Frankreich

Wenn die Gendarmen die Räuber sind: Marseille versinkt im Drogensumpf

In Marseille gab es allein in diesem Jahr bereits 20 Morde. GERARD JULIEN/afp

In Marseille gab es allein in diesem Jahr bereits 20 Morde. GERARD JULIEN/afp

Bandenkriege, Polizeikorruption, 20 Milieumorde. Drogendealer halten die Hafenmetropole in Atem. Und die Polizei ist froh, wenn die Probleme in der Nordzone der Stadt bleiben.

Der Vieux Port ist eine einzige Baustelle: Marseille putzt sich als europäische Kulturhauptstadt des nächsten Jahres heraus. Im Café OM, wo der Fussballklub Olympique Marseille seine Siege feiert, geniesst die Stadtjugend die Herbstsonne und überfliegt die neuste Schlagzeile im Lokalblatt «La Provence»: «Flics am Tag, Ganoven in der Nacht».

Polizisten dealen, klauen, erpressen

30 Mitglieder der Nord-Brigade – der Drogenpatrouille in den nördlichen Einwanderervierteln – wurden wegen jener Delikte überführt, die sie verhindern sollten: Dealen, Klauen, Erpressen. In der doppelten Decke ihrer Büros fanden die Ermittler Hasch-Pakete, Schmuckstücke und Bargeldbündel. Angesichts dieses neuen Polizeiskandals werde man «von Schwindel erfasst», entrüstet sich selbst «La Provence», die sich von Marseilles Sitten doch einiges gewohnt sein müsste.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls machte kurzen Prozess und löste die Nord-Brigade auf. Die Autorität stellte er damit aber nicht wieder her: Am Donnerstag durchlöcherten zwei geschminkte Killer vor dem Café Derby einen früh pensionierten Ganoven mit elf Kugeln. Es war der zwanzigste Milieumord in diesem Jahr. Willkommen in der Kulturhauptstadt!

Kriegswaffen statt Kodex

Auch der Unterwelt-Anwalt Frédéric Monneret schüttelt nur den Kopf. «Früher galt im Marseiller Hafen noch eine Art Ehrenkodex», meint er in seinem vornehmen Büro, das eine Ferrari-Imitation schmückt. «Die Banditen heckten Pläne aus, bei denen sie Opfer so gut wie möglich zu vermeiden suchten. Heute dominieren in den Vorstädten Banden, die schon für ein paar Gramm Shit mit Kriegswaffen drauflosballern, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.»

Und was hält der Verteidiger stadtbekannter Gauner von den Flics der Nord-Brigade, die natürlich auch zu seinen Klienten zählen? «Mit dem Geld, das sie den Dealern abnahmen, bezahlten sie ihre Spitzel», bemüht sich der Anwalt. Aber verkauften sie den beschlagnahmten Stoff nicht auch selber weiter? Der Advokat in Nadelstreifen zwirbelt sein Schnäuzchen: «Diese jungen Polizisten verloren den Kopf. Sie kamen mit der extremen Spannung, der extremen Gewalt in der Nordzone nicht zurecht.»

49 Prozent Jugendarbeitslosigkeit

In dieses urbane Niemandsland führt eine einzige Buslinie, die 25. Nach einer halben Stunde Fahrt steigt die letzte weisse Passantin aus; im Vorbeigehen raunt sie dem Auswärtigen noch ungefragt zu: «Passen Sie auf!» Wer an der Haltestelle La Castellane aussteigt, fühlt sich gleich beobachtet. Mindestens ein «chouffeur» überwacht den Eingang in die Cité, an ein Autowrack gelehnt. Andere Wachposten der Drogenbanden finden sich vielleicht unter den Gruppen Jugendlicher, die im Schatten vierzehnstöckiger Wohntürme herumhängen – die Jugendarbeitslosigkeit beträgt hier offiziell 49 Prozent.

In La Castellane sind alle auf der Hut. Ein Jugendlicher zeichnet mit seinem Velo Bremsspuren in den Sandplatz, der wohl einmal fürs Pétanque-Spiel gedacht war. In Griffweite eines Papierkorbs und zweier Handys sitzt einer allein da, den Besucher mit einem unbeteiligten Blick verfolgend. Ein «charbonneur», wie man die eigentlichen Drogenverkäufer hier im Innern der Cité nennt?

