Madrid, London, Oslo, Paris, Brüssel, Nizza – und jetzt München. Es sind Städte, die wir lokalisieren können, die wir vielleicht gar schon besucht haben und die in den vergangenen zwölf Jahren Opfer von verheerenden Terroranschlägen geworden sind.

«Hat denn das kein Ende?», denkt sich manch einer in diesen Tagen. Und vielleicht noch: «Früher gab es so etwas nicht – oder zumindest nicht so nahe bei uns.» Das Gefühl, dass sich die terroristische Gewaltspirale immer schneller und immer brutaler dreht, wird nicht zuletzt in Tausenden Social-Media-Beiträgen ausgedrückt.

Aber stimmt es denn auch? Ein Blick in die Statistik zeigt Erstaunliches: Was für die Welt gilt, trifft auf Europa so nicht zu. Oder anders gesagt: Während es auf globaler Ebene insbesondere in den letzten fünf Jahren eine deutliche Zunahme von Terroranschlägen mit entsprechend mehr Todesopfern gegeben hat, kannte unser Kontinent schon deutlich blutigere Zeiten.

Die Universität von Maryland/USA weist in ihrer «Global Terrorism Database» terroristische Vorfälle seit 1970 auf. Gemäss Definition müssen diese ein politisches, wirtschaftliches, religiöses oder soziales Motiv und eine «Botschaft» für eine grössere Zielgruppe als die Opfer gehabt haben. Zudem muss die Tat «ausserhalb der Grundsätze des humanitären Völkerrechts stattgefunden» haben.

Jedes Jahr mehr als 150 Tote

Der riesige Datensatz geht bis ins Jahr 1970 zurück und kann nach Regionen aufgeschlüsselt werden. Dabei sieht man, dass in Westeuropa die Opferzahl von Terror-Anschlägen in den 1970er- und 1980er-Jahren deutlich höher war als heute. Zwischen 1972 und 1988 gab es gemäss GTD kein Jahr mit weniger als 150 Opfern von Terrorattacken. In kollektiver Erinnerung bleiben dabei vor allem folgende Ereignisse :

Das Olympia-Attentat von München (1972): Eine palästinensische Terrororganisation stürmte das Wohnquartier der israelischen Mannschaft an den Olympischen Sommerspielen. 17 Menschen – Geiseln, Terroristen und ein Polizist – sterben.

Anschlag in Bologna (1980): Bei einem Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof sterben 85 Menschen. Zuerst werden die «Roten Brigaden» verdächtigt, später weisen Untersuchungen jedoch einen neofaschistischen Hintergrund der Tat auf.

Flugzeugbombe von Lockerbie (1988): 270 Menschen verlieren bei einem Bombenanschlag auf ein US-amerikanisches Verkehrsflugzeug über Schottland das Leben. Der libysche Geheimdienst wird dafür verantwortlich gemacht.

Früher: Regional eingrenzbar

Dass sich heutzutage dennoch mehr Menschen vor dem Terrorismus fürchten, ist ein vielschichtiges Phänomen. Einerseits war das politische Motiv einer Tat früher einfacher erkennbar – häufig waren Untergrundorganisationen wie die nordirische IRA, die baskische ETA oder die RAF in Deutschland beteiligt. Auch sie schreckten nicht vor Anschlägen auf die Zivilbevölkerung zurück, in der kollektiven Wahrnehmung waren diese aber weniger wahllos. Zudem wusste man – als Tourist etwa – um die «terroristischen Gefahrengebiete» und konnte sie eher meiden. Auch wenn die statistische Wahrscheinlichkeit, beim Essen zu ersticken, höher ist, hat man heute das Gefühl, nirgendwo mehr vor Terrorattacken sicher zu sein.

Hinzu kommt, dass die (sozialen) Medien heute viel schneller, breiter und damit auch furchteinflössender über einen Anschlag berichten (können). Das ist durchaus im Sinn der Terroristen, sie nutzen die Technologie teilweise gar zu ihren Zwecken – denn sie wollen in der Bevölkerung ja möglichst viel Angst und Schrecken auslösen. Die Medien ihrerseits können es sich nicht erlauben, nur am Rand über ein solches Mega-Thema zu berichten.

Selbstverständlich helfen all die Statistiken niemandem, der in den letzten Jahren direkt oder indirekt von einer Terrorattacke betroffen war, über das erlittene Leid hinweg. Jedes Terroropfer ist eines zu viel. Die Zahlen dienen höchstens dem Rest der Bevölkerung, kühlen Kopf zu bewahren.