Es wäre so einfach: Am Berliner Hauptbahnhof in den ICE nach Zürich steigen, acht Stunden Fahrt. Umsteigen in die Regionalbahn bis Wyssachen im Kanton Bern. Die sattgrünen Hügel, die imposanten Berner Alpen am Horizont, der Geruch der Gräser, ein Bier in einer Schweizer Beiz, Älplermakronen. So riecht Heimat. Immer noch.

Adam Tellmeister, 56, hat seine Heimat ewig nicht gesehen. 31 lange Jahre nicht. 1986 hat Adam, der damals noch Meister hiess, sein Emmental als 25-Jähriger fluchtartig verlassen. Es folgte eine Odyssee durch Europa – von Venedig ins Ruhrgebiet, nach Amsterdam und nach Ost-Berlin. 20 Jahre lang war er Sans-Papiers, keine Krankenkasse, kein Bankkonto. «Flüchtling aus dem Musterland der Demokratie», titelte der «Spiegel» verwundert. 1986 bat er in Essen um politisches Asyl. Die Beamten glaubten an einen Scherz der «Versteckten Kamera». Auch die DDR-Grenzwächter wollten 1989 nicht glauben, dass ein Schweizer um Aufnahme in ihrem kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Land bat.

«Ich wurde genötigt»

Tellmeister will nicht auf die Geschichte seiner Flucht reduziert werden. Er möchte als Künstler ernstgenommen werden. Aber seine Kunst lässt sich nicht beschreiben, ohne die unglaubliche Geschichte eines Mannes zu erwähnen, der seiner Heimat so sehr verbunden ist, dass er nicht einfach so in sie zurückkehren kann. Dessen Identität derart verknüpft ist mit der Geschichte seiner Flucht, dass sie Risse erfahren könnte, würde er heimkehren. Adam Tellmeister liess schon einmal eine Identität zurück. Zwei Mal hält er das nicht durch. «Ich wollte die Schweiz nicht verlassen. Ich wurde dazu genötigt.»

Berlin, Prenzlauer Berg, Ende Juli. Das Künstleratelier strahlt geordnetes Chaos aus. Grossflächige Gemälde, daneben Porträts, hinter einer Sofa-Ecke eine Reihe Ölgemälde exotischer Figuren in Brandenburger Landschaften. Tim Guldimann, heute SP-Nationalrat, und jahrelang Schweizer Botschafter in Berlin, ist auf Öl verewigt. Er sitzt da in weissem Unterhemd und mit bunt lackierten Fingernägeln.

Bemerkenswert und beeindruckend sind vor allem Tellmeisters Hologramme. In einem Kellerraum unterhalb seines Ateliers hat er zwei Stühle vor einer weissen Leinwand aufgestellt. Die Leinwand verwandelt sich in eine zauberhafte Welt, sobald der Raum verdunkelt ist, die 3-D-Brille aufgesetzt ist und das Licht den richtigen Einfallswinkel hat. Er ist zufällig darauf gestossen, dass er mit einer Mischung aus Kalk, Bleiche und dem richtigen Einfallswinkel des Lichtes seine Gemälde dreidimensional gestalten kann. Das Farbgemisch ist Tellmeisters Erfindung, und alleine seiner Hologramme wegen zählt er heute bedeutende Leute aus Politik, Kunst und Gesellschaft aus Deutschland und der Schweiz zu seinen Kunden.

Nicht jeder darf die Hologramme, überhaupt seine Werke, sehen. Es ist ein Ereignis, bei Tellmeister ins Atelier zu kommen. Und nur wenn es dem Künstler danach ist, zeigt er seine Hologramme. Auch Hausdame Emsi, die Hündin, hat ein Mitspracherecht. «Gäste müssen ihr Leckerli mitbringen, sonst ist sie unzufrieden», sagt Tellmeister, zieht an einer Zigarette und beginnt herzhaft zu lachen.

