Organisch blieb alles heil, obwohl die Leibesmasse rücksichtslos durchgewalkt wurde. Aber die Knochen! Ich hätte nie gedacht, dass selbst Rückenwirbel aufjaulen, wenn sie einen Schlag abbekommen. Jeden Knochen, so fühlte es sich an, mussten wir am Ende einzeln wieder in die Gelenkpfannen und Knorpelösen stecken. Es war die schmerzlichste – und auch teuerste – Etappe unserer Reise zum Gran Canal auf der Seite Atlantik.

Der rote Kanal, von Chinesen geplant, 280 Kilometer lang, wird das grösste Bauwerk der Welt. Er zerschneidet Nicaragua von Meer zu Meer, quer durch Mittelamerika. 

Präsident Daniel Ortega schanzte Wang Jing, dem Chef der chinesischen HKND-Group, dafür eine Konzession zu, mit hundert Jahren Laufzeit. Der nicaraguanische Unternehmer-Verband COSEP rieb sich die Hände. Ortega, der 70-jährige Revolutionär im rosaroten Pyjama, eine Kreation seiner eisern esoterischen Frau, ist für «Bisneros» der bessere Amigo als ein plump blutrünstiger Caudillo alten Stils. Das Parlament, von Sandinisten beherrscht, nickte alles ab; das Volk wurde nicht gefragt. Vor Gericht, auf allen Instanzen ebenfalls mit Sandinisten durchsetzt, blitzt garantiert jeder Einsprecher ab, dem der Kanal Land und Würde nimmt.

El Grand Canal - Reportage von Max Dohner 2. Teil

El Grand Canal - Reportage von Max Dohner 2. Teil

Nicaragua - ein Land steht vor dem Querschnitt:  Zweiter Teil der Reise vom Pazifik zum Atlantik. Chinesen schlagen eine Schneise durchs Land. Einen Kilometer breit, 280 Kilometer weit. «El Canal», das grösste Bauwerk der Welt

Yolanda vor dem PC im Chefbüro der Hafenpolizei
Bluefields ist eine dieser fiebrigen, leicht chaotischen, immer auch leicht bedrohlichen Provinzstädte der Karibik. Als wir da, mein deutscher Reporterkollege und ich, durch die Passagierhalle zum privat gemieteten Schnellboot schritten, wartete eine Delegation Uniformierter am Pier. «Ihr habt keinen Erlaubnisschein», sagten sie. Wir mussten vortraben bei der Capitanía, im Chefbüro der Hafenpolizei.

Erlaubnisschein? Nie davon gehört. Pascal Picot von Oro-Travel, Logistiker der Exkursion, seit zwanzig Jahren tätig im Land, hatte so was mit keinem Wort erwähnt. Der deutsche Kollege erinnerte sich, dass europäische Journalisten schon ausgewiesen worden seien, weil sie herumstrolchten in der Nähe des Kanals. Als Touristen hatten Uwe und ich seit Tagen schon mit öffentlichen Lanchas jeden Winkel hier, jede Flusswindung, jede Lagune erkundet. Ohne dass wir deswegen einmal behelligt oder befragt worden wären.

Im Büro von Teniente Alvarez war es erstickend schwül. In Alvarez’ Rücken sass Yolanda mit verschränkten Armen vor dem flimmernden PC. Ihre Mimik hatte sie erstarren lassen zu einer coolen Gangsta-Bitch-Maske, wie sie Schwarze gern aufsetzen, selbst jetzt, bei Mitgefühl oder Neugier. Yolanda rührte sich nur auf Geheiss des Tenientes. Etwa als er sie anwies, die Aircondition einzuschalten für die schwitzenden Bleichgesichter vor ihm.

