Enanit Ayele (28) sitzt mit 20 Männern im Halbdunkel eines Raums. Vor sich eine Büchse voll Bier. Die Büchse ist angerostet. Viele haben schon daraus getrunken. Das Bier ist selbst gemacht, schmeckt säuerlich. Enanit braucht beide Hände, um die Büchse zum Mund zu heben. Die Männer auch.

Die Menschen, die hier sitzen, kommen alle aus demselben Dorf. Sorba heisst es. Sie sind nicht in das Städtchen Lalibela gekommen, um die berühmten Felsenkirchen zu sehen. Sie sind hier, um Weizen und Öl zu holen. Schon gestern früh sind sie die fünf Stunden durch die trockene Landschaft nach Lalibela gegangen. Bekommen haben sie nichts. Zu gross war der Ansturm vor den Zelten, in denen die Regierung Lebensmittel verteilt. Sie haben in der Stadt übernachtet und hoffen, dass sie heute an die Reihe kommen.

Enanit Ayele ist nie zur Schule gegangen. Sie weiss nichts über den Klimawandel. Sie hat noch nie etwas vom Wetterphänomen El Nino gehört. Sie weiss nicht einmal genau, wie alt sie ist. Sie weiss nur, dass sie, ihre drei Kinder und ihre blinde Mutter auch morgen etwas essen müssen. Darum ist sie hier. In ihrem Dorf gibt es nicht genug, weil der Regen nicht gekommen ist, die Bauern deshalb schon lange nichts mehr ernten konnten. Wer Vorräte hatte, hat sie längst aufgebraucht.

Seit Anfang Jahr bezieht Enanit Nahrungsmittelhilfe

In anderen Teilen Äthiopiens haben die Menschen wegen der Dürre ihre Tiere verloren. Statt acht Millionen sind zurzeit rund 20 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Das ist fast jeder fünfte Äthiopier. Die äthiopische Regierung hat die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten. 1,5 Milliarden Franken werden benötigt, um die Hilfe aufrechterhalten zu können – umgerechnet 30 Milliarden äthiopische Birr. Für die Bewohner von Sorba, die hier sitzen und warten, sind die drei Birr erwähnenswert, die sie dem Wachmann am Brunnen pro Monat fürs Wasser bezahlen.

Seit Anfang Jahr bezieht Enanit Ayele Nahrungsmittelhilfe. Die Hilfe gibt es nicht umsonst. Für zehn Kilo Weizen und eine Flasche voll Öl leistet sie gemeinnützige Arbeit an fünf Tagen pro Monat. Sie hilft Pfade auszubauen, Bäume zu pflanzen. «Productive safety net» heisst das Programm. Es ist ein Projekt der äthiopischen Regierung und verschiedener Hilfsorganisationen. Wer jung und stark ist, soll für seine Nahrungsmittel arbeiten. Das Programm besteht in dieser Region seit mehr als zehn Jahren. Weil Hunger hier normal ist. Weil die Menschen hier auch in anderen Jahren verhungern würden. «Safety net» ist das einzige Wort, das Enanit auf englisch kann. Es wirkt fremd im weichen Singsang der amharischen Sprache – «Safety net».

Am Nachmittag kommen die Bewohner von Sorba an die Reihe. 50-Kilo-Säcke voll Weizen und Kanister gefüllt mit Öl tragen sie aus dem umzäunten Gelände. Auf den Säcken und den Kanistern steht «US AID – From the American People». Das Öl ist angereichert mit Vitamin A und D. Vitamin- A-Mangel macht blind, Vitamin-D-Mangel verursacht Knochenschwund. Noch auf der Strasse verteilen sie den Weizen und jeder füllt seinen Anteil Öl in eine leere PET-Flasche.

Die Bewohner von Sorba haben Glück. Einen grossen Teil des Rückwegs in ihr Dorf können sie auf einem Lastwagen mitfahren. Nur die letzte Stunde den Berg hinauf ins Dorf müssen sie zu Fuss gehen. Die Landschaft ist spektakulär: Hochplateaus und weite Täler, dazwischen Äcker und immer wieder Kinder, die allein mit Kühen oder Schafen durch die karge Landschaft ziehen.

