Mit dem Angriff auf Dutzende Ziele in Syrien würde Israel das Kapitel der sich seit Wochen zuspitzenden Anspannung und das Warten auf einen Vergeltungsschlag der iranischen Revolutionsgarden gern ad acta legen. Demonstrativ entspannt lief der Alltag auf den annektierten Golanhöhen gestern Donnerstag wie gewohnt weiter. Die Schliessung von Kindergärten und Schulen sei noch nicht einmal erwogen worden, verlautete aus Sicherheitskreisen, und das obschon die israelische Luftwaffe in der Nacht die schwersten Angriffe seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 auf Ziele in Syrien geflogen war.

Kurz zuvor hatten iranische Revolutionsgarden rund 20 Raketen auf mehrere israelische Militärstützpunkte abgefeuert, von denen die meisten von einem Abwehrsystem abgefangen werden konnten. Während es auf israelischer Seite weder zu Verletzten noch Sachschaden kam, berichtete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte von 23 Todesopfern, darunter offenbar zahlreiche Ausländer.

Infrastruktur getroffen

«Ich hoffe, dass unsere Botschaft angekommen ist», resümierte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, der am Morgen an einer Sicherheitskonferenz teilnahm. «Wenn es bei uns tröpfelt, wird es bei ihnen (den Iranern) stürmen», so fasste er zusammen. «Nahezu die gesamte iranische Infrastruktur in Syrien» sei getroffen worden. Israel werde nicht zulassen, dass Teheran aus Syrien eine Militärbasis mache.

Überraschende Rückendeckung erreichte den Judenstaat aus Bahrain. «Solange der Iran die Region destabilisiert», twitterte Aussenminister Chalid bin Ahmed, «hat jedes Land in der Region, auch Israel, das Recht, sich zu verteidigen.» Bahrain unterhält keine offiziellen Beziehungen zu Israel.

Der iranisch-israelische Schlagabtausch hatte sich lange angekündigt, wobei die israelische Armee erst diese Woche mit der Einberufung von Reservisten begann und die öffentlichen Bunker im Norden öffnen liess. Der erhöhte Alarm folgte der Drohung Teherans, den Angriff auf den überwiegend von iranischen Revolutionsgarden genutzten Luftwaffenstützpunkt T4 zu vergelten. Bei dem der israelischen Luftwaffe zugeschriebenen Angriff waren Anfang April sieben Mitglieder der Revolutionsgarden getötet worden.

Es begann mit einer Drohne

Israel hielt sich über die vergangenen Jahre weitgehend aus dem Bürgerkrieg in Syrien raus mit Ausnahme von Rüstungslieferungen, die via Syrien an die schiitische Hisbollah im Libanon gehen. Regierungschef Benjamin Netanjahu liess im Gespräch mit europäischen Politikern durchblicken, dass die Luftwaffe «Dutzende Angriffe» auf Waffenlieferungen geflogen sei.

Die direkte Konfrontation zwischen israelischen und iranischen Truppen begann mit einer Drohne, die offenbar von dem iranischen Luftwaffenstützpunkt T4 Richtung Israel geschickt worden war, jedoch noch abgefangen wurde, bevor sie Schaden anrichten konnte. Die Raketenangriffe in der Nacht zu gestern waren die ersten iranischen Angriffe auf israelische Militäreinrichtungen. Die syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, das Luftwaffenabwehrsystem hätte «Dutzende israelische Raketen» abfangen können. In Militärkreisen sei die Rede von einer «neuen Phase der Aggression gegen Syrien».

Israels Minister für Energie und Infrastruktur Juval Steinitz (Likud) hatte vor ein paar Tagen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad direkt bedroht. Wer sein Land für Militärbasen eines Feindes von Israel hergebe, dürfe sich selbst nicht mehr sicher fühlen, meinte Steinitz, der mit seiner Warnung vermutlich auch auf Moskau zielte. Israel hofft nach wie vor auf das Zutun des russischen Präsidenten Wladimir Putin, um eine dauerhafte Stationierung iranischer Revolutionsgarden in Syrien zu unterbinden. Die Zukunft Syriens war sicher auch zentrales Thema der Beratungen zwischen Putin und Netanjahu, der erst diese Woche erneut selbst nach Moskau reiste.