Zum Hauptmann befördert, erteilte der Leutnant die Erlaubnis
Leutnant Alvarez verblüffte uns. Der Mann erfüllte hier wirklich eine Pflicht. Landläufig wäre es, eine bürokratische Hürde zu erfinden, die sich dann, sobald ein paar Dollars die Hand gewechselt hatten, sofort wieder in Luft auflöste. Alvarez aber prüfte jedes Detail. Er befahl Yolanda, eine Verbindung herzustellen zu Oro-Travel in Granada und zur lokalen Tourismusbehörde. Nicht einmal die hatten eine Ahnung von «Erlaubnisschein», von einem «obligatorischen Touristenguide». «Wir sind», lächelte Alvarez und rieb sich das Kinn, «nun mal verantwortlich für den Schutz der ausländischen Besucher im autonomen Gebiet der Eingeborenen.» Er hatte offensichtlich Anweisung von oben, aber der Vorwand, um uns an der Reise zu hindern, bröckelte ab. Alvarez entschloss sich, die wahre Sorge aufzudecken: «Y el Canal?»

Der Leutnant war ein alter Wolf. Vor ihm den Naiven zu spielen, hätte er mit Leichtigkeit als Farce durchschaut. Also sprachen wir vom Kanal – und legten im gleichen Zug den Tourismuskontrakt mit Oro-Travel auf den Tisch. Monkey Point lag eine gute Stunde entfernt – mit dem Schnellboot, dessen Yamaha-Motor bei Topspeed literweise Sprit versäuft. «Nach allem, was wir hören, Capitán, ist Monkey Point voller Frieden, ein Paradies. Danach wollen wir weiter nach Punta Gorda ...»

El Grand Canal - Reportage von Max Dohner 1. Teil

El Grand Canal - Reportage von Max Dohner 1. Teil

Autor Max Dohner macht sich auf, dem Jahrhundertbauwerk El Grand Canal in Nicaragua auf den Grund zu gehen. Der 260 Kilometer lange Kanal soll den Pazifik und den Atlantik verbinden. Das Projekt ist stark umstritten: Neben einem wenig transparenten chinesischen Investor und den weitreichenden Eingriffen in die Natur sind rund 100000 Menschen in ihrer Lebensgrundlage bedroht. Davon sind viele indigene Gruppen. 

Alvarez runzelte die Stirn, trotz eben erfolgter Beförderung durch uns zum Hauptmann. Bei Punta Gorda lag der eigentliche Mündungspunkt des neuen Kanals, Punta Aguila. Monkey Point sollte zum Hafen ausgebaut werden. «Offenbar», seufzte Alvarez, «liegt die endgültige Entscheidung an mir. Ich lass euch ziehen. Aber nicht bis Punta Gorda. Nur bis Monkey Point. Yolanda, geleite die beiden hinaus.»

Wie Motocross über Holzprügel – ganz hart für Narcotraficos
Je länger der Ritt im Schnellboot durch die Wellen dauerte, desto erleichterter waren wir darüber, dass uns Teniente Alvarez an der ganzen Reise gehindert hatte. Es ist, als würde man mit dem Teufel über Planken, Bretter, Stämme jagen. Vielleicht ist das Wort «brettern» so in Umlauf gekommen. Nach einer Serie von Nackenschlägen standen wir auf, die Hände im Gestänge der Dachplane, um wie im Seitenwagen beim Motocross die Prügel aus weichen Knien abzufedern.

Kein Sport für alte Männer. Aber auch junge Narcotraficos, Drogenschmuggler, müssen wohl Folterqualen leiden, vor allem nachts, da sie unterwegs sind, und im Alter am Knochengerüst schwer dafür büssen. Die Narco-Route von Kolumbien über Costa Rica, Belize bis Mexiko führt genau hier vorbei, wo Bootsführer Charles unsere aufsegelnde und niederknallende Lancha nach Süden peitschte. «Wilde See», keuchten wir nach hinten. «Ah», sagte Charles, «ist ruhig heute.»

