Im Jahr 1778 griff der Schweizer Jean Rodolphe Vautravers zur Feder und schrieb dem Diplomaten Benjamin Franklin ein paar Zeilen: «Vereinen wir uns als zwei Schwester-Republiken», schlug Vautravers dem Amerikaner vor – und prägte damit jenen Begriff, dessen sich auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei seinem Telefonat mit Donald Trump wieder bediente.

Auch wenn die Schweiz und die USA heute weltpolitisch auf ganz anderen Ebenen spielen: Verschwestert sind sie über all die Jahre geblieben. Selbst als die Diskussionen rund um nachrichtenlose Vermögen auf Schweizer Banken oder um die Steueraffäre der UBS die familiären Bande zu strapazieren schienen. «Das warf in der Schweiz viel höhere Wellen als in den USA. Kein einziger grosser amerikanischer Fernsehsender hat über den Steuerstreit berichtet», sagt Urs Ziswiler, der die Schweiz von 2006 bis 2010 als Diplomat in den USA vertreten hat.

Trotz dem gewaltigen Grössenunterschied (Amerika ist 223-mal so gross und hat 40-mal so viele Einwohner) hat die Eidgenossenschaft für die USA immer wieder eine wichtige Vermittlerrolle gespielt, zum Beispiel als diplomatische Vertretung der Schwester-Republik in Kuba und im Iran. «Besonders im Iran haben die USA uns gebraucht», sagt Ex-Diplomat Ziswiler. Sollte Donald Trump seine Ankündigung wahrmachen und den von Obama ausgehandelten Deal mit dem Iran über dessen atomares Rüstungsprogramm aufkündigen, könnte sich die kleine Schwester erneut profilieren. «Dann könnte die Schweiz für die USA plötzlich wieder sehr wichtig werden», glaubt Ziswiler.

Tatsache ist aber: Kein einziger amerikanischer Präsident hat unser Land bis
heute je offiziell besucht. Fünf Präsidenten kamen für Verhandlungen nach Genf, einer diskutierte am WEF in Davos mit. Die offizielle Aufwartung in Bern aber blieb immer aus. Warum eigentlich? «Man muss die Dimensionen sehen. Es gibt 180 Länder, die sich alle darum bemühen, dass der amerikanische Präsident zu Besuch kommt. Da werden halt einfach Prioritäten gesetzt», sagt Urs Ziswiler. Gemessen an ihrer weltpolitischen Bedeutung habe die Schweiz aber immer einen sehr privilegierten Zugang zu den Machtzentren in Washington gehabt.

Clinton mochte Calmy-Rey

Präsidiale Besuche sind auch gar nicht der zentrale Kitt zwischen den beiden Schwester-Republiken. Viel wichtiger seien die persönlichen Beziehungen, die man zu den Ministern des Präsidenten aufbauen könne, erklärt Urs Ziswiler. Die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey habe sich beispielsweise hervorragend mit Obamas Aussenministerin Hillary Clinton verstanden. Die USA baten wegen der guten Beziehung der beiden Frauen die Schweiz sogar um Hilfe bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Armenien. Oder der damalige Bundesrat Joseph Deiss verstand sich ausgezeichnet mit George W. Bushs Handelsvertreter Rob Portman, auch wenn das Freihandelsabkommen schlussendlich am Landwirtschaftsdossier scheiterte. «Und auch Doris Leuthard hat es immer hervorragend verstanden, Beziehungen zu ihrem jeweiligen Counter-Part aufzubauen», erzählt Ziswiler. Bleibt zu hoffen, dass Donald Trump zwischen den beiden Schwestern keinen Zwist zu säen vermag.