«Mit Dealen wirst du nicht alt»

Emmanuel Daher vom «Sozial- und Kulturzentrum La Castellane» schweigt vielsagend. Der lockere Sozialarbeiter aus dem Libanon ignoriert die Dealer wie alle anderen: Man lässt sich in Ruhe und geht sich aus dem Weg. Nur ab und zu muss Emmanuel eingreifen. Letzthin habe er einem Jugendlichen eine kaputte Kalaschnikow abgenommen, meint er, der mit der Polizei auch nichts zu tun haben will. Er ist zuständig für Jugendprävention, anders gesagt: «Ich schaue, dass sie keine Dummheiten machen.» Gemeint ist der Drogenhandel. «Mit Dealen wirst du nicht alt», sagt er seinen Schützlingen jeweils. «Wenn du mal eine Familie gründen willst, musst du etwas weiter denken, zuerst eine richtige Ausbildung absolvieren.»

Das Argument mit der Familie ziehe noch am ehesten, meint Manu. Aber es zieht nicht immer. Dealen ist mit Abstand der lukrativste Wirtschaftszweig in La Castellane, wo die Hälfte der 7000 Einwohner keine Steuern zahlt, weil sie zu wenig verdient. Als Wächter verdiene man etwa 50 Euro, als Verkäufer etwa 100 Euro am Tag, meint der Sozialarbeiter. In der Cité gebe es neun Drogenbanden, weiss Emmanuel. Neun Arbeitgeber. Die Kids kommen schnell auf den Geschmack. Und auf die Gewalt. «Für 80 Euro kriegst du heute überall eine Neun-Millimeter.» Das ist eine Pistole, erklärt Emmanuel. Und: «Mit neun Millimetern kannst du einen töten.» Der Vorbeuger tut, was er kann. Theater, Tennis, Molière, also nicht nur Rap oder Fussball. Im Sommer unternahm er mit einer Gruppe sogar eine Reise nach Deutschland und Holland. Sein eigenes Integrationsrezept: «70 Prozent normale Jugendliche, 30 Prozent schwierige.»

Nicht jeder ist ein Zinedine Zidane

Aber die Schwierigen werden immer zahlreicher. «Die Wirtschaftskrise trifft die Ärmsten besonders hart», meint Zentrumsleiter Nassim Khelladi. «Das steigert die Prekarität, die Spannungen in der Familie, die eheliche Gewalt – und das überträgt sich auf die Jüngsten. Und wenn sie sich im Stadtzentrum für ein dreimonatiges Stage bewerben, werden sie abgewiesen, sobald sie sagen, sie kämen aus La Castellane.»

Nicht jeder schafft es wie Zinedine Zidane. Der Ex-Fussballer wuchs gleich neben dem Sozialzentrum auf, in einem lang gezogenen, aber nur dreistöckigen Block, vor dem jetzt eine Handvoll Kleinkinder mit einem roten Ballon spielt. «Zu Beginn der achtziger Jahre, als Zidane hier zur Schule ging, gab es bereits einen regen Drogenhandel; man musste aufpassen, nicht auf die Spritzen zu treten», erzählt Fremdenführer Emmanuel, der sein Fussballidol das letzte Mal 2008 traf: Damals stiftete Zidane seinem Viertel mehrere Computer und Informatikausbildungen. Emmanuel erinnert sich: «Als der Heroin-Handel damals überhand nahm, schassten die Einwohner die Dealer. Die Polizei hätte das niemals geschafft. Die heutigen Drogenbosse wissen das; sie lassen uns in Ruhe, um in Ruhe gelassen zu werden.»

Dealer sollen bleiben, wo sie sind

Vielleicht will die Polizei die Dealer auch gar nicht aus La Castellane vertreiben, denkt Emmanuel: Unten in Marseille sei man froh, dass der Drogenhandel in den entfernten Cités stattfinde; so greife er nicht auf die Stadt über. Nach neusten Presseberichten wusste die Polizeihierarchie seit 2009 von der Korruption in der Nord-Brigade. Niemand schritt ein. Warum auch? Die Gauner-Flics sorgten mit ihren Methoden dafür, dass die Dealer in der Nordzone blieben. Damit war allen gedient. Das Ganze flog erst auf, als sich die mörderischen Vendettas bis nach Marseille ausdehnten. Da mussten die Behörden endlich reagieren. Jetzt wird die Nord-Brigade neu organisiert.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1