In einem wichtigen Punkt kann man die Physikerin allerdings beurteilen: in ihrer Verhandlungsmethode, die sie offensichtlich auch in den Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen anwandte – und damit aber scheiterte. Wer mit Merkel verhandelt, muss sich auf eine lange Verhandlungsdauer einstellen: Ihre physische und geistige Präsenz in sich über Nächte hinziehenden Verhandlungsprozessen ist legendär. Dabei werden alle scheinbar unüberwindbaren Differenzen auf den Tisch gelegt – kein einziger Punkt wird aber rasch abgearbeitet: Gegner werden zermürbt und beeindruckt. Bedeutungslose Indiskretionen und Andeutungen halten das Interesse in der Öffentlichkeit wach und sie beginnt Druck auf die Verhandlungspartner auszuüben, um endlich konkrete Resultate zu sehen.

Diese Balance zwischen perfekter Dossier-Kenntnis und taktischem Durchstehvermögen hat Angela Merkel im Laufe ihrer Regierungszeit perfektioniert – vor allem wegen ihrer Verhandlungen mit den EU-Vertretern. Merkel wartet während solcher Verhandlungen oft tagelang ab, um dann während einer einzigen Nachtsitzung die ermüdeten Gegner auf eine Einigung zu verpflichten. Warum ist sie in Berlin mit dieser Taktik gescheitert?

Sie hat, wie viele andere CDU-Politiker, die tiefgreifenden Veränderungen der wieder auferstandenen FDP zu wenig beachtet: Der junge, strahlende Held Christian Lindner bereitet sich auf eine noch 30 Jahre dauernde politische Karriere vor und wollte nicht die erste Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung nutzen. Zudem will die FDP sich nicht mehr als «Hilfs-Regierungspartei» verstanden wissen, sondern als wirtschaftsliberale, bürgerliche Kraft: Die FDP traut sich zu, Wirkung auch aus der Opposition heraus zu entfalten – gerade weil sie sich nicht als «Volkspartei» versteht. Echte Liberale, so die Botschaft Lindners, streben nicht unter allen Umständen nach Regierungs- und Verwaltungsämtern.

Die Abfuhr hat Angela Merkel aber sichtbar erneuert: Während sie sich im Wahlkampf vom ewigen Plauderer Martin Schulz keine Sekunde herausgefordert sah und sich offensichtlich langweilte, wirkte sie am Ende der gescheiterten Verhandlungen erstaunlich keck und lebensmutig; ihr inhaltlich einfacher Satz machte die Ausgangslage klar: «Selbstverständlich trete ich im Fall von Neuwahlen wieder an. Alles andere wäre komisch.» Und mit diesem einen Satz setzte sie die SPD unter Druck: Plötzlich hinterfragen die Genossen ihre Weigerung, sich an einer Regierung unter Führung von Angela Merkel zu beteiligen. Sie ahnen nämlich, dass ihnen bei Neuwahlen eine erneute Niederlage drohen würde. So steht sie nun also wieder da – und bleibt vorläufig Kanzlerin: Angela Merkel. Mit einigen wenigen Sätzen hat sie das klargemacht.

Mancher deutsche Bürger hält sie für langweilig, uninspiriert und rätselt seit Jahren warum sich in keiner Partei ein ebenbürtiger Kanzler-Kandidat entwickelt hat: Warum vertraut trotzdem noch immer ein grosser Teil der Deutschen der amtierenden Regierungschefin? Der Grund liegt in ihrem Charakter und ihrem Auftreten: Beides verströmt Sicherheit. In unserer Welt voller Selbstdarstellungen, spektakulärer Auftritte und egozentrisch inspirierter Inszenierungen hat sich mit Merkel über Jahrzehnte hinweg eine Persönlichkeit entwickelt, die den Gesellschafts-, Polit- und Medien-Zirkus zwar nützt, aber ihre eigenen Regeln anwendet. Die Substanz ihrer Persönlichkeit, ihrer Politik und ihrer Auftritte ist völlig deckungsgleich.

Der Vergleich mit ihren politisch erfolgreichen Vorgängern offenbart den Unterschied: Der konservative Katholik Helmut Kohl propagierte während vieler Jahre eine «moralisch-geistige Wende» und lobte das althergebrachte Familienmodell: Hinter vorgehaltener Hand wurde über das ruinöse Ehe- und Familienleben Kohls aber schon immer gemunkelt, was sich dann nach seinem Tod als dramatische Wirklichkeit entpuppte. Gerhard Schröder positionierte sich gerne in der Nachfolge des intellektuellen, disziplinierten Helmut Schmidt und des visionären Willy Brandt: Und heute nehmen wir staunend zur Kenntnis, wie der Putin-Vertraute gegen Geld wohl jedes Amt der Welt übernehmen würde. Kohl wie Schröder waren in entscheidenden Phasen ihrer Amtszeit hervorragende Politiker – aber beide haben charakterlich in aller Öffentlichkeit versagt.

Die in sich gekehrte, blitzgescheite Pfarrers-Tochter aus der für uns fremd gebliebenen DDR geht einen anderen Weg: Weder twittert sie Obszönitäten in die Welt wie der seltsame amerikanische Präsident, noch zelebriert sie republikanischen Pomp wie Macron in Paris, um neue Ideen zu lancieren. Irgendwie scheint sie immer noch im Pfarrhaus zu leben. Das mögen die Menschen – auch wenn sie zu ahnen beginnen, dass ihre Zeit als Kanzlerin langsam, aber sicher zu Ende geht. Deshalb werden wir sie eines Tages alle vermissen – vor allem wir Schweizer. Unsere Grosseltern und Urgrosseltern hätten sich nämlich immer derart bescheidene und disziplinierte Regierungschefs auf deutschem Boden gewünscht.

Peter Hartmeier ist freier Publizist und Berater; er ist Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien AG.

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