In einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" vom heutigen Donnerstag kündigte die CDU-Politikerin an, sich künftig mit noch grösserem Einsatz als bisher für die Zukunft Europas einzusetzen.

"Viele machen sich Sorgen um Europa, auch ich. Daraus entsteht bei mir ein noch einmal gesteigertes Gefühl der Verantwortung, mich gemeinsam mit anderen um das Schicksal dieses Europas zu kümmern."

In dem Interview beschwor Merkel zugleich ihr gutes Verhältnis zum französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Dieser dürfte nach der Europawahl am 26. Mai neben Merkel eine Schlüsselrolle bei der Verteilung der EU-Spitzenposten spielen. In den Wechsel-Spekulationen wird Merkel meist als mögliche Nachfolgerin von EU-Ratspräsident Donald Tusk ins Spiel gebracht - auf dem Posten könnte sie als Vermittlerin ihre grosse Erfahrung einbringen.

Verschwinden in der Versenkung

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte kürzlich klar gemacht, dass er es für denkbar hält, dass Merkel nach ihrer Zeit als Kanzlerin eine Rolle auf europäischer Ebene übernimmt. "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Angela Merkel in der Versenkung verschwindet", sagte er Ende April den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Sie ist nicht nur eine Respektsperson, sondern ein liebenswertes Gesamtkunstwerk." Mit Blick auf ein mögliches EU-Amt Merkels fügte er hinzu: "Hochqualifiziert wäre sie."

Das Interview Merkels dürfte auch bei den Terminen der Kanzlerin am Donnerstag eine Rolle spielen. So steht unter anderem ein Treffen Merkels mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte an (12.45 Uhr), eine gemeinsame Pressekonferenz ist für 13.45 Uhr geplant.

Obwohl Merkel in der "Süddeutschen Zeitung" Meinungsverschiedenheiten mit Macron einräumte, sieht sie ihr Verhältnis unbelastet. "Gewiss, wir ringen miteinander. Es gibt Mentalitätsunterschiede zwischen uns sowie Unterschiede im Rollenverständnis." Das sei schon mit früheren Präsidenten so gewesen.

Einheit bei grossen Themen

Trotzdem stimmten Deutschland und Frankreich "in den grossen Linien natürlich" überein und fänden stets Kompromisse. "So leisten wir viel für Europa, auch heute." Auf die Frage, ob sich ihr Verhältnis zu Macron in den vergangenen Monaten verschlechtert habe, antwortete Merkel: "Nein. Überhaupt nicht."

Die deutsche Kanzlerin wies auch den Vorwurf zurück, sie setze im Vergleich zu Macron weniger europapolitische Impulse, weshalb er als Reformer gelte, sie als Bremserin. "Wir finden immer eine Mitte." Als Beispiel nannte Merkel "enorme Fortschritte" in der Verteidigungspolitik. So habe man beschlossen, zusammen ein Kampfflugzeug und einen Panzer zu entwickeln. "Es ist doch ein grosses gegenseitiges Kompliment und ein Zeichen des Vertrauens, wenn man sich in der Verteidigungspolitik stärker aufeinander verlässt."