Für seine Anhänger ist klar: Wäre John F. Kennedy heute vor 50 Jahren aus Dallas lebend zurückgekehrt, wäre der Vietnamkrieg ganz anders verlaufen als unter seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson. Kennedy hätte 1965 nicht 100 000 Soldaten nach Vietnam geschickt. Und der Krieg hätte nicht 58 000 amerikanische und über zwei Millionen vietnamesische Opfer gefordert.

Die folgenden Argumente werden dafür vorgebracht: Erstens habe Kennedy im Oktober 1963 beschlossen, 1000 US-Militärberater bis Ende 1963 abzuziehen sowie die restlichen 16 000 bis Ende 1965 zurückzuholen. Zweitens habe er in einem TV-Interview im September 1963 klargemacht, dass die Südvietnamesen den Krieg selbst gewinnen müssten. Drittens hätten enge Berater in ihren Memoiren geschrieben, dass Kennedy die USA nach seiner Wiederwahl 1964 aus Vietnam heraushalten wollte.

Späte Erinnerungen

Widmen wir uns zuerst den Erinnerungen seiner Berater. Theodore Sorensen, Kenneth O’Donnell und Arthur M. Schlesinger, Jr. schrieben zwar zwischen 1969 und 1978, dass Kennedy seinen Rückzugsplan privat gegenüber Senator Mike Mansfield geäussert habe. Interessanterweise ist dieser Geheimplan aber in den Memoiren von Sorensen (1964) und Schlesinger (1965) nicht erwähnt. Im Gegenteil erwähnte Sorensen damals explizit, Kennedy habe in seiner Vietnampolitik die Extremkurse Eskalation und Abzug vermieden und stattdessen einen Mittelkurs gefahren.

Zudem hielt Justizminister Robert F. Kennedy 1964 fest, sein Bruder habe nie ernsthaft einen Abzug aus Vietnam erwägt. Und Aussenminister Dean Rusk schrieb 1990 unmissverständlich: «Ich habe mit Kennedy hundert Mal über Südostasien gesprochen. Er hat kein einziges Mal von Abzug gesprochen oder dies auch nur angedeutet. Hätte er einen Abzug aus Vietnam bis Ende 1965 beschlossen, hätte ich es wohl erfahren.»

Kennedys Krieg

Das berühmte Abzugs-Dokument NSAM 263 vom 11. Oktober 1963 muss in einem grösseren historischen Kontext betrachtet werden. Kennedys Vietnampolitik kann inzwischen aus Archivdokumenten und den «Kennedy Tapes» rekonstruiert werden. Daraus wird klar, dass der Vietnamkrieg genauso «Kennedys Krieg» war, wie er ab 1964/65 «Johnsons Krieg» werden würde. Erstens war Südvietnam für die Glaubwürdigkeit der USA im Kalten Krieg sakrosankt.

Kennedy entschied deshalb 1961, keine diplomatische Verhandlungslösung des Konflikts anzustreben. Im Mai 1961 definierte er als Ziel der US-Aussenpolitik, dass Südvietnam nicht kommunistisch werden dürfe. Das passte zu seiner kämpferischen Inaugurationsrede vom Januar 1961: «Wir zahlen jeden Preis», so versprach Kennedy damals, um die westliche Freiheit zu schützen.

Auch in den weit entfernten Dschungeln Vietnams. «Wir werden uns nicht aus Vietnam zurückziehen», sagte Kennedy am 17. Juli 1963. Und im selben TV-Interview vom September 1963, das die Anhänger der Abzugstheorie gerne zitieren, allerdings ohne diesen Satz, sagte er auch, es wäre ein Fehler, sich aus Vietnam zurückzuziehen.

Operation «Ranch Hand»

Zweitens setzte Kennedy auf geheime Operationen, um keine US-Bodentruppen nach Vietnam schicken zu müssen und trotzdem zu verhindern, dass das Land kommunistisch würde. Im November 1961 intensivierte er die amerikanische Unterstützung der südvietnamesischen Regierung, inklusive des geheimen Kampfeinsatzes von immer mehr US-«Militärberatern».

Waren bei Kennedys Amtsübergabe erst 800 Militärberater in Südvietnam aktiv, so befanden sich bei seiner Ermordung 17 000 Militärberater in Vietnam – eine dramatische Eskalation. Zudem wurde im November 1961 auch der erstmalige Einsatz chemischer Waffen zur Entlaubung der Urwälder autorisiert. Dieses geheime Programm «Ranch Hand» war ein Vorläufer der ab 1965 eingesetzten «Agent Orange»-Giftstoffe.

Ein folgenschwerer Putsch

Drittens veränderte ein Militärputsch in Südvietnam die Ausgangslage radikal. Tatsächlich gab Kennedy zwar im Oktober 1963 grünes Licht für einen Teilabzug von 1000 Militärberatern bis Ende 1963 und hielt in NSAM 263 auch das Ziel eines Totalabzugs bis Ende 1965 schriftlich fest. Dabei wurde aber betont, dass der anvisierte Abzug vom Erfolg auf dem Schlachtfeld abhänge. Als im Sommer 1963 buddhistische Mönche gegen die von den USA unterstützte Regierung von Ngo Dinh Diem rebellierten und sich Einzelne von ihnen aus Protest selbst verbrannten, ermutigte die Kennedy-Regierung dissidente Generäle zum Putsch.

Als Diem und sein Bruder am 2. November 1963 erschossen wurden, bedeutete die Verstrickung der USA in den blutigen Militärcoup, dass Kennedy fortan in der Verantwortung stand, der neuen Regierung zu helfen. Der Optimismus, den Krieg mit einer Handvoll Militärberater und Chemiewaffen zu gewinnen, wich 1963 und 1964 der Ernüchterung, dass die Lage in Südvietnam immer instabiler wurde. Die Abzugspläne vom Oktober 1963 verschwanden deshalb wieder in der Schublade.

Und doch wäre der Vietnamkrieg unter Kennedy womöglich anders verlaufen als unter Johnson. Im Rückblick ist es beeindruckend zu sehen, wie Kennedy sich im Herbst 1961 gegen den Druck seiner Berater wehrte, bereits damals 8000 US-Kampftruppen nach Vietnam zu entsenden. Im November 1961 drängten die Militärs, Verteidigungsminister Robert McNamara und die Berater im Weissen Haus den Präsidenten zur Amerikanisierung des Kriegs. Doch Kennedy hörte auf warnende Stimmen wie seinen Aussenminister Dean Rusk – und lehnte die Forderung nach US-Bodentruppen am 15. November 1961 strikt ab.

Weder allmächtig noch allwissend

Am nächsten Tag hielt Kennedy in Seattle eine aussenpolitische Grundsatzrede, die heute kaum mehr bekannt ist. Die Differenz zu seiner berühmten Inaugurationsrede ist aber bemerkenswert. Sein globaler Aktivismus wich einem neuen Realismus. «Die USA sind weder allmächtig noch allwissend», anerkannte Kennedy. «Amerika macht nur 6 Prozent der Weltbevölkerung aus und wir können unseren Willen nicht den anderen 94 Prozent aufzwingen und deshalb kann es nicht für jedes Problem auf dieser Welt eine amerikanische Lösung geben.» Reden wie diese lassen einen kleinen Hoffnungsschimmer offen, dass Kennedy im eskalierenden Vietnamkrieg anders agiert und entschieden hätte als Johnson – wäre er am 22. November 1963 nicht ermordet worden.

Christian Nünlist ist Senior Researcher am Center for Security Studies der ETH Zürich