab.

Besonders heftig wird im Vereinigten Königreich nach wie vor die europäische Frage diskutiert. Nur relativ wenige Briten sehen ihr Land als integralen Teil Europas an. Doch mittlerweile sind die EU-Länder die grössten Handelspartner Grossbritanniens. Auch ist das Land in den vergangenen 40 Jahren immer enger in die EU-Strukturen eingebunden worden. Der Beitritt zur Eurozone und zum Schengener Abkommen wurde aber nicht vollzogen. Das ging den Briten dann doch zu weit. Das Misstrauen gegenüber der EU hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Vor allem befürchtet man, das die EU die britische Souveränität unterhöhlt und alle wichtigen Entscheidungen nicht mehr in London, sondern in Brüssel und Frankfurt getroffen werden. Von solchen Vorurteilen profitiert die Partei UKIP, die für den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU eintritt. Die Partei unter dem geschickt vorgehenden Nigel Farage hat grossen Zulauf. Farage, der alle Probleme des Landes auf die Einwanderung von angeblich ungebildeten und verarmten Ausländern zurückführt, ist ironischerweise Mitglied des Europäischen Parlaments und lässt sich gerne Gehalt und Spesen von Brüssel bezahlen.

Camerons Koalitionspartner, der vom telegenen Vizepremierminister Nick Clegg angeführten kleinen Liberal-Demokratischen Partei, ist die Regierungsbeteiligung nicht gut bekommen. Von den 23 Prozent und 57 Sitzen, die die Partei noch vor fünf Jahren erhielt, werden wohl bestenfalls noch 7 bis 9 Prozent Stimmenanteil übrig bleiben. Das erinnert an das Schicksal der deutschen FDP bei den letzten Bundestagswahlen, auch wenn es in Grossbritannien keine Fünfprozenthürde gibt.

Die schwierige Koalitionsbildung

Wer wird Grossbritannien nach der Wahl regieren? Eines scheint schon jetzt klar zu sein: Weder die Torys noch die Labour-Partei werden eine absolute Mehrheit bekommen und alleine regieren können. Auch in Grossbritannien werden bald kontinentaleuropäische Koalitionsverhältnisse herrschen. Die Torys könnten wieder mit den Liberaldemokraten koalieren. Eine Koalition oder informelle Zusammenarbeit mit UKIP und der SNP lehnt Cameron ab. Auch dürfte die nordirische DUP die Torys unterstützen. Insgesamt stehen Nordirland 18 Sitze in Westminster zu. Aber auch das dürfte wohl nicht reichen, um die Mehrheit der 650 Sitze im Unterhaus zu erreichen. Für Labour wäre ebenfalls eine Koalition mit den Liberal-Demokraten denkbar, eventuell auch eine Kooperation mit den Gründen, aber nicht mit UKIP, der SNP oder der DUP. Zur Regierungsbildung dürfte das nicht reichen.

Wahrscheinlicher ist ganz anderes Szenario. Wie in Berlin wird es womöglich auch in London zu einer Grossen Koalition zwischen den Konservativen und Labour kommen. Nur so könnte eine stabile Regierungsbildung möglich sein. Und wie in Berlin wäre das vielleicht auch für Grossbritannien nicht die schlechteste Lösung, um die tiefe Identitätskrise endlich zu überwinden. Nicht zuletzt kann vielleicht auch nur so die Aufspaltung des Vereinigten Königreiches und der Austritt aus der EU noch im letzten Moment verhindert werden.

Klaus Larres ist Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der University of North Carolina in Chapel Hill, USA.