Es war eine unsagbare Wohltat, endlich in der Bucht von Monkey Point zu liegen. Noch eine ganze Weile blieben wir erschöpft sitzen. Auch weil einer dieser so milden lauen Tropenregen einsetzte, wonach man sofort wieder trocknet. Rings war alles still.
Und da wurde uns allmählich das Sonderbare der Lage bewusst.

Als Erster zeigte sich der Namensstifter, ein Kapuzineraffe
Die Einheimischen mussten uns seit langem bemerkt haben. Der letzte fremde Besucher, hatten wir gehört, sei vor zwei Jahren vorbeigekommen. Es fühlte sich ein wenig historisch an, also gespenstisch. Wie Doktor Livingstone und Kolumbus zusammen. Wie geht man als Marsianer auf Eingeborene zu? Wie lange wird man beobachtet, bis sie sich zu erkennen geben?

Achtzig bis hundert Familien lebten hier im Wald und an der Küste. Im Dorf waren alle Türen, alle Häuser offen. Wäsche hing an der Leine. Nur ein Geschöpf bewegte sich: der Namensstifter, ein Kapuzineraffe an der Leine.

Endlich waren auch Stimmen zu vernehmen. Als wir uns umdrehten, standen plötzlich Kinder und Frauen an den Fenstern. Sie sagten nichts, schauten minutenlang einfach ruhig und etwas amüsiert herunter. Kaum mit ihnen ins Gespräch gekommen, tauchten von den Seiten Männer auf, betont beiläufig, aber sicher aufmerksam.

Allen voran Mister Sullivan (50) und Harley (42) – wie man sofort spürte: Autoritätspersonen. Nur einer wurde im Dorf mit Nachname angesprochen, Mister Sullivan. Harley war der Vize-Häuptling, oder Vize-Leader, wie man heute sagt im Atlantico Sur.

Nach tiefen Missverständnissen seitens der Revolutionäre, nach völlig missglückter «Bewusstseinsbildung» im Dschungel – «Gehirnwäsche», sagen die Costeños –, nach blutigen Kämpfen während des sogenannten Contra-Krieges, der in den Achtzigerjahren am Atlantik, von der Welt ignoriert, wohl am heftigsten wütete, war das Gebiet in Autonomie der indigenen Bevölkerung zugesprochen worden. Der Autonomie-Status bietet der Regierung am Pazifik den Vorwand, den Atlantik schulterzuckend seinem Elend und Schicksal zu überlassen.

Der Nicaragua-Kanal

Mister Sullivan wirkt im ganzen Habitus diplomatisch. Harley hingegen ist gestauter Grimm anzumerken. Sein Witz ist schnell und furchtlos politisch unkorrekt. Er habe, sagt er zur Begrüssung, die Frauen angewiesen, aus uns Hackfleisch zu machen und als Lunch zuzubereiten. Lange sitzen wir zusammen auf einer improvisierten Bank: ein Brett, quergelegt auf alten Eisenbahnachsen, hinter uns ein Plakat mit frommen Sprüchen für die Indigenen.

Am Atlantik sind alle Bedingungen so, dass dem neuen Kanal nichts als erbitterten Widerstand erwachsen wird – bzw. erwachsen würde. Harley erklärt, wieso sich trotzdem niemand zur Wehr setzen wird: «Die Leute leiden heute noch unter dem Kriegstrauma. Sie sind wie gelähmt. Weit und breit ist kein Leader auszumachen, mit genügend Charisma für den Kampf.»

Harley, der womöglich die Kraft, den Willen, den Verstand dazu hätte, redete hier vielleicht von oder für sich. 

Champagner in zehn Jahren
In zehn Jahren, machen wir ab, treffen wir uns exakt hier wieder. Und begiessen den Kanal, oder was davon übrig bleiben wird. So wenig wie vom gleichen Projekt hundert Jahre zuvor: ein paar Zementröhren, Eisenräder und der Rostkessel einer Dampflok. «Ich bringe den Champagner mit», sagte ich. «Einverstanden», antwortete Harley, «aber keinesfalls chinesischen!»