Mit 12 Jahren war sie zum ersten Mal schwanger

Das Zuhause von Enanit ist eine runde Hütte am Rand des Dorfes. Mit Wänden aussen aus Ästen und innen aus Lehm und Stroh. Aus Lehm sind drinnen auch Regale und Nischen gebaut, alles unverrückbar. Darin liegen Zwiebeln, ein Tontopf mit Öl, kleine Kaffeetassen, ein Säckchen grüne Kaffeebohnen. Nichts ist überflüssig, alles ist an seinem Platz. Neben dem Regal stehen weitere grosse Lehmgefässe. Darin bewahrt die Familie ihre Nahrungsmittel auf – Weizen, Mehl, Chili. Ein Tonbehälter ist gefüllt mit Wasser.

Enanit ist verschwitzt vom Aufstieg ins Dorf. Sie schöpft etwas Wasser aus dem Tongefäss, giesst es sich in die Hand, fährt mit der Hand einmal übers Gesicht. Das Wasser rinnt zwischen den Fingern auf den Boden und versickert. Durch das Dach aus Ästen dringt nur wenig Tageslicht ins Haus. Die Küche mit der Feuerstelle ist in einer separaten, kleineren Hütte.
Die Tattoos im Gesicht stach man Enanit bereits als Mädchen, um sie noch hübscher zu machen. Auch verheiratet wurde sie bereits als Kind. Mit ungefähr 12 Jahren wurde sie zum ersten Mal schwanger, gebar einen Sohn. Etwa fünf Jahre später kam ihr zweites Kind, eine Tochter, zur Welt. Kurz darauf verliess ihr Mann sie, weil aufflog, dass er schon verheiratet war, schon eine andere Familie hatte. Enanit ist seither allein. Mit den zwei Kindern zog sie in das Haus ihrer Mutter.

Um Geld zu verdienen, sammelt sie Holz, hackt es in Stücke, schnürt es zu grossen Bündeln und verkauft diese unten im Dorf an der Strasse. Von der Milch der drei Kühe macht sie Butter, die sie samstags auf dem Markt verkauft. Sie besitzt eine Mutterkuh und zwei Kälber und Hühner. Sobald die Küken gross genug sind, verkauft sie sie. Wann immer es Arbeit gibt, hilft Enanit den Bauern im Dorf. Sie trägt Steine vom Acker, hilft zu säen, zu ernten.

Nun gab es schon lange keine Arbeit mehr. Wegen der Dürre konnten die Bauern kaum etwas anpflanzen. Früher gab es zwei Regenzeiten, zwei Erntezeiten. Nun ist der Regen unvorhersehbar geworden. Manchmal kommt er, manchmal nicht. Die weissen Baumwolltücher, die von Männern und Frauen getragen werden, sind oft braun vor Schmutz. Die Menschen riechen. Auch Enanit. Nicht unangenehm. Es ist der Geruch dieses Lebens. Wasser wird zum Trinken gebraucht.

Die Mutter ist blind, weil sie so viel geweint hat

An den dürren Beinen der Kinder wirken die Knie zu gross. Auch Enanits blinde Mutter ist ausgemergelt. Sie kauert vor der Hütte, ihre Augen sind verschlossen, auf den Lidern sitzen Fliegen. Viele Menschen in dieser trockenen Gegend sind blind oder leiden an Augenkrankheiten, weil sie zu wenig Wasser haben, um ihre Gesichter zu waschen, und weil die Fliegen ihre Augen immer wieder von neuem infizieren.

Enanit erzählt, dass ihre Mutter nicht wegen einer Krankheit blind sei, sondern weil sie so viel geweint habe. Es sei vor 20 Jahren gewesen, als ihr ein Dieb alles gestohlen habe, was sie besass – ein Esel, fünf Schafe, zwei Kühe und 90 Birr.

Manchmal kauert die Grossmutter vor dem Haus, dann wieder im Haus. Enanit hilft ihr, wenn sie den Platz wechseln will, legt das Ziegenfell so hin, dass sie weicher sitzen kann. Es gibt weder Radio noch Fernseher zur Zerstreuung. Oft hat die alte Frau den Kopf abgestützt, hält die Hände schützend vor die Augen. Um die Mittagszeit legt die Tochter der Mutter einen Fladen Injera in die Hand. Die alte Frau reisst kleine Stücke ab und schiebt sie sich in den Mund.

