6,2 Prozent Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal – von einem solchen Wert können andere Volkswirtschaften nur träumen. Im wachstumsverwöhnten China macht sich dennoch Krisenstimmung breit. Es ist nicht nur der niedrigste Wert seit 27 Jahren. Ein genauer Blick auf die gestern vom nationalen Statistikamt veröffentlichten Einzeldaten offenbart, dass der vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump entfachte Handelskrieg sehr wohl immer tiefere Spuren in der chinesischen Wirtschaft hinterlässt.

Der Handelsstreit wirkt sich besonders auf Chinas Aussenhandel aus. Der hat seit Jahresanfang um zwei Prozent, im Juni sogar um vier Prozent abgenommen. Im Süden des Landes, einst bekannt als Werkbank der Welt, ist der Rückgang bereits zu sehen. Reihenweise machen dort die Fabriken dicht. Besonders schlecht sieht es auch für die Autoindustrie aus: In der ersten Jahreshälfte fiel der Fahrzeugabsatz auf dem inzwischen grössten Automarkt der Welt um 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Seit 2018 überziehen sich die beiden Wirtschaftsmächte gegenseitig mit immer höheren Zöllen. Trump wirft den Chinesen unfaire Handelspraktiken vor, darunter Dumpingpreise, Technologieklau und Währungsmanipulation. China bestreitet dies – und hat seinerseits mit Strafzöllen auf US-Einfuhren vor allem auf Landwirtschaftsprodukte reagiert. Noch bei der Veröffentlichung der Daten des ersten Quartals im Mai gab sich Chinas Führung selbstbewusst. Im ersten Vierteljahr hatte es zu einem Wirtschaftswachstum von 6,4 Prozent gereicht. Die kommunistische Führung hatte bereits vorher eine umfassende Umstrukturierung der Wirtschaft angekündigt, um die Binnenwirtschaft zu stärken und weniger abhängig vom Ausland zu sein.

China hält an Zielband fest

Ökonomen betonen zwar, dass China inzwischen tatsächlich nicht mehr ganz so exportabhängig ist wie in der Vergangenheit. Die Exporte machen aber immer noch fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus. Die «schwache Auslandsnachfrage» werde auch in der zweiten Jahreshälfte «eine der grössten Herausforderungen sein», warnt Zhang Yi, Chefvolkswirt beim Investmenthaus Zhonghai Shengrong Capital Management. Für das Gesamtjahr hält die kommunistische Führung in Peking dennoch an dem selbst gesteckten Ziel fest, für das Land ein Wachstum zwischen 6,0 und 6,5 Prozent zu erreichen.

Dieses Ziel wird allerdings teuer erkauft. So hat Peking bereits Steuersenkungen in Höhe von umgerechnet über 200 Milliarden Euro beschlossen. Auch die Kreditvergabe hat die Führung gelockert, Banken müssen bei der Zentralbank weniger Sicherheiten hinterlegen, sodass mehr Mittel für die Kreditvergabe frei werden. Zudem ermutigt die Führung die Kommunen, mehr Kredite über Anleihen aufzunehmen, um in die Infrastruktur zu investieren. Auf die Industrie scheint dies positive Auswirkungen zu haben. Produktion und Einzelhandelsumsätze legten im Juni um 6,3 und 9,8 Prozent zu, wie das Statistikamt meldete. Diese Massnahmen dürften Chinas Schulden allerdings noch weiter in die Höhe treiben. Die Gesamtverschuldung ist nach einer Schätzung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg bereits auf 271 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen – von 164 Prozent vor der globalen Finanzkrise 2008.

Zugeständnisse dürften den USA nicht ausreichen

Was Investoren aus dem Ausland freuen dürfte: Ebenfalls um die Wirtschaft anzukurbeln, hat die chinesische Regierung eine Reihe von Massnahmen angekündigt, die es für ausländische Unternehmen einfacher machen soll, in China Geschäfte zu tätigen. Der Zwang zur Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen (Joint Venture) ist bereits gefallen. Auch soll geistiges Eigentum künftig besser geschützt werden. Beides waren zentrale Forderungen der USA im Handelsstreit. Mit diesen Zugeständnissen scheint sich Trump jedoch nicht mehr zufriedenzugeben. Zwar verhandeln beide Seiten seit vergangener Woche wieder miteinander. Doch der US-Präsident hat bereits deutlich gemacht: Er habe keine Eile.

Keineswegs nur ihm, sondern vielen in den USA geht es schon lange nicht mehr nur um fairere Marktzugänge, ausgeglichenere Handelsbilanzen und die Einhaltung von Urheberrechten. Einer Mehrheit der Amerikaner geht es um den Bestand ihrer Nation als führende Weltmacht. Je mehr das Reich der Mitte wirtschaftlich und technologisch aufholt, desto stärker wendet sich die Stimmung in den USA gegen China.