Eigentlich hatte Charles Moore allen Grund zur Freude an diesem schönen Sommertag im Jahre 1997: Er war gerade Dritter geworden bei der legendären Transpac-Segelregatta von Los Angeles nach Hawaii. 2225 Seemeilen Abenteuer lagen hinter ihm. Doch wirklich freuen konnte er sich nicht, denn was er hier auf dem Rückweg von Honolulu zu Gesicht bekam, liess ihn erschaudern.

Eine schwimmende Müllkippe lag da inmitten des offenen Ozeans vor ihm, und zwar von erstaunlichen Ausmassen: Auf einer Fläche, so gross wie ein ganzer Kontinent, trieben Styroporteilchen im Wasser, Flaschen, Verpackungsmüll, Deckel, Plastiktüten, alte zerbrochene Kämme, Becher, Abertonnen von Zivilisationsabfall. «Nur Plastik, so weit das Auge reicht», sagte Moore später. «Es scheint unglaublich, aber ich fand nicht eine einzige offene Stelle im Wasser, die nicht mit Plastik übersät war – eine ganze Woche lang nicht.»

Schwimmende Müllhalde

Das, was Moore damals entdeckte, ist heute als «Great Pacific Plastic Patch» beziehungsweise als «grosser pazifischer Plastikstrudel» bekannt, eine riesige schwimmende Müllhalde im Nordpazifik, die heute schon die Ausmasse Afrikas angenommen hat. Bis zu 1 Million Plastikteilchen treiben zwischen Hawaii und dem nordamerikanischen Festland in jedem Quadratkilometer Wasser bis in eine Tiefe von 30 Metern hinein. Ozeanografen gehen davon aus, dass 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll im Wasser schwimmen.

Moore liess seine grausige Entdeckung übrigens nicht ruhen. Zwei Jahre später kam er in das gleiche Gebiet zurück und mass den Anteil des Plastiks im Wasser genauer nach. Das Ergebnis: Schon 1999 gab es hier sechsmal so viel Plastik wie Plankton im Wasser.

Zersetzung dauert bis zu 450 Jahren

Bis heute hat sich der Anteil des Plastiks vervielfacht. Seitdem haben sich Forscher in aller Welt mit der Vermüllung der Meere intensiver beschäftigt, allesamt kommen sie übereinstimmend zu dem Ergebnis: Der Plastikmüll ist eine ernst zu nehmende Gefahr für das Ökosystem Meer geworden und diese Gefahr nimmt jeden Tag weiter zu – weltweit. Das grosse Problem gerade beim Plastik ist, dass es nicht biologisch abbaubar ist und nur äusserst langsam von den Wellen und dem UV-Licht zersetzt wird; bis zu 450 Jahre kann das dauern, haben Forscher ermittelt.

Bis es so weit ist und der Plastikmüll von den Wellen und den Sonnenstrahlen, dem Meerwasser und der Reibung der Teile aneinander in immer kleinere Bruchstücke zerteilt wird, stellt der Müll eine erhebliche Gefahr für alles Leben im Wasser dar. Zum einen verfangen sich Fische, Meeressäuger und Schildkröten in dem Verpackungsmüll, den alten Fischernetzen und anderem Plastikunrat und verenden darin qualvoll. Zum anderen stellen gerade die kleinen Plastikbruchstücke, die auf dem offenen Meer im Laufe der Zeit entstehen, eine wohl noch grössere Gefahr dar: Die nämlich werden von den Seevögeln an ihre Jungen verfüttert und Fische wie auch Schildkröten, Krebse und Meeressäuger fressen sie in grossen Mengen.

Plastik landet auf unserem Teller

Plastik wirkt zudem wie ein Magnet auf Schadstoffe, wie PCB und DDT, und bindet diese an sich. Genau diese schadstoffbelasteten kleinsten Plastikteilchen fressen nun die Fische, sogar die Muscheln, und somit gelangen sie über diesen Umweg in die menschliche Nahrungskette. Moore sagt: «In manchen Bereichen des Ozeans ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fisch sich von Plastik statt von seiner natürlichen Nahrung ernährt, grösser. Was hier vor sich geht, ist ein unkontrollierbares Experiment mit Giftstoffen, das wir mit uns selbst anstellen.»

Die Wissenschafter schlagen Alarm. Die UNO-Umweltorganisation UNEP hat ermittelt, dass «bis zu 18000 Plastikteile in jedem einzelnen Quadratkilometer der Weltmeere treiben. Jedes Jahr kommen weitere 6,5 Millionen Tonnen Plastikmüll hinzu.» Wissenschafter haben herausgefunden, dass mehr als 1 Million Seevögel und 100000 Schildkröten und Meeressäuger jährlich einen qualvollen Tod sterben, verursacht ausschliesslich durch den Plastikmüll.

Die Meeresschutzkommission OSPAR mit Sitz in London hat in den Jahren 2002 bis 2004 in einer Studie 819 Eissturmvögel untersucht, 93 Prozent davon hatten Plastikmüll im Magen. «Die Vögel verwechseln immer öfter Plastik mit Nahrung», sagt Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste im schleswig-holsteinischen Büsum.

Auf Hawaii sterben heute schon 2 von 5 Layson-Albatross-Küken innerhalb ihrer ersten sechs Lebensmonate an dem Plastik, das ihre Eltern an sie verfüttern, haben Biologen festgestellt. Sie verhungern praktisch mit vollem Magen, da das unverdaubare Plastik den Raum für echte Nahrung blockiert und die Nahrungsaufnahme somit verhindert.

Der Abfall kommt vom Festland

Doch wie bekommt man dieses Plastikmüllproblem in den Griff? Absichtserklärungen und Verbote gibt es inzwischen viele. Wissenschafter der internationalen maritimen Wissenschaftsorganisation GESAMP in London haben herausgefunden, dass rund 80 Prozent des Plastikmülls vom Festland stammen und zum Beispiel über die Flüsse ins Meer getragen werden oder von Anrainerstädten, die den Müll ins Meer kippen, oder von Touristen am Badestrand. Nur 20 Prozent des Abfalls entstehen direkt auf dem Meer, indem er etwa über Bord gekippt wird.

Ein Pilotprojekt im italienischen Hafen von Livorno gibt Hoffnung. Dort startete im Jahre 2006 der Ankauf von Müll, den örtliche Fischer mit ihren Booten und Netzen aus dem Wasser herausgefischt haben. Für Charles Moore reicht das nicht. Für ihn gibt es nur eine Lösung: «Das Plastik muss biologisch abbaubar und recyclierbar sein, sonst geht es nicht.»