Fast beschämt gibt Enanit zu, dass sie manchmal Hunger hat

Injera ist das Grundnahrungsmittel der Menschen in Äthiopien. Ein säuerlicher Teigfladen, den die Frauen alle paar Tage zubereiten. Injera wird aus Tef gemacht, einer einheimischen Hirseart. Enanit mischt den Teig in einer leeren «US AID»-Büchse. Weil Tef zurzeit teuer ist, streckt sie das Mehl mit dem Weizen der Regierung.

Auf einem Injera-Fladen werden Saucen, Gemüse oder Fleisch in kleinen Häufchen verteilt. Gegessen wird von Hand aus einer Platte. Enanit und ihre Kinder essen immer Injera. Manchmal mit einer Paste aus Chili, Salz und Öl. Oder mit einer flüssigen Sauce aus Kichererbsenmehl. Meist essen sie nur Injera. Erst auf Nachfrage sagt Enanit, dass sie manchmal Hunger haben. Sie sagt das leise, fast beschämt.

Wer Durst hat, öffnet den Lehmtopf und schöpft mit dem Becher Wasser daraus. Das Wasser ist vom Brunnen. Der Brunnen ist zwei Stunden vom Dorf entfernt. Alle drei Tage darf Enanit zwei 25-Liter-Kanister holen. Weil sie nicht beide Kanister auf einmal tragen kann, lässt sie einen Kanister beim Wachmann am Brunnen zurück. Sie holt ihn am Nachmittag.
Um sich und die Kleider zu waschen, geht Enanit an den Fluss, etwa 40 Minuten entfernt zu Fuss. Sie selbst besitzt drei Röcke. Ihre Tochter zwei. Ihr Jüngster hat eine blaue Hose und einen blauen Pullover, die Hosen sind schon mehrmals geflickt. Wenn Enanit seine Kleider wäscht, zieht sie ihm ein altes T-Shirt an, das er trug, als er kleiner war. Es reicht ihm gerade noch bis zum Bauchnabel. Es muss reichen, bis seine Kleider wieder trocken sind. Enanit beginnt zu lachen, als sie beschreibt, wie sie dem Vierjährigen dieses kleine Shirt anzieht.

Während sie einen Beschützer suchte, wollte er nur Sex

Enanits Tochter Genet (10) hütet die Kühe der Familie. Ihr Sohn Abebe (15) hütet die Schafe der Nachbarn. Dafür bekommt Enanit zweimal im Jahr eine Büchse Weizen und ihr Sohn jeden Tag eine Mahlzeit. Einfacher wäre ihr Leben, wenn sie einen Mann hätte, sagt sie. Dann könnten sie sich die Arbeit teilen und die Kinder könnten zur Schule gehen. Doch nun braucht sie ihre Hilfe. Darum mussten Abebe und Genet die Schule vor zwei Jahren abbrechen. Und auch, weil Enanit die Stifte und Schulhefte nicht mehr bezahlen konnte.

Vor fünf Jahren hat sie einen zweiten Versuch gewagt einen Mann zu finden. Doch während sie einen Beschützer suchte, wollte er bloss Sex. Sie wurde schwanger. Der Mann heiratete eine andere. Enanit sagt, dass ihr die Leute im Dorf rieten, das Kind wegmachen zu lassen. Es ohne Vater aufzuziehen, wäre zu schwierig. Enanit versuchte es – das Kind wegzumachen. Die Abtreibung misslang und als sie es merkte, war es zu spät. Wie durch ein Wunder kam das Kind gesund zur Welt. Nun ist Achenafi schon vier Jahre alt.

Enanits Mutter, die bisher schweigend dasass, mischt sich ins Gespräch ein: «Achenafi», sagt sie, «das bedeutet Gewinner.» Die blinde Frau lächelt. «Er lebt, niemand hätte das gedacht.» Sie sagt, Achenafi sei der Liebling der Familie seit er hier sei. Dann schweigt die Grossmutter wieder.

