Ägypten hat sie, Marokko hat sie, Brasilien, Nicaragua und Kuba, die Philippinen oder Thailand haben sie: eine Touristenpolizei, eine vom normalen Polizeikorps losgelöste Spezial-Truppe in schönen Uniformen, mit geschulten Umgangsformen und guten Fremdsprachenkenntnissen.

Sie sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. Nicht für das Land oder seine Bewohner selbst. Nein, für die Gäste aus aller Welt: sodass sie nicht ausgeraubt werden. Dass sie nicht vergrault werden.

Und sie nicht Freunden und Bekannten abraten, hinzugehen. Letztlich, dass sie wiederkommen, und im Extremfall, dass sie nicht getötet werden. Dass es ihnen nicht gleich ergeht wie den 38 Badegästen, die vor einer Woche in einem Luxushotel beim tunesischen Badeort Sousse niedergeschossen wurden. Im weissen Sand. Von einem jungen Mann, der in der Region als Ferienresort-Animateur gearbeitet haben soll, und dann zum Dschihadisten wurde. Mit einem Maschinengewehr, das er in einem Sonnenschirm versteckt an den Strand gebracht hatte.

Tunesien hat gehandelt: 1000 zusätzliche Beamte verstärken die Touristenpolizei. Sie soll die Touristen in den Badeorten und bei den antiken Sehenswürdigkeiten schützen. Schwer bewaffnet, sollen sie verhindern, dass es zu weiteren Massakern kommt. Was Tunesien nun macht, tut Ägypten schon lange. Es ist dies das erste Tummelfeld der weltweit eingesetzten Touristenpolizeikorps: Touristen vor Terroristen schützen.

Der Antiterror-Trupp

Oder zumindest den Gästen ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Weil Sicherheit eine der Voraussetzungen ist, damit Menschen überhaupt in ein Land reisen. «Sicherheit stiftet zwar nicht mehr Zufriedenheit, sie verhindert aber Unzufriedenheit», sagt der Tourismusexperte Christian Lässer von der Uni St. Gallen.

Und Tunesien ist auf seine Gäste angewiesen: Mit 17 Prozent der Einnahmen ist der Tourismus zu wichtig, als dass das kleine Mittelmeerland darauf verzichten könnte.

In Tunesien kamen nach der Revolution von 2010/2011 die Islamisten an die Macht (bis 2014). Nun mehren sich in den Medien die Berichte darüber, dass es Islamisten gelungen sein soll, die Sicherheitsdienste zu unterwandern. Die Tunesier fragen sich besorgt, ob die tunesische Polizei bereits so weit unterwandert ist, dass Beamte wegschauen, wenn Extremisten einen Anschlag planen.

Jedenfalls schlagen die Tunesier, die sich so gerne als europäisch bezeichnen, mit der Bewaffnung der Touristenpolizei einen ähnlichen Weg wie Ägypten ein. Das Land am Nil hat seine Touristen-Hochburgen am Roten Meer längst abgeschottet und überwacht die Bewegungen der Reisecars in Richtung Sinai elektronisch.

Hightech-Überwachung der Feriengäste und abgeschottete Hotels – Karl Hochstetter hofft nicht, dass es in Tunesien so weit kommen muss. Hochstetter organisiert Reisen nach Tunesien und sagt zweckoptimistisch: «Die bewaffneten Tourismuspolizei-Patrouillen sind eine vorübergehende Beruhigungsspritze.» Für ihn ist klar: Sicherheit wird damit nur suggeriert. «Es kann auch jederzeit eine Bombe am HB Zürich hochgehen. Gegen einzelne Verrückte können auch Tourismuspolizisten wenig bis nichts ausrichten», so Hochstetter.

Der Basar-Trupp

Ganz neu sind Touristenpolizisten für das kleine Land am Mittelmeer nicht, das bei den Gästen mit Strandferien, Thalassotherapien und einem reichen historischen Erbe lockt. Schon während der Ära Ben Ali, der bis zu seiner Vertreibung 2011 mit eiserner Faust regierte, gab es eine Tourismuspolizei. Damals hielt diese vor allem die übermütigen fliegenden Händler in Zaum.

