Auf dem Bild, das Mohamed Lahouaiej Bouhlel, den Attentäter von Nizza, in einem Park irgendwo im Süden Frankreichs zeigt, ist ein gut trainierter, viriler Mann um die dreissig in einer weissen Daunenjacke zu sehen. Nichts weist darauf hin, dass genau dieser Mann einen abscheulichen Terrorakt begangen hat. Bouhlel war zwar als aufbrausend und latent gewalttätig bekannt, pflegte aber offenbar keine Kontakte zu extremistischen Gruppen.

Mittlerweile wissen wir zweifelsfrei, dass Bouhlel sein Attentat monatelang vorbereitet hat, dass er über Komplizen verfügte und dass er wenige Tage vor dem 14. Juli seiner Familie in Tunesien 100 000 Euro zukommen liess. Auch wenn bis jetzt nicht bekannt ist, welcher grosszügige Auftraggeber ihm den Weg ins Paradies gesponsert hat, so steht dennoch fest: Bouhlel war ein Dschihadist – einer der «dritten Generation, wie der französische Dschihadismus-Experte Gilles Kepel sagt –, welcher dem Aufruf des IS Folge leistete. Er lautet: den «Ungläubigen» in Europa mit den einfachsten Mitteln den grösstmöglichen Schaden zuzuführen.

Tausende mit gleichem Profil

Dieser Befund ist aus drei Gründen besorgniserregend. Zum einen, weil feststeht, dass weder Bouhlel selber noch seine Komplizen auf den Radar der französischen Sicherheitsdienste geraten sind. Zum Zweiten, weil Letztere die Polizei nicht über das geplante Attentat informiert haben. Zum Dritten, weil sich derartige Terrorakte kaum verhindern lassen.

Am schockierendsten aber ist wohl, dass es allein in Frankreich Zehntausende von jungen, schlecht integrierten Männern mit dem Profil eines Mohamed Bouhlel gibt. Es liegt auf der Hand, dass die französischen Behörden der Bevölkerung die bittere Pille nur in kleinen Dosen zumuten möchten: Dass es nämlich schlicht unmöglich ist, eine so grosse Anzahl von potenziellen Tätern polizeilich und nachrichtendienstlich zu überwachen.

Nun lässt sich immer noch hoffen, dass Bouhlel ein ganz besonderer «Einzelfall» gewesen ist. Hoffen wir es. Vieles spricht allerdings eher dagegen; der jüngste Selbstmordanschlag im deutschen Ansbach scheint eher zu belegen, dass der Aufruf des IS bei einzelnen Migranten auf offene Ohren stösst.

Was tatsächlich den entscheidenden Ausschlag gibt, ob ein radikalisierter «einsamer Wolf» zur Tat schreitet oder es bei dschihadistischen Fantasien bewenden lässt, wissen wir bis heute nicht. Es gibt schlicht zu wenig wissenschaftliche Studien, welche dieser Frage nachgegangen sind und auch die tiefer liegenden Motive von Dschihadisten erforscht haben.

Doch der Umstand, dass junge Männer wie Bouhlel, die Salsa getanzt und Alkohol getrunken und statt die Moschee täglich einen Kraftraum aufgesucht haben, auf solche Weise «gekippt» sind, muss zu grösster Besorgnis Anlass geben. Sie zwingt uns, dieses Phänomen des plötzlichen «Kippens», der Konversion hin zum Dschihadismus genauer anzuschauen.

Gefühl einer kollektiven Kränkung

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die enorme zwiespältige Haltung vieler Muslime gegenüber dem Westen. Diese Ambivalenz beschrieb der deutsch-syrische Politikwissenschafter Bassam Tibi bereits vor rund 20 Jahren ausführlich. Er prägte dafür dem Begriff: «Der Traum von der geteilten Moderne». Viele Menschen in islamischen Ländern wünschen sich die Segnungen der westlichen Zivilisation, ohne allerdings deren geistige Voraussetzungen annehmen zu können oder zu wollen. Dazu sind sie aufgrund ihrer Erziehung und der kaum je geförderten Fähigkeit, selbstständig zu denken, auch meist nicht in der Lage. Hinzu kommt ein tief liegendes Gefühl der Demütigung durch den Westen. Es handelt sich um eine Art kollektive Kränkung, die schon bei geringen Ereignissen zu heftigen Reaktionen führen kann.

Diese Befindlichkeit lässt sich seit vielen Jahren in Nordafrika beobachten. Sie ist aber auch bei vielen Migranten festzustellen. Letztere kosten in einer ersten Phase oft alle Freiheiten der westlichen Gesellschaften aus – etwa freie Sexualität, Alkohol oder Abwesenheit von sozialer Kontrolle. Häufig wenden sie sich aber später wieder davon ab. Werden sie bloss gläubig, so stellt dies für die aufnehmenden Gesellschaften kein grösseres Problem dar. Wenden sie sich aber extremistischen Haltungen zu, so kann es rasch heikel werden.

