Rund um den Globus berichteten am Wochenende Online-Medien in Livetickern über die jüngsten Entwicklungen im nepalesischen Erdbebengebiet. Was erstaunen mag: Schockiert ist vor allem die internationale Gemeinschaft, die bereits ab der ersten Minute nach Bekanntwerden des Bebens damit begonnen hatte, mutmachende Messages in den Himalaja-Staat zu tweeten.

Viele Nepalesen hingegen reagieren wenig überrascht auf die Katastrophe. In ihren Augen stellt die durch das Erdbeben verursachte Zerstörung nur die logische Konsequenz einer zu lange gelebten Mentalität dar, die auf einer fatalen Gegenwartsbezogenheit basiert und die für vorausschauendes Planen kein offenes Ohr hat.

Darshan Karki ist Journalistin bei der nepalesischen Tageszeitung «The Kathmandu Post». Wenige Stunden nach der ersten Schockwelle am Samstagmorgen schrieb sie auf ihrem Blog: «Mein ganzes Leben war eigentlich nichts als ein stetes Warten auf den Moment, in dem das grosse Erdbeben kommen und uns alle begraben würde.» Sie hätte einfach gehofft, in diesem Moment zu Hause bei ihrer Familie sein zu können, um gemeinsam zu sterben.

Doch statt bei ihrer Familie war sie am Samstagmorgen im Büro von Mahesh Acharya, dem nepalesischen Minister für Wald und Boden. Das Büro ist eingestürzt, Darshan Karki und der Minister konnten sich gerade noch in den Garten retten. Das Haus ihrer Familie hielt der Schockwelle glücklicherweise stand.

Bis zu einer Million Tote

Pranaya Rana ist Leiter des Ressorts Meinung und Debatte bei der «Kathmandu Post». Im Herbst 2013 erzählte er mir nach einem in der Mensa des Redaktionsgebäudes gemeinsam durchgestandenen Minibeben von mehreren Studien, die bei einem grossen «Quake» von bis zu einer Million Toten alleine in der Hauptstadt ausgingen.

«Problematisch ist nicht nur die schlechte Bausubstanz vieler Häuser, sondern vor allem der katastrophale Zustand der Strassen und Flughafenlandepisten.» Ambulanzen hätten nach einem Beben keine Chance, gewisse Stadtquartiere zu erreichen. Hilfsgüter könnten nicht ins Land gelangen, weil die Landebahnen des Flughafens dem Beben nicht standhalten würden. «Tausende würden unter den Trümmern verhungern und in ihren zusammengefallenen Häusern verbluten», erklärte Pranaya Rana damals.

Das Epizentrum des Bebens vom Samstag lag rund 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu. Die Hauptstadt kam im Vergleich zu 1934 glimpflich davon. Doch das nächste, «richtige» Beben kommt – irgendwann. «Damit rechnen wir eigentlich jeden Tag», erzählte Pranaya damals in der «Kathmandu Post»-Mensa. «Aber glaub mir: Abwarten und hoffen – etwas anderes sieht unsere Mentalität nicht vor.»

Ziegenblut und Bürokratie

Zu dieser fast gleichgültigen Einstellung gesellt sich in Nepal ein noch immer weit verbreiteter Wunderglaube. Selbst in vermeintlich aufgeklärten, technologisch hochgerüsteten Branchen wie der Luftfahrt ereignet sich Erstaunliches. Als vor zwei Jahren der Motor eines Passagierflugzeugs der nationalen Fluggesellschaft «Nepal Airlines» nicht auf Anhieb repariert werden konnte, opferte die Technikcrew auf dem internationalen Tribhuvan Flughafen in Kathmandu zwei Ziegen und bespritzte das kaputte Flugzeug mit deren Blut – in der Hoffnung, die Hindu-Götter würden ihren Beitrag zur schnellen Genesung des Himmelsstürmers leisten.

«Es ist die Mischung aus Gleichgültigkeit und Aberglaube, die wirklichen Fortschritt in Nepal verhindert», erzählte Pranaya Rana, der das Beben vom Samstag unverletzt überstand.

Zwar gibt es in Nepal durchaus bewundernswerte Initiativen, die auf privater Basis das Versagen der Staatsverwaltung auszugleichen versuchen. «Youth For Blood» zum Beispiel, eine Gruppe junger Nepalesen, die mit einem landesweiten Netzwerk von freiwilligen Spendern die fehlenden Blutreserven in den Spitälern aufzufrischen versucht und seit ihrer Gründung 2011 nach eigenen Angaben mehr als 6000 Menschenleben gerettet hat.

Doch Initiativen wie diese bringen nichts, solange die Zentralregierung weiterhin wegschaut und solange internationale Hilfsorganisationen mit grassierender Korruption und komplizierter Bürokratie zu kämpfen haben. «Was Nepal wirklich bräuchte, wäre ein wahres Monsterbeben, das nicht nur an den Wänden rüttelt, sondern die Grundmauern unserer Städte komplett zerstört. Dann könnten wir von vorne beginnen. Alles andere ist vergebene Mühe», betonte Pranaya Rana vor knapp zwei Jahren. Das Beben vom vergangenen Samstag erfüllte dieses Kriterium nicht. Zu hoffen bleibt, dass Nepal aufschreckt und anpackt, auch wenn die Grundmauern diesmal noch nicht komplett zerstört wurden.

* Samuel Schumacher ist freier Journalist in Zürich. Von September bis Dezember 2013 arbeitete er als Praktikant bei der «Kathmandu Post» in Nepal.