Analyse

Warum Europa auch in Mali verteidigt wird

Französische Kampffahrzeuge in Mali

Französische Kampffahrzeuge in Mali

Ein Taliban-Terrorstaat, ein «Saharistan», vor der Haustüre Europas: Dieser Albtraum ist mit der Islamistenherrschaft in Nord-Mali plötzlich ziemlich real geworden.

Gleich zu Beginn der militärischen Intervention, mit der Frankreich die radikalen Islamisten in Mali zurückdrängen will, zeigten die «Gotteskrieger», wie gut sie bewaffnet sind: Sie schossen mit einer Boden-Luft-Rakete einen modernen französischen Helikopter ab. Und mit dem Überfall auf ein BP-Gasfeld im 1000 Kilometer entfernten Ostalgerien bewiesen sie, dass sie auch ziemlich gut organisiert sind.

Westliche Geheimdienste glauben, dass die Islamisten in Mali Hunderte Boden-Luft-Raketen in ihrer Hand haben, die sie zusammen mit anderen modernen Kriegsgeräten aus den Waffenlagern des libyschen Ex-Diktators Muammar Gaddafi plünderten. Dazu sollen von der Schulter abzuschiessende, wärmegeleitete russische SA-7-Raketen gehören. Sie eignen sich besonders gut dafür, tief fliegende Helikopter oder auch Flugzeuge anzugreifen. Diese Geschosse könnten in Flughafen-Nähe auch auf Passagiermaschinen abgefeuert werden, warnen amerikanische Anti-Terror-Experten. Die ganze Sahara-Region habe sich «in ein Pulverfass verwandelt», sagte Mohamed Bazoum, der Aussenminister Nigers, das im Osten an Mali grenzt.

Von Mali an die Mittelmeerküste

Europa könne nicht zuschauen,wie in Mali «eine Hochburg des Terrorismus entsteht», erklärte dieser Tage Deutschlands Aussenminister Guido Westerwelle. «Von Mali aus ist es eine Staatsgrenze, und man ist im Mittelmeerraum», beschrieb Westerwelle den Ernst der Lage für Europa. Zwar ist die Mittelmeerküste von der malisch-algerischen Grenze immer noch gut 1500 Wüstenkilometer entfernt. Aber die Al-Kaida-Krieger haben schon öfter bewiesen, dass sie mit ihren modernen Geländewagen die Sahara erstaunlich schnell, sogar unbemerkt von Spionagesatelliten, durchqueren können. Marokkos Mittelmeerküste ist somit für sie ebenso gut erreichbar.

In Marokko und Algerien wurden in den letzten Jahren mehrfach islamistische Terroristen festgenommen, die Kreuzfahrtschiffe oder westliche Marineeinheiten in Küstennähe angreifen wollten. Ein Attentat in der marokkanischen Touristenstadt Marrakesch im April 2011, bei dem 17 Menschen - die meisten waren Europäer - starben, erinnerte an die allgegenwärtige Terrorgefahr in der Region. Und mit unschöner Regelmässigkeit werden in der Wüste westliche Sahara-Touristen, Entwicklungshelfer oder Ingenieure entführt.

Die Sicherheitsbehörden befürchten, dass islamistische Terrorzellen auch auf dem europäischen Kontinent zuschlagen könnten. Die Zahl der gewaltbereiten Al-Kaida-Sympathisanten, die sich in der Einwandererszene verstecken, wird auf mehrere Hundert geschätzt. Europol sieht vermehrt fanatische Einzeltäter am Werk, die zwar von al-Kaida ideologisch geleitet sind, aber keiner Islamistengruppe angehören. Und noch ein Horrorszenario macht den Terroranalysten Sorgen: Anzeichen einer Zusammenarbeit zwischen «al-Kaida im islamischen Maghreb», der islamistischen Terrorsekte Boko Haram im südlich von Mali liegenden Nigeria und den militanten Islamisten von al-Shabaab in Somalia. Sie eint der weltweite «Heilige Krieg» und das Fernziel eines «Terrorgürtels» quer durch die Sahara- und Sahelregion von West- nach Ostafrika.

Meistgesehen

Artboard 1