Am späten Nachmittag zieht ein Gewitter auf. Zuerst kommt der Wind, wirbelt die trockene Erde auf. Die Grossmutter, die gerade draussen vor dem Haus kauert, zieht ihr Tuch übers Gesicht, um sich zu schützen. Dann Donner, Blitze. Die 10-jährige Genet ist noch unten am Fluss, um Wasser zu holen. Das Flusswasser ist nicht sauber. Aber zurzeit brauchen die Menschen auch dieses Wasser.

Wolken haben den Himmel verdunkelt. Enanit hilft ihrer Mutter aufzustehen, ins Haus zu gehen. Die Familie sitzt drinnen, niemand spricht. Doch statt Regen kommt Hagel – grosse Körner. Achenafi springt auf, rennt nach draussen, sammelt die Hagelkörner ein, steckt sie sich in den Mund, zeigt sie seiner Mutter.

Erst nach dem Hagel kommt der Regen – heftig. Nach kurzer Zeit tropft es hinein, auf die Strohmatten. Enanit legt die Hände in den Schoss. Achenafi sitzt dicht neben ihr. Lauscht dem Regen. Wartet. Die Tür fliegt auf, Genet ist zurück vom Fluss. Sie keucht, der Rock klebt an ihrem Körper. Sie stellt den gelben Kanister, der voll Wasser, ist auf den Boden. In der Küche zieht sie den Rock aus, wickelt das Tuch der Grossmutter um sich und setzt sich ganz nah ans Feuer.

Bald lässt der Regen nach, die Dunkelheit kommt schnell. Eine Glühbirne gibt es nur in wenigen Häusern im Dorf.

Morgens sind alle Dorfbewohner noch in ihre Baumwolltücher gewickelt. Der Himmel ist wieder blau. Die Hände der Kinder noch kalt. Das öffentliche Plumpsklo gerade besetzt und vor der Mühle warten schon Männern mit ihren Eseln bis sie an der Reihe sind. Vor einem Haus schöpfen zwei Kinder Regenwasser aus einer braunen Pfütze in einen Kanister. Eine Gruppe Frauen kommt aus der Kirche zurück. Auf jeder Stirn ein Kreuz aus Asche.

Wenn Enanit betet, betet sie, dass ihre Söhne einmal selbstständig leben können und dass ihre Tochter einmal einen guten Mann findet. Und für Regen. Mehr Regen. Aber ohne Hagel.
Enanit weiss, dass nicht nur die Menschen in ihrer Region nicht genug Nahrung haben. Als sie das letzte Mal in Lalibela war und auf die Nahrungsmittel wartete, dabei Bier aus der Büchse trank, um Energie für die Heimreise zu tanken, da habe sie es im Fernseher gesehen. Sie erzählt, dass die Leute im Norden und im Süden Nahrungsmittelhilfe bräuchten, dass es schlimm sei. Sie schüttelt den Kopf darüber. Was wenn sie keine Nahrungsmittel mehr bekäme? Enanit Ayele sagt, sie wisse es nicht. Sie wisse nicht, was sie dann tun würde.

Sie bleibt hier, weil sie kein Geld hat, um wegzugehen

Weggehen aus Sorba? Ja, sagt sie. Sie würde gern in der Stadt leben. Da gäbe es vielleicht Arbeit und genug zu essen. Dann wäre sie nicht mehr auf die Nahrungsmittel der Regierung angewiesen. Sie schmunzelt über die Kühnheit dieser Idee. Sagt dann, dass sie hier bleibe, weil sie kein Geld habe, um fortzugehen. Sie sagt das nicht klagend. Es ist bloss eine Feststellung.

Der Regen hat mittlerweile in einigen Gebieten Äthiopiens eingesetzt. Bleiben die Regenfälle, können die Bauern säen und im Herbst ernten. Bis dahin sind sie auf Hilfe angewiesen. Äthiopien hat erst knapp die Hälfte der benötigten 1,5 Milliarden Franken für die Aufrechterhaltung der Nahrungsmittelhilfe zugesichert bekommen. Hilfsorganisationen sagen, dass die Nahrungsmittelvorräte Ende Mai aufgebraucht sein könnten.