Gründe für ein solches Kippen gibt es viele. Etwa Erfahrungen mit Rassismus oder der Umstand, dass der ersehnte, westliche Lebensstandard unerreichbar bleibt. Ebenso wichtig dürfte aber die Unverträglichkeit eines rigiden Islam und von Normen einer patriarchalischen Gesellschaft einerseits und denjenigen der heutigen westlichen Gesellschaften anderseits sein. Man kann nicht gleichzeitig ein streng islamisches Frauenbild pflegen und in Diskotheken Frauen «aufreissen». Man kann nicht Kinder nach modernen Methoden aufziehen und gleichzeitig der archaischen Vorstellung eines allmächtigen «Patriarchen» anhängen, dem alle Familienmitglieder absoluten Gehorsam schulden. Wer es dennoch tut, wird in sich eine riesige Spannung aufbauen, die ihn fast zu zerreissen droht.

Diese Zerrissenheit und Ambivalenz betrifft auch die Haltung zum Dschihadismus. Das Argument, Flüchtlinge seien ja gerade vor dem IS-Terror geflohen und hätten deshalb ganz sicher nichts damit zu tun, trifft nur teilweise zu. Zumindest junge Männer aus dem Maghreb haben oft ein zwiespältiges Verhältnis zu radikal-islamischen Bewegungen. Nichts bringt dies besser auf den Punkt als die Devise, welche im Süden Tunesien unter jungen Männern geläufig ist: nach Europa oder in den Dschihad. Entweder mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer oder halt eben in den Kampf nach Syrien. Bloss weg von hier.

Angesichts der anhaltend starken Migration aus islamischen Ländern erhält das Thema eine grosse Brisanz. Denn es ist davon auszugehen, dass die meisten Flüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan, aus dem Irak und aus weiteren Ländern sehr konservative gesellschaftliche Normen und ein enges Verständnis ihrer Religion mit sich bringen. Vom «Islam des lumières» haben sie, wenn überhaupt, nur eine ferne Erinnerung. Dafür kennen sie alle berühmten islamischen Prediger aus den einschlägigen TV-Kanälen, die ihre zumeist erzkonservative Auslegung des Islam seit Jahrzehnten verbreiten.

Selbstverständlich schätzen viele Migranten und Migrantinnen aus muslimischen Ländern die Freiheiten in ihrem Gastland und fühlen sich dem europäischen Lebensstil weit mehr verbunden als demjenigen ihrer alten Heimat. Sie dürften Europa gegenüber eher Dankbarkeit denn Hass empfinden. Bildung und die soziale Schicht spielen dabei die entscheidende Rolle. Nun stammen aber viele, sehr viele der jüngst nach Europa geflüchteten Migranten weder aus gebildeten Kreisen noch aus der Mittel- und Oberschicht. Sie leiden vielmehr unter der erwähnten Ambivalenz und sind dazu oft traumatisiert. Die Meinung, allein mit zusätzlichen Integrationsanstrengungen liessen sich die erwähnten Spannungen und Konflikte genügend in den Griff bekommen, wirkt so gesehen etwas naiv. Vor allem unbegleitete minderjährige Asylbewerber dürften in ihrer ohnehin schon schwierigen Lage leicht empfänglich sein für die Hassbotschaften des IS.

Der Fall des Würzburger Attentäters werfe «quälende Fragen nach der sicherheitspolitischen Lage in Deutschland auf», schreibt die «FAZ». Diese Fragen betreffen auch die Schweiz. Zwar ist die Integration von Migranten hierzulande deutlich besser gelungen als in vielen Nachbarländern. Dennoch gilt: Blauäugigkeit, aber auch Wegschauen, können wir uns in dieser Situation nicht mehr zu leisten. Denn der Preis, den wir längerfristig dafür zu bezahlen hätten, wäre viel zu hoch.

Zumindest ein Geburtsschein

Was tun? Es gibt keine einfachen Lösungen; das Problem ist schlicht zu komplex. Zudem befinden wir uns in einem asymmetrischen Konflikt: Während sich Europa an völkerrechtliche Verpflichtungen zu halten hat, etwa an das «Non-Refoulement»-Prinzip, schert sich der IS selbst um elementarste Grundrechte. So werden wir nicht einmal verurteilte Dschihadisten in ihre Herkunftsländer ausschaffen können.

Zumindest eine Massnahme liesse sich dennoch schon rasch umsetzen. Von allen Asylsuchenden müsste verlangt werden, dass sie sich, wenn nicht mit offiziellen Papieren, so doch mit einem Geburtsschein oder mit einem anderen Dokument ausweisen. Ein solches liesse sich auch auf elektronische Weise übermitteln; selbst im kleinsten Dorf in Afghanistan oder im Irak gibt es mittlerweile Internet. Personen, welche unter falschem Namen ein Asylgesuch stellen, müssten im Asylverfahren schwerwiegende Nachteile gewärtigen. Es darf nicht mehr sein, dass die Behörden über die Identität von Asylsuchenden – wie etwa dem Attentäter von Würzburg – im Dunkeln tappen. Eine solche Massnahme allein kann zwar keine Anschläge verhindern. Dennoch dürfte sie wohl die innere Sicherheit in Europa ein klein wenig verbessern.