AfD wählen als Signal gegen die EU

Tellmeister befasst sich in seiner Kunst mit Politik. Er möchte, dass die Kunst wieder politischer wird, sich auch gegen den «Leistungsrassismus» unserer Zeit auflehnt, wie er meint. Es sei eine gute Zeit dafür, sagt er. Die Gesellschaft werde politisiert, die Verwerfungen in der Welt böten die Chance, die Demokratie neu aufzustellen, damit wirklich das Volk den Lauf der Dinge bestimme. Wenn er philosophiert über die EU, Deutschland und die Schweiz, polarisiert Adam Tellmeister. Er ruft etwa dazu auf, die AfD zu wählen. Nicht, weil er politisch rechts denkt, sondern weil er auf starke Zeichen gegen Merkels EU-Politik hofft.

Vor allem aber befasst sich Tellmeister mit der Schweiz, aus der er 1986 flüchtete, weil er von einem Militärgericht wegen Dienstverweigerung zu acht Monaten Militärhaft verurteilt wurde. Von seinem Berliner Exil aus kritisiert er die mangelnde Weltoffenheit der Schweiz, die zu geringe Förderung der Kultur. Es ist ein ambivalentes Verhältnis zur ehemaligen Heimat: Einerseits tiefe Verbundenheit, andererseits scharfe Kritik.

Die «Blocher-Rösti»

Tellmeister war regelmässiger Gast beim «Helvti-Treff» in der Berliner Exil-Schweizer-Kneipe «Helvetia». Er organisierte mit der «Fünften Schweiz» Kunstaktionen, die sich mit seiner Heimat befassen. Im «Helvetia» in Kreuzberg lancierten sie vor einigen Jahren die «Blocher-Rösti». Statt sie zu essen, musste man sie gegen eine Wand schleudern. Mit dem Erlös wurden Künstler-Auftritte in der «Rösti-Bar» finanziert. Und als in der Schweiz die Minarett-Initiative angenommen worden war, zierten Moscheen mit grossen Minaretten die Wand des «Helvetia».

Den «Kantönligeist» müsse man überwinden, sagt Tellmeister im Gespräch. Und die Viersprachigkeit verhindere, dass sich die Schweizer wirklich verstehen. «Man müsste sich auf eine Landessprache einigen. Von mir aus Tschechisch», meint er. Man weiss nie so recht, was er ernst meint und was Ironie ist. Tellmeister blickt einem nach solchen Sätzen länger in die Augen, ohne eine Miene zu verziehen.

Ein anderes Mal schlägt er vor, das Telldenkmal in Altdorf abzutragen und nach Weimar zu verfrachten. Im Gegenzug sollte das Schiller-Denkmal in Altdorf aufgestellt werden. Tellmeister zieht Pläne aus der Schublade. Er hat die Durchführung dieser Aktion tatsächlich akribisch durchgespielt. Sowieso: Wilhelm Tell. Der zieht sich wie ein roter Faden durch viele von Tellmeisters Werken. In seinen Gemälden hält Wilhelm Tell mal eine phallus-ähnliche Armbrust in der Hand, ein anderer Tell kopuliert mit einem Sennentuntschi.

Die Figur Wilhelm Tell ist eine Metapher für Widerstand. Aber Friedrich Schiller habe Wilhelm Tell ins Museum gebracht, sagt Tellmeister. «Schiller war keine Sekunde seines Lebens in der Schweiz, und wir Schweizer haben nie hinterfragt, was dieser Tell eigentlich für eine Figur ist», empört sich der Künstler. Tell habe auf seinen Sohn geschossen. «Wenn er ein so guter Schütze war, warum hat Tell nicht mit einem Querschläger den Gessler getötet?» In Wahrheit sei der Schuss des Vaters auf den Apfel eine frühe Form des Kindsmissbrauchs gewesen. «Heute würde einer, der auf seinen Sohn schiesst, ins Gefängnis wandern. Aber wir Schweizer feiern die Figur unreflektiert ab.»

