Bolivien

Warum Evo Morales für seine Anhänger so wichtig ist

Unterstützer von Evo Morales blockieren eine Strasse in der Grossstadt El Alto.

Unterstützer von Evo Morales blockieren eine Strasse in der Grossstadt El Alto.

In Bolivien brodelt es. Der Abgang von Evo Morales befeuert alte ethnische Konflikte sowie den Kampf zwischen Arm und Reich.

Seit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von Ende Oktober ist Bolivien eine tiefe innenpolitische Krise geschlittert. Der Sturz von Evo Morales und dessen Flucht nach Mexiko vor knapp zwei Wochen brachten keine Ruhe, im Gegenteil.

Die Anhänger des Sozialisten wollen dessen Rücktritt nicht akzeptieren und blockieren Strassen. 30 Menschen sind seit dem Beginn der Unruhen ums Leben gekommen. Übergangspräsidentin Jeanine Áñez hat vergangene Woche ein Dekret erlassen, welches der Armee ermöglicht, die Polizei bei der Bekämpfung der Unruhen zu unterstützen. Die Soldaten sind dabei vor Strafverfolgung geschützt. Immerhin hat die provisorische Regierung diese Woche die versprochenen Neuwahlen auf den Weg gebracht. Ein entsprechendes Gesetz ist aufgegleist, der Wahltermin steht jedoch noch in den Sternen.

Dass die Wut der Morales-Anhänger so gross ist, hat viel mit der Geschichte des Landes zu tun. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Tatsache, dass Morales der erste indigene Präsident des Landes und von ganz Lateinamerika war. Von seiner Wahl ging eine Strahlkraft bis weit über die Landesgrenzen hinaus, eine Art gefühlter Emanzipation der Indigenen auf dem ganzen Kontinent.

Leidvolle Vergangenheit

Über Jahrhunderte wurde Lateinamerika von Kolonialherren ausgebeutet. Ein bolivianisches Symbol dafür ist der Cerro Rico in der Andenstadt Potosí. Der sogenannte Silberberg sorgte dafür, dass Potosí im 17. Jahrhundert eine der grössten Städte der Welt war. Bei den Arbeiten im Berg kamen tausende indigene Zwangsarbeiter ums Leben, vom Silber profitierte Europa.

Diese leidvolle Vergangenheit sorgt bis heute für starke Spannungen in der bolivianischen Gesellschaft. Wie überall in Lateinamerika sind die Unterschiede zwischen arm und reich sehr gross. Und die Grenze verlaufen dabei auch nach Ethnizität. Die Oberschicht ist geprägt von Nachfahren der spanischen Eroberer, während der indigene Bevölkerungsanteil, der 60 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, weitgehend in der Unterschicht zu finden ist. Unter der Regierung von Evo Morales haben viele Indigene einen beispiellosen Aufstieg erlebt.

Morales und seine Partei Bewegung zum Sozialismus befeuern diese Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen gezielt. Nicht zufällig sagte Morales’ Vizepräsident Álvaro Linera vor dem Abflug nach Mexiko: «Wir kommen zurück und werden Millionen sein.» Ein Zitat des Indigenenführers Túpac Katari, der Ende des 18. Jahrhunderts wochenlang La Paz belagert hat und später von den Spaniern hingerichtet wurde. Die Botschaft ist klar: Morales ist der Anwalt der lange unterdrückten und marginalisierten Indigenen in Bolivien, seine Gegner wollen die 13 Jahre seiner Regentschaft ungeschehen machen und alte Privilegien wiederherstellen.

Machthungriges Gebaren

Morales bleibt ein wichtiger Politiker für die Indigenen. Er ist für sie das Symbol, ja der Garant für ihren wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg. Sie ignorieren, dass Morales tatsächlich autokratische Züge angenommen hat. Und der einfache, bescheidene Kokabauer, als den er sich gerne gibt, ist der schwerreiche Langzeit-Präsident schon lange nicht mehr. Durch sein machthungriges Gebaren hat Morales einen grossen Anteil an der aktuellen Krise im Land.

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Autor

Dominik Weingartner

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