US-Präsident Donald Trump hat seinen chinesischen Amtskollegen Xi Jinping einmal gefragt, ob China ein Drogenproblem habe. Xi soll ihm geantwortet haben: «Wir haben das Problem nicht.» Schliesslich stehe auf den Verkauf von Drogen die Todesstrafe. Trump fand Gefallen an diesem Vorgehen. «Unsere Drogendealer müssen mit einem ‹Wie wäre es mit einer Geldbusse?› rechnen», fügte er mit ironischem Unterton an, als er Journalisten von dieser Unterredung berichtete.

Nur: Der chinesische Präsident hat gelogen. Denn China hat sehr wohl ein Drogenproblem. Gab es Anfang der 1990er-Jahre der offiziellen chinesischen Statistik zufolge landesweit noch rund 150 000 Drogenkonsumenten, lag die Zahl 2017 bereits bei über 2,5 Millionen. Experten gehen von einer fünfmal so hohen Dunkelziffer aus.

Etwa 60 Prozent von ihnen konsumieren nach Angaben der entwicklungspolitischen Initiative Earthlink synthetische Drogen. Abhängig seien vor allem junge Leute unter 35, die in Grossstädten leben.

Designerdrogen wie Crystal Meth sind ebenso beliebt wie Heroin und Opium. Weil zugleich der Konsum vor allem von intravenösen Drogen steigt, ist auch die Zahl der HIV-Infizierten und Aidskranken in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Die meisten Aidskranken in China sind drogenabhängig.

Verglichen mit den USA und auch vielen europäischen Staaten mag die Quote der Drogensüchtigen in China zwar gering sein. Zugleich hat sich China jedoch zu einem grossen Drogenumschlagplatz entwickelt.

Die Volksrepublik liegt geografisch zwischen den zwei grössten Regionen der Welt, in denen Heroin hergestellt wird: Dem sogenannten «Goldenen Dreieck» in den Grenzgebieten von Myanmar, Thailand, Laos und Vietnam sowie dem «Goldenen Halbmond» in den Grenzgebieten zwischen Afghanistan, Pakistan und dem Iran.

Crystal-Meth-Dörfer im Süden

Länder wie Thailand und Vietnam waren in den letzten Jahren verschärft gegen die Drogenhändler auf ihren Staatsgebieten vorgegangen. Sie wichen daraufhin verstärkt auf chinesische Territorien aus. «Über die Hälfte des im ‹Golden Triangle› produzierten Opiums läuft jetzt früher oder später über China», berichtet die Organisation Earth Link.

Der Bau von modernen Strassen in China habe zudem einen schnelleren Transport ermöglicht. Schlagzeilen machen zudem regelmässig die berüchtigten Crystal-Meth-Dörfer im Süden des Landes. In der Nähe der grossen Hafenstädte für Chinas Exportindustrie ist es für Dealer und Schmuggler ein Leichtes, ihre Chemikalien ins Ausland zu verschiffen.

Um die Bevölkerung von Drogen fernzuhalten, greift Chinas Führung zu äusserst drastischen Mitteln. Schon auf den Besitz von 50 Gramm Heroin drohen sieben Jahre Freiheitsstrafe. Drogensüchtige werden in spezielle Lager gesperrt, in denen sie «kuriert» werden sollen. Ehemalige Insassen berichten von Misshandlungen.

Im Jahr 2017 sassen nach Angaben der chinesischen Drogenbekämpfungsbehörde etwa 320 000 Menschen in solchen Lagern.

Auf Drogenhandel steht die Todesstrafe – auch bei Ausländern. Erst im Januar verurteilte ein chinesisches Volksgericht einen Kanadier wegen Drogenhandels zum Tode. Das ist in den meisten anderen asiatischen Ländern nicht anders.

Zu tief sitzt der Schrecken aus der Kolonialzeit, als Briten die gesamte chinesische Elite mit Opium belieferten und sie süchtig und damit gefügig machte. Selbst in Ländern wie Japan, Südkorea und Singapur drohen drakonische Strafen auf Handel und den Konsum von Drogen.

An der Spitze der Todesurteile

In China geht die Regierung jedoch besonders brutal vor. Berüchtigt sind öffentliche Massenhinrichtungen, die in grossen Stadien nicht nur von Tausenden von Zuschauern begleitet, sondern auch im Staatsfernsehen übertragen werden.

Am 26. Juni im vergangenen Jahr etwa, dem Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und -handel, liess die Provinzregierung der chinesischen Südseeinsel Hainan zwei Dealer auf dem Sportplatz einer Schule öffentlich erschiessen.

Vor 300 Anwesenden, darunter auch viele Schulkinder, hatte die Richterin zunächst in schriller Stimme die Verbrechen der beiden Männer vorgelesen. Sie hatten mit Crystal Meth gehandelt. Weiteren 17 Drogen-Dealern wurde nach der Exekution der Prozess gemacht, 8 von ihnen wurden ebenfalls zum Tode verurteilt. Diese öffentlichen Spektakel sollen der Abschreckung dienen.

China ist nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International das Land mit den welt- weit meisten Hinrichtungen. Offiziell veröffentlicht die Führung in Peking keine Zahlen zu den vollstreckten Todesurteilen.

Immerhin: Was den Umgang mit Drogen betrifft, gibt es inzwischen auch in China Stimmen, die am Nutzen solcher drakonischer Strafen zweifeln. Zumindest in der Hauptstadt Peking werden Drogensüchtige nach einem ersten Vergehen nicht mehr per se in Lager gesteckt, sondern erhalten zunächst medizinische Hilfe in Krankenhäusern.

Auch die Zahl der Kliniken in China, die eine Lizenz halten, um Heroinsüchtige mit Methadon zu behandeln, ist zuletzt gewachsen.

Donald Trump allerdings hält die Todesstrafe auch in den USA für ein wirksames Mittel im Anti-Drogen-Kampf. Er gibt sich überzeugt: Das Drogenproblem könne auf diese Weise «sehr viel schneller gelöst werden, als man denkt».