Herr Prof Benz, in Russland sind bei einem Meteoriten-Hagel fast 1000 Menschen verletzt worden. Warum hat niemand diesen Meteoriten kommen sehen?
Meteoriten sind sehr schwierig zu beobachten. Sie sind meistens sehr klein und sie leuchten nicht. Denn sie haben eine dunkle Oberfläche, die nicht reflektiert. Meistens entdeckt man deshalb solche Objekte erst zu spät – wenn sie schon an der Erde vorbei sind oder eben eingeschlagen haben.

Wie ist es mit grösseren Objekten, sogenannten Asteroiden?
Natürlich gilt: Je grösser ein Objekt ist, desto leichter erkennt man es. Wir kennen alle Himmelskörper, die einen Durchmesser von mindestens einem Kilometer haben und in eine gefährliche Nähe zur Erde kommen könnten. Mit neuen Beobachtungsprogrammen versucht man, eine komplette Liste für gefährliche Objekten, mit einem Durchmesser von bis zu 300 Metern zu erstellen.

Willy Benz (57) ist seit 2002 Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Bern und Präsident des wissenschaftlichen Ausschusses am dortigen «Center for Space and Habitability». Benz studierte Physik an der Universität Neuchâtel und promovierte 1984 an der Universität Genf. Seit 2010 ist Benz Vorsitzender des «Space Science Advisory Comittee» der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Willy Benz

Willy Benz (57) ist seit 2002 Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Bern und Präsident des wissenschaftlichen Ausschusses am dortigen «Center for Space and Habitability». Benz studierte Physik an der Universität Neuchâtel und promovierte 1984 an der Universität Genf. Seit 2010 ist Benz Vorsitzender des «Space Science Advisory Comittee» der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Heute Abend zieht der Asteroid «2012 DA14» in 27 700 Kilometer Entfernung an der Erde vorbei. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen?
Auf den ersten Blick wäre es naheliegend, dass es sich bei dem Meteoritenhagel in Russland um abgespaltene Trümmer des Asteroiden "2012 DA14" handelt. So wie es aussieht, kamen die beiden Objekte aber auf unterschiedlichen Bahnen auf die Erde zu. Es handelt sich also wohl um einen merkwürdigen Zufall.

Wie häufig fallen Gesteinsbrocken aus dem All auf die Erde?
Das hängt von der Grösse ab. Täglich fällt tonnenweise Staub auf die Erde. Ein Brocken von etwa 50 Meter wie er gestern Abend an der Erde vorbei gezogen ist, trifft statistisch gesehen alle 2500 Jahre unseren Planeten. Ein wirklich grosser Brocken von 10 Kilometern Durchmesser, der die ganze Menschheit auslöschen könnte, zum Glück nur alle 100 Millionen Jahre.

Was für einen Schaden hätte der Asteroid „2012 DA14" angerichtet, wenn er eingeschlagen hätte?
Das wäre dann wohl etwa vergleichbar gewesen mit dem Himmelkörper, der 1908 über Tunguska (Russland) niederging. Bei seiner Explosion wenige Kilometer über der Erde entstand eine Druckwelle, die Bäume im Umkreis von 30 Kilometer knickte.

Wie können wir uns vor solchen Gefahren aus dem All schützen?
In einem ersten Schritt muss man den Himmel mit Teleskopen beobachten, um die Asteroiden rechtzeitig zu erkennen. So gelangt man zu einem Inventar von allen gefährlichen Asteroiden, die sich in die Nähe der Erde bewegen könnten. Weiss man genug früh von einem Himmelskörper mit Kurs auf die Erde, kann man versuchen, ihn durch einen kleinen Schub von seiner Bahn abzubringen. Das funktioniert aber nicht so wie im Hollywood-Film «Armageddon», in dem Bruce Willis quasi in letzter Minute auf dem Asteroiden eine Atombombe zündet.

Wie denn?
Es gibt verschiedene Ideen. Die einfachste: Man schiesst eine Rakete auf den Himmelskörper, die ihn dann etwas zur Seite schiebt. Wenn man das genug früh tunt, reicht schon eine sehr geringe Ablenkung. Eine andere Methode wäre, eine Atombombe neben dem Asteroiden zu zünden - aber viel weiter von der Erde entfernt als im Kino. Eine noch exotischere Methode: Ein Segel an den Asteroiden anbinden, um so das Objekt durch Sonnendruckstrahlung vom Kurs abzubringen.

Wie gut sind wir auf eine solche Situation vorbreitet?
Wir haben bis jetzt zu wenig getan. Das Problem ist Folgendes: Die Ereignisse sind sehr selten, aber die Auswirkungen sind sehr dramatisch. Das ist ähnlich wie bei Atomkatastrophen. Da geht man oft ein Risiko ein. Dabei könnte man vieles tun, das nicht viel kostet. Man braucht kein ständig bereites Alarmsystem, das bereit wäre, jede Sekunde eine Atombombe auf etwas zu schiessen. Das wäre vielleicht sogar gefährlich. Man sollte aber sicher einen Plan haben, damit man weiss, wie im Ernstfall vorzugehen ist.

Und einen solchen Plan hat man noch nicht?
Zumindest noch keinen vollständigen. Man arbeitet zwar mit Computersimulationen. Doch solche Simulationen sollten mindestens einmal getestet werden. Am besten sucht man sich dafür einen Asteroiden aus, der weitgenug von der Erde entfernt ist. So kann man überprüfen, ob die Berechnungen richtig sind