Byron Sigcho-Lopez ist sich selbstverständlich bewusst, dass seine politischen Ideen für amerikanische Ohren radikal klingen – schliesslich bezeichnet sich der 35-Jährige als Demokratischer Sozialist. Er greift damit auf einen Begriff zurück, der gerade unter älteren Amerikanern Erinnerungen an den Kommunismus und den Kalten Krieg weckt.

Sigcho-Lopez ist aber auch ein Politiker, der der Meinung ist, dass er mit seinen Überzeugungen nicht hinter dem Berg halten muss. Deshalb sprach er in diesem Frühjahr, als er sich in Chicago um einen Sitz im Stadtparlament (City Council) bewarb, oft und gerne über sein sozialistisches Programm.

So will er die Mietzinse deckeln, damit sich Immobilien-Spekulanten nicht mehr bereichern können. Auch fordert Sigcho-Lopez einen härteren Umgang mit korrupten Politikern, von denen es leider in Chicago nur so wimmelt. Zudem will er mehr Geld in die lokalen Schulen investieren.

Keine Luftblasen mehr

Und nun sind diese Ideen plötzlich nicht mehr utopische Luftblasen, ausgestossen von einem Vertreter einer sektiererischen Kraft (siehe Kasten). Denn bei der Gesamterneuerungswahl in Chicago ist es gleich sechs Demokratischen Sozialisten gelungen, zum «Alderman» gewählt zu werden, wie die Volksvertreter in der drittgrössten Stadt Amerikas traditionellerweise genannt werden. Zum Vergleich: Die Republikanische Partei, die immerhin den Präsidenten stellt, ist im 50 Sitze zählenden City Council nur mit einem Mitglied vertreten.

Im Gespräch nennt Sigcho-Lopez zwei Politiker, die für diesen überraschenden Triumph des Sozialismus verantwortlich seien. Da ist zum einen Bernie Sanders. Der Senator aus Vermont sei 2016 selbstbewusst in den Kampf um die Nomination zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten gestiegen und habe dabei «ausgezeichnete Arbeit» geleistet, sagt Sigcho-Lopez. Auch wenn er letztlich gegen Hillary Clinton verlor, habe Sanders den Tatbeweis abgeliefert, «dass es nicht unsere Ideen sind, die mit korrupten und autoritären Regimes assoziiert werden müssen, sondern die Ideen unser politischer Gegner».

Die andere Person, die Sigcho-Lopez für den zweiten Frühling des Sozialismus in Amerika verantwortlich macht, ist Donald Trump. Ausgerechnet derjenige Politiker also, der seit Monaten von linksradikalen Kräften warnt, die angeblich das Ziel verfolgten, das Land zu zerstören. Trump habe es sich zum Ziel gesetzt, die Arbeit der Bundesregierung zu unterminieren, sagt Sigcho-Lopez. Darunter litten nicht nur die Bewohner von Chicago, die auf staatliche Transferzahlungen angewiesen seien. Sondern die arbeitende Bevölkerung im ganzen Land.

Propaganda gegen Linke

Indirekt räumt Sigcho-Lopez allerdings auch ein, dass die Propaganda gegen linke Politiker, die nicht nur von Trump betrieben wird, unter den Wählerinnen und Wählern auf Resonanz stösst. Sigcho-Lopez vertritt künftig den Wahlbezirk 25 im Chicagoer Stadtparlament, der unter anderem die Quartiere Pilsen, Chinatown und Little Italy umfasst.

Obwohl eine Mehrheit der rund 55'000 Bewohner des «Ward 25» ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammte, besitzt eine beachtliche Zahl Vorfahren in Europa oder Asien. Er sei im Wahlkampf immer wieder auf seine politische Positionierung angesprochen worden, sagt Sigcho-Lopez, und darauf, ob sie mit dem amerikanischen Regierungssystem verträglich sei. Seine Antwort? Beim modernen Demokratischen Sozialismus handle es sich um eine Volksbewegung, die sich am demokratischen Prozess beteilige und einen Wandel mit Hilfe demokratischer Entscheidungen anstrebe.

Aufgewachsen in Ecuador

Hilfreich ist in diesem Zusammenhang, dass Sigcho-Lopez aus eigener Anschauung weiss, was es heisst, wenn ein Staat durch anti-demokratische Kräfte aus den Angeln gehoben wird. Er sei in Ecuador aufgewachsen, sagt er; und als die Wirtschaft Ende der Neunzigerjahre implodiert sei, und Unruhen ausbrachen, habe seine Familie entschieden, dass er als Austauschstudent nach Amerika gehen solle. Sigcho-Lopez entschied sich, in seiner neuen Heimat zu bleiben. Und in die Politik einzusteigen, um seiner Wahlheimat das Schicksal zu ersparen, das Ecuador beschieden war. Er werde dabei auch von eigennützigen Motiven getrieben, sagt er und lacht: «Ich kann nirgendwo sonst hin flüchten.»