Flüchtlinge

Warum Moria auf Zypern nie passieren könnte: Im Lager Kofinou gibts sogar Gratis-Shuttle-Busse in die Stadt

400 Menschen leben im Lager von Kofinou. Die Container sind klimatisiert. Es gibt gratis Shuttle-Busse in die Stadt.

400 Menschen leben im Lager von Kofinou. Die Container sind klimatisiert. Es gibt gratis Shuttle-Busse in die Stadt.

Kein europäisches Land hat verhältnismässig so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Zypern. Probleme gibt es kaum – bis jetzt.

Mohammed al-Oaqili zittert, als er sein T-Shirt auszieht, um die Foltermale auf seinem Oberkörper zu zeigen. «Mit einem Lötkolben haben die Terroristen ihn gepeinigt», flüstert seine Frau Marian und zeigt auf weitere Brandnarben an den Armen und Beinen ihres Mannes. Als Personenschützer hatte Mohammed in Bagdad für eine internationale Sicherheitsfirma gearbeitet. Das machte ihn in den Augen der pro-iranischen Sadr-Milizen verdächtig. «Sie beschuldigten mich, ein Agent der Amerikaner zu sein», erzählt der 44-Jährige.

Nach seiner Freilassung vor zwei Jahren entschloss sich die Familie zur Flucht nach Zypern. Über Istanbul waren die Oaqilis in den türkisch-besetzten Nordteil der Mittelmeerinsel geflogen. Dort wurden sie von Schleppern für 2000 Dollar über die Grenzlinie in den griechischen Süden, in die Republik Zypern, gebracht. Seither warteten sie darauf, dass über ihren Asylantrag entschieden wird.

Ihr Zuhause ist das Durchgangslager von Kofinou. Mehr als 400 Menschen leben hier. Die Wohncontainer sind sauber, klimatisiert und haben Duschen. Zwei Grossküchen versorgen die Bewohner mit drei Mahlzeiten am Tag. Ein Arzt kommt fünfmal die Woche vorbei. Alle zwei Stunden fährt ein Bus in die Hafenstadt Larnaca, wo die Flüchtlinge in Läden die Einkaufsgutscheine der Regierung einlösen und sich nach einem Job umsehen können.

Die Familie Oaqilis ist aus dem Irak nach Zypern geflohen.

Die Familie Oaqilis ist aus dem Irak nach Zypern geflohen.

Die verflixte Sache mit der Grenze

«Kofinou ist kein Gefängnis. Wir ermutigen die Bewohner, das Lager zu verlassen und sich auf der Insel eine Wohnung zu suchen», sagt Andreas Varnava, der Camp-Manager. Mit Blick auf das Drama auf Lesbos meint er: «Wir sind das andere Extrem. Wir wollen Frieden, keinen Krieg wie in Moria. Wir arbeiten hart dafür.» Zu den zypriotischen Bemühungen gehört auch der Schulbesuch für die Flüchtlingskinder und Sprachklassen in Griechisch und Englisch.

Kein europäisches Land hat – im Verhältnis zur Bevölkerung – so viele Asylsuchende aufgenommen wie die Republik im östlichen Mittelmeer. Mehr als 34'000 Flüchtlinge leben in der Republik Zypern mit ihren knapp 1,2 Millionen Einwohnern. Das sind rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Jetzt aber stösst auch Zypern an seine Grenzen. Innenminister Nicos Nouris sagt: «Wir haben die Grenze erreicht. So kann es nicht weitergehen.» Ohne Hilfe der Europäischen Union werde man das Migrationsproblem nicht bewältigen können.

Wenn die Flüchtlinge plötzlich mit Selbstmord drohen

Eine von Nouris geforderte Übernahme von Flüchtlingen lehnt Brüssel jedoch ab. Der Zustrom von Flüchtlingen über die in der Regel unbewachte Demarkationslinie zwischen der türkisch besetzten und der griechischen Inselhälfte würde in diesem Fall wohl weiter steigen. Eine Sicherung der «Grenzlinie» durch eigene Soldaten kommt für die Regierung in Nicosia aus politischen Gründen nicht in Frage, weil man in diesem Fall den Status quo, also die Teilung der Insel, de facto anerkennen würde.

Mehr als 17'000 Asylgesuche warten in zyprischen Amtsstuben mittlerweile auf eine Bearbeitung. Darunter ist auch der Antrag des Nigerianers Amuru, der vor der Terrororganisation Boko Haram geflohen war. «Die Flucht über Istanbul und Nord-Zypern war einfach», sagt Amuru, «die Wartezeit auf den Entscheid ist unerträglich.»

Das sagt Anna Charalambous. Die Zypriotin gehört zu einem Team von Sozialarbeitern, das sich im Durchgangslager von Kofinou um die Flüchtlinge kümmert. «Wir helfen ihnen, die bürokratischen Hürden zu überwinden», erzählt die 28-Jährige. Nicht immer können sie alle Probleme lösen.

«Manche Asylanten drohen dann mit Selbstmord», erzählt Anna. Denn: Eine Chance auf Asyl in Zypern haben die Wenigsten von ihnen. Vor allem die Schwarzafrikaner aus Nigeria, Kamerun und Sierra Leone, die inzwischen fast drei Viertel der Asylsuchenden ausmachen, betrachtet die zypriotische Regierung als Teil eines «organisierten Netzwerkes», das von der Türkei begünstigt werde.

Abschieben in die Türkei: unmöglich

Eine Abschiebung der Migranten in die Türkei oder ins türkisch besetzte Nord-Zypern ist jedoch nicht möglich, weil die Republik Zypern die türkischen «Nachbarstaaten» völkerrechtlich nicht anerkennt.

«Nüchtern betrachtet, sollte unser kleines Land nicht in der Situation sein, in der wir uns jetzt befinden», sagt Andreas Varnava, der Camp-Manager in Kofinou. Schliesslich seien weit mehr als die Hälfte der griechischen Zyprioten selbst Flüchtlinge, vertrieben von der türkischen Invasionsarmee. «46 Jahre später wird unser kleines Land noch immer bedroht», sagt Varnava zur Stimmungslage unter den Inselgriechen.

Auch vor diesem Hintergrund verdiene Zypern eine grössere Unterstützung bei der bislang doch so vorbildlichen Bewältigung des Flüchtlingsproblems. «Wohncontainer und Zelte haben auch hier schon gebrannt. Das Problem haben wir aber in Eigenregie gelöst», erzählt der Camp-Manager, als eine Gruppe von Asylsuchenden mit Einkaufstüten an seinem Büro vorbeischlendert. Der kostenlose Shuttlebus war gerade in Kofinou angekommen.

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