Händler, die mit ihrer aggressiven Strategie den Gästen nicht nur allerlei Ramsch andrehten, sondern diese nachhaltig zu vergraulen drohten.

Dasselbe Ziel hatten die Beamten, die auf den Basaren der marokkanischen Städte für eine Disziplinierung gesorgt haben. Wer vor zehn Jahren durch Marrakeschs Suk lief, wurde unentwegt von den Händlern bestürmt. Kein Vergleich zu heute: Seit die Tourismuspolizei ihren Dienst aufgenommen hat, üben sich die fliegenden Händler in eleganter Zurückhaltung.

Der Suff-Trupp

Andere Kulturkreise, andere Probleme: In beliebten Massentourismusdestinationen wie Thailand oder Costa Rica greifen extra geschulte Polizisten etwa dann ein, wenn es allzu feuchtfröhlich zu- und hergeht.

Zum Beispiel bei einem Fluss in der Nähe der costa-ricanischen Hauptstadt San José, in dem es von Krokodilen wimmelt. Normalerweise sorgen Beamte dafür, dass sich die wagemutigen (oder lebensmüden) Touristen nicht zu sehr dem Wasser nähern. Denn die Biester sind blitzschnell.

Schnell mussten sie jedoch nicht einmal sein, als dieses Jahr ein sturzbetrunkener Costa Ricaner beschloss, beim besagten Ort ein Bad zu nehmen.

Kein Polizist hinderte ihn daran, in den Fluss zu steigen. Kaum war er im Wasser, fielen die Tiere über den Mann her. Vom 22-Jährigen wurden keine Überreste gefunden.

Etwas anders verstehen die thailändischen Touristenpolizisten ihre Aufgabe. Dort haben sie auch schon Kinderporno-Ringe zerschlagen und Pädophile festgenommen.

Auf der Ferieninsel Phuket schlichten zum Teil Freiwillige, darunter sogar Ausländer, bei Touristen, die sich streiten. Bei den hohen Alkoholmengen, die auf der Ferieninsel fliessen, kommt das freilich nicht selten vor.

Allgemein bietet die «Tourist Police» vor allem Dienstleistungen und Hilfe an. Zum Beispiel bei einem verloren gegangenen Pass: Die Beamten wissen genau, welches Formular die europäischen (oder australischen) Gäste benötigen, um auf ihren Botschaften neue Dokumente verlangen zu können. Auf den Philippinen und in Thailand stehen die Wachen vor allem in den Tourismus-Hochburgen. Sogar ihre Dienstwagen sind mit «Tourist Police» angeschrieben.

Der Macheten-Trupp

Die vierte Gruppe der Tourismuspolizisten kümmert sich um den Schutz der Feriengäste vor gewaltbereiten Gangstern. Sie sieht man vor allem in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien, der Dominikanischen Republik oder dem Mittelamerika-Staat Nicaragua.

In diesen Ländern klaffen grosse Klassenunterschiede. Wo Normalbürger wenig bis gar keine Hilfe von den Behörden erwarten dürfen, haben jene mit Geld und den richtigen Freunden Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.

Beispielhaft zeigt sich das anhand des Erlebnisses eines Reporters der «Nordwestschweiz». In der nicaraguanischen Hauptstadt Managua wurde er von Gangstern mit einer Machete überfallen und ausgeraubt.

Erst als ein einflussreicher Bekannter sich der Sache annahm, kam Bewegung ins Spiel. Gut ausgebildete und bestens ausgerüstete Polizisten der Tourismus-Einheit fassten die Täter nur vier Tage nach der Attacke. Und das in einem Land, wo die Polizisten kaum eine Regung zeigen, wenn sich ein Normalbürger bei ihnen auf die Wache wagt.