Der Aufruf ist nicht von ungefähr auf Baskisch gehalten: «Euskal herritik bese mundu bat sortzen», steht auf einem offenbar älteren Flugblatt, das in der Atlantikbrise nahe beim Casino vorbeiweht. Will sagen: «Für eine bessere Welt über das Baskenland hinaus». Oder kurz: «G7 ez» – Nein zum G7.

Wer den Flyer verteilt hat, ist unbekannt. Die Polizei toleriert keine G7-Gegner in der Küstenstadt Biarritz. «Das Baskenland ist gross genug für Demonstrationen», hatte Polizeipräfekt Eric Spitz gesagt. Die Aussage kam nicht überall gut an. «Was ist ihnen nur in den Sinn gekommen, einen G7 im Baskenland zu organisieren, das bekannt ist für eine alte Tradition des militanten Kampfes?», meint Laurent Thieulle vom Lokalableger der globalisierungskritischen Organisation Attac.

Über das diesjährige G7-Thema, die Bekämpfung der weltweiten Ungleichheiten, schüttelt der Franzose nur den Kopf: «Die reichen Industriestaaten versprechen gegen etwas vorzugehen, das sie selber geschaffen haben.»

Unschöne Erinnerungen an Hamburg

Der Gegengipfel findet im Herzen des Baskenlandes statt, an der Grenze zwischen Spanien und Frankreich. In Urrugne, 25 Kilometer südlich von Biarritz, logieren die G7-Gegner ironischerweise in einem ehemaligen Ferienlager von Nestlé. Aus dem ebenfalls französischen Hendaye wollen am Samstag gut 10 000 Demonstranten über die Grenze ins spanische Irun ziehen.

In Hendaye und Irun finden seit Montag 80 Workshops und Diskussionsforen statt. «Die Teilnahme ist offen, alle sind willkommen» meint Thieulle. «Der Ansatz könnte nicht unterschiedlicher sein als am offiziellen Gipfel, für den Biarritz militarisiert und in einen einzigen Bunker verwandelt wurde.» Die Organisatoren des Gegengipfels betonen ihre friedlichen Absichten.

Mit Gewaltorgien wie am Rande des G20-Gipfels in Hamburg haben sie nichts am Hut. Immerhin wollen sich die G7-Gegner so weit wie möglich den beiden Sicherheitszonen nähern. Die «rote», hermetisch abgeriegelte Gipfelzone am Stadtstrand von Biarritz werden sie kaum erreichen, dafür womöglich die «blaue» Pufferzone. Aussen rum wollen sie eine «Regenbogenzone» einrichten, mit «Operationen des zivilen Ungehorsams».

Die Behörden trauen dem Frieden nicht. Sie wissen um das baskische Temperament, auch wenn der ETA-Terrorismus heute gebändigt scheint. Sie wissen, dass auch Gelbwesten am Gegengipfel dabei sind, und sie rechnen mit Infiltrationsversuchen durch den «Schwarzen Block». Im Vorfeld des Gipfels hat die französische Polizei mehrere Aktivisten festgesetzt. Ein deutscher Mitarbeiter des alternativen Radios Dreyeckland wurde in sein Herkunftsland ausgewiesen, weil er beim G20 in Hamburg Straftaten verübt haben soll.

Zu Brandanschlägen aufgerufen

Verhaftet wurde in der Bretagne auch der Italiener Vincenzo Vecchi. Er war in seinem Land nach den Ausschreitungen beim G8-Gipfel in Genua 2001 zu acht Jahren Haft verurteilt worden, lebte aber seit Jahren unbehelligt in einem kleinen bretonischen Dorf. Dass er zwei Wochen vor dem G7-Gipfel festgenommen wurde, ist laut seinen Freunden und Anhängern kein Zufall.

Am Dienstag verhaftete die Polizei an verschiedenen Orten Frankreichs weitere fünf Personen, die im Internet Fotos von Polizeiquartieren in Biarritz zeigten und zu Brandanschlägen aufriefen. Vier der offenbar nicht sehr professionellen Täter kamen wieder frei, die Hauptperson bleibt vorläufig in Haft.

Insgesamt werden 13 200 Polizisten und Gendarmen, flankiert von Armeeeinheiten und Brigaden für die Bekämpfung gewalttätiger Aktionen (Brav), den Gipfel abdecken. Das ist selbst für Frankreich ein gewaltiges Aufgebot. Von der kilometerlangen Atlantikküste mussten zu dem Zweck Strandwächter abgezogen werden; aus Paris kommen 44 CRS-Staffeln, die bisher gegen die Gelbwesten im Einsatz waren. Die Gilets jaunes sind gebeten, nicht gerade an diesem Wochenende zu versuchen, die Champs-Élysées unsicher zu machen.