Am vorletzten Sonntag, nach dem 3:0-Sieg von Juventus Turin über Crotone, stieg die Meisterfeier: Die «alte Dame» hatte sich am zweitletzten Spieltag der Serie A vorzeitig den 6. «scudetto» (Meistertitel) in Folge gesichert. Ein weiterer Rekord eines Vereins, der den italienischen Fussball seit Jahren fast nach Belieben dominiert, nachdem er im Jahr 2006 noch wegen eines deftigen Schiedsrichterskandals in die Serie B zwangsrelegiert worden war. Im ganzen Land setzten sich nach dem Abpfiff Autokolonnen in Gang, die Tifosi liessen die schwarz-weissen Fahnen ihres Vereins im Fahrtwind flattern. Die Hupkonzerte dauerten stundenlang, bis in die tiefe Nacht hinein.

Als Einziger professionell geführt

Die Erfolgsserie der «vecchia signora» kommt nicht von ungefähr: Juventus Turin ist der einzige wirklich professionell geführte Verein in der einst «schönsten Liga der Welt», die sonst vorwiegend mit finanziellen Exzessen, narzisstischen Klub-Präsidenten, baufälligen Stadien und gewalttätigen Fankurven Schlagzeilen macht. Die Turiner haben ihre Finanzen im Griff: In der Saison 2015/16 resultierte bei einem Umsatz von knapp 400 Millionen Euro ein Reingewinn von 4 Millionen Euro; in der soeben zu Ende gegangenen Saison dürfte die Bilanz noch besser ausfallen. Mit dem 2011 eingeweihten «Juventus Stadium» verfügt der Rekordmeister ausserdem als einziger Grossverein über ein neues und modernes Stadion.

Im Unterschied zur Mailänder Konkurrenz, der AC Milan und Inter, die letztes Jahr zweistellige Millionenverluste geschrieben haben und sich inzwischen in chinesischem Besitz befinden, ist Juventus noch italienisch: Der Verein gehört seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts der Fiat-Familie Agnelli. Präsident der «bianconeri» (Weiss-Schwarzen) ist seit 2010 Andrea Agnelli, Neffe des verstorbenen Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli und letzter männlicher Träger des berühmten Namens. Die phänomenale sportliche Erfolgsserie ist zu einem wesentlichen Teil Verdienst des Präsidenten und des Managers Giuseppe Marotta, der ebenfalls 2010 nach Turin gekommen war.

Erfüllung eines Lebenstraums

Juventus und Fiat stehen symbolisch für ein Italien, das funktioniert und prosperiert – ein Erfolgsmodell in einem Land, das ansonsten vor allem mit hoher Arbeitslosigkeit und wankenden Banken von sich reden macht.

Mit seinen landesweit rund 12 Millionen Tifosi ist die «alte Dame» der mit Abstand populärste Fussballverein im Land – fast eine kleine Nationalmannschaft. Auch dies ist zu einem wesentlichen Teil auf die Verbindung mit Fiat zurückzuführen: In den Boom-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Turiner Autobauer Zehntausende Arbeiter aus dem Mezzogiorno angeheuert; auch in der ersten Mannschaft des hauseigenen Fussballvereins begannen Talente wie Franco Causio (Apulien) oder später Toto Schillaci (Sizilien) aus dem Süden mitzuspielen. Juventus gilt deswegen auch als gelungenes Integrationsmodell für interne Migrationsströme.

Für die weiss-schwarzen Fans im Norden und im Süden ist der Champions-League-Final vom kommenden Wochenende ein Event, dem sie seit Wochen intensiv entgegenfiebern. Für die meisten Juve-Tifosi ist das Gigantentreffen von Cardiff (bei dem der ehemalige Juve-Star Zinédine Zidane auf der gegnerischen Trainerbank sitzen wird) wichtiger als ein WM-Finale mit italienischer Beteiligung – ein Sieg gegen Real wäre die Erfüllung eines Lebenstraums.