Tellmeister möchte rückwirkend Strafanzeige gegen Wilhelm Tell wegen versuchter Kindstötung «beim Jugendamt des Kantons Uri» einreichen und stattdessen für Sohn Walter ein Denkmal errichten. Wieder so eine Aussage, bei der man den Künstler fragend anblickt, ohne zu erfahren, was er wirklich denkt. Die ursprüngliche Geschichte des Freiheitskämpfers Tell, sagt der Künstler, könne Inspiration auch für die Gegenwart sein, nicht aber der Wilhelm Tell des Friedrich Schiller. «Ich möchte Tell befreien.»

Der Mythos Tell ist nicht nur Inspiration für Tellmeisters künstlerisches Schaffen, er ist auch Namensgeber. Nach dem Zusammenbruch der DDR rutschte Tellmeister in die «Illegalität» ab, wie er sagt. Das Papier des Ministeriums für Staatssicherheit, das ihm die Aufenthaltsgenehmigung bescheinigt hatte, war nicht mehr gültig, die Schweizer ID war längst abgelaufen, einen Pass besass Tellmeister nicht.

Fischer intervenierte bei Deiss

Der damalige Aussenminister Joschka Fischer setzte sich beim Schweizer Aussenminister Josef Deiss bei einer Spreefahrt Anfang der 2000er-Jahre für Tellmeister ein, damit dieser wieder Papiere erhält. Tellmeister identifizierte sich zu jener Zeit schon längst mit dem Nachnamen, den er sich selbst gegeben hatte. Doch beim EDA in Bern beschied man ihm, man könne nicht auf seinen Wunsch nach Namensänderung eingehen. In der Schweiz dürfe sich nicht einfach jeder Tell nennen. «Ich konnte auf keinen Fall meine Identität aufgeben», erzählt er. Zwei psychologische Gutachten reichte Tellmeister beim EDA ein. In beiden wurde festgehalten, dass es für den Künstler keine Zukunft gäbe, würde er auch seinen zweiten Namen verlieren.

2009 lenkte Bern ein, aus Adam Meister wurde offiziell Adam Tellmeister. Als sie ihm in einer Berliner Kanzlei Ende 2009 den neuen biometrischen Pass feierlich überreichten, lud er am selben Abend in seinem Atelier zu einem künstlerischen Happening ein. Als Chirurg verkleidet und zu sphärischen Klängen einer befreundeten Band operierte er, assistiert von zwei jungen Frauen, den biometrischen Chip aus dem Pass. Aus Protest gegen die Datensammelwut des Staates, wie er sagt. Das EDA hat ihm inzwischen wieder einen Pass zukommen lassen – ohne Chip. Er hat ihn in einem Safe verstaut. An dem Tag, an dem er vielleicht zurückkehrt in die Schweiz, kramt er ihn hervor.

Auf die Frage, wie er Heimat definiere, meint Tellmeister, ohne zu zögern: «Die Landschaft im Bernischen, das ist Heimat.» Natürlich, fügt er hinzu, vermisse er die Schweiz. «Das Essen, die Geselligkeit.» In Berlin habe er sich aber gut «arrangiert». Das klingt nicht nach einem wahren Zuhause. Wäre er eines Tages wieder im Emmental, würde er auf die Lüderenalp wandern, als Knecht schuften, in einem Stall arbeiten, sinniert er.

Am 1. August schaut Adam Tellmeister vielleicht wieder im Restaurant Helvetia in Kreuzberg vorbei, inzwischen trägt der Laden den Namen «Schwarze Heidi». Dort treffen sich viele Exil-Schweizer, um gemeinsam die Schweizer Berge, die gute helvetische Luft, einfach die Heimat zu vermissen. Es gibt Cervelat und Kalbsbratwürste – ein wenig Geruch der Heimat. Und wie jedes Jahr spielt das Berliner Alphorn-Orchester Stücke aus der Eidgenossenschaft.