Südafrika

Wenn jeder Weg viermal länger ist

In Südafrika sind Behinderte von der Gesellschaft ausgeschlossen. Foto: Keystone

In Südafrika sind Behinderte von der Gesellschaft ausgeschlossen. Foto: Keystone

In der Verfassung Südafrikas sind Behinderte anderen Bürgern gleichgestellt – in Wirklichkeit werden sie jedoch massiv diskriminiert .

Seit einem Autounfall in 1992 sitzt Nosisa Hlwatika im Rollstuhl. Ihr Leben hat sich seitdem dramatisch verändert. Nicht nur, weil sie nicht mehr gehen kann, sagt sie. Sondern vor allem, weil es in Südafrika so gut wie keine Massnahmen gibt, die das Leben körperlich und geistig Behinderter erleichtern.

Bahnhöfe haben keine Rampen oder Lifte, öffentliche Gebäude sind nur selten rollstuhlgerecht, und es gibt nur wenige behindertengerechte öffentliche Toiletten. «Die Regierung behandelt uns wie zweitklassige Bürger. Mein Leben im Rollstuhl ist eine grosse Herausforderung», klagt die 41-Jährige. «Ich brauche viermal so lange wie nicht behinderte Menschen, um irgendwo anzukommen. Sogar Freunde besuchen ist schwierig. Oft verlasse ich mein Haus erst gar nicht. Ich fühle mich total isoliert», erzählt Hlwatika.

Die Ausrede mit dem Geld

Obwohl Südafrika Ende 2007 die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifizierte und die Verfassung bereits seit 1994 Gleichberechtigung für Behinderte sicherstellen soll, sieht die Realität anders aus. «Es besteht ein krasser Widerspruch zwischen den offiziellen Rechten von Behinderten und deren Alltagsleben», sagt Professor Steven Friedman, Direktor des Zentrums für Demokratieforschung in Johannesburg. Es sei einfach, ein Dokument zu unterzeichnen, das die Rechte von Behinderten sichert. Es benötige jedoch fassbaren politischen Willen, um Richtlinien umzusetzen. «Und die Ausrede ist immer, dass nicht genug Geldmittel vorhanden sind», meint Friedman.

«Behinderte in Südafrika sind ganz klar nicht gleichberechtigt. Ganz im Gegenteil. Die meisten werden von der Gesellschaft ausgeschlossen», sagt Friedman. Das ist vor allem für Behinderte der Fall, die zu den rund 40 Prozent der Südafrikaner gehören, die unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag leben. Sie sind auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen, das in ländlichen und semi-urbanen Gebieten so gut wie keine behindertengerechten Dienstleistungen anbietet. Oftmals haben Kliniken keine Krücken oder Rollstühle verfügbar. Vielen körperlich Behinderten bleibt nichts anderes übrig, als zu Hause im Bett zu liegen. Und wer in einem der Slums lebt, muss es irgendwie schaffen, das öffentliche Plumpsklo zu benutzen und Wasser aus dem Dorfbrunnen zu schöpfen.

Keine Schulen für Behinderte

Die Diskriminierung beginnt für viele schon im Kindesalter. Es gibt nur wenige Schulen für geistig und körperlich Behinderte und noch weniger Schulen, die Behinderte in den Unterricht integrieren. «Ihr ganzes Leben lang müssen Behinderte versuchen, sich durchzuschlagen. Die grundlegendsten Dinge stehen uns nicht zur Verfügung», beschwert sich Jabaar Mohamed, Vorstandsmitglied des Taubstummenverbandes Südafrika (DeafSA). «Wir haben Lehrer, die an Schulen für Taubstumme angestellt sind, aber keine Zeichensprache beherrschen. Wir haben Schulen für Blinde, die keine Bücher mit Blindenschrift haben.»

Dennoch gibt es Hoffnung. «Die Ratifizierung ist ein Wendepunkt für Südafrika», glaubt Shuaib Chalklen, UNO-Sonderberichterstatter für die Behinderten. «Sie bedeutet, dass Südafrika offiziell Behindertenrechte zur nationalen Verantwortung und Pflicht gemacht hat. Massnahmen für Behinderte sind damit nicht länger reine Wohltätigkeit und Nächstenliebe.» Es sei nun die Aufgabe der Behinderten, sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse auf die nationale Tagesordnung gesetzt werden und die Regierung zur Rechenschaft gezogen wird. «Behinderte Südafrikaner müssen ihre Stimmen hörbar machen, denn niemand anders wird sich für ihre Rechte einsetzen», erklärt Chalklen, ein Südafrikaner, der selbst im Rollstuhl sitzt.

Zuma verspricht Besserung

Präsident Jacob Zuma gab im Dezember während einer Ansprache am Weltbehindertentag zu, die Regierung sei nachlässig gewesen, was die Rechte von Behinderten betrifft. Er versprach, vor allem die Beteiligung von Behinderten in der Wirtschaft zu erhöhen. In diesem Jahr sollen geistig und körperlich Behinderte zwei Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Momentan sind nur 0,9 Prozent aller Angestellten behindert.

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