«Fünf Mark die Woche musst Du sparen – willst Du im eignen Wagen fahren!» Slogan der NS-Propaganda aus den 1930er-Jahren. Wer sparte, sollte bald einen eigenen Volkswagen fahren dürfen. Der spätere VW-Käfer wurde in den Kriegsjahren allerdings nie aus dem Werk ausgeliefert.

Den Deutschen haftet das Image des besonders sparsamen Volkes an. In Europa steht sinnbildlich für diese deutsche Tugend der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble. Ein Schwabe – die sollen schon fast knauserig sein, sagt man ihnen nach. Schäuble steht für die «schwarze Null» im deutschen Haushalt. Und er steht auch mit «seiner Politik der schwäbischen Hausfrau» («Die Welt») für eine Spardoktrin in der Europäischen Union. In Griechenland, Spanien oder Portugal hält man nicht allzu grosse Stücke auf die von Wolfgang Schäuble vorangetriebene Austeritätspolitik.

«Sparen hilft dem Führer»

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum widmet sich dieser typisch deutschen Art, behutsam mit dem verdienten Geld umzugehen und den «Notgroschen» für schwerere Zeiten beiseite zu legen. «Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend» geht der Frage nach, wie die Sparsamkeit zum Habitus der Deutschen werden konnte.

Die Ausstellung führt chronologisch durch die Geschichte, zeigt auch Spardosen der alten Römer, geht auf die Gründung der ersten deutschen Sparkasse 1778 in Hamburg ein. In der vorindustrialisierten Zeit des Pauperismus wurden Sparkassen vor allem für die breite, mittellose Bevölkerung eingerichtet, damit sich diese vor Not, Elend und totaler Verarmung im Alter schützen konnte. Im Ersten Weltkrieg zeichneten die Deutschen fleissig Kriegsanleihen, dank denen das Deutsche Kaiserreich den Krieg finanzieren konnte. Das Geld der Sparer wurde durch die Hyperinflation 1923 fast vollständig verbrannt, dennoch legten die Menschen nach wirtschaftlicher Erholung wieder Groschen auf die Sparbücher.

In NS-Zeiten wurde das Bild fleissig arbeitender Deutscher gezeichnet, die ihr Geld auf Sparkassen sicher anlegten («Dein Sparen hilft dem Führer»). Freilich schlachtete die NS-Propaganda die Spartätigkeit auf Kosten der jüdischen Bevölkerung aus, welche als raffgierig, verschwenderisch und Teil des unmoralischen Finanzkapitals gezeichnet wurden. Die Einlagen der Bevölkerung flossen abermals zu grossen Teilen – wie schon im Ersten Weltkrieg – in die Rüstungsindustrie. «Im Gegensatz zur Bevölkerung, die zur Sparsamkeit erzogen worden war, hat sich der Staat selbst durch seine Ausgabentätigkeit in den Staatsbankrott getrieben», sagt Johannes Bähr, Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Die Finanzierung des Krieges erfolgte laut Bähr durch eine «geräuschlose Rüstungsfinanzierung, die Spartätigkeit der Bevölkerung war für das Dritte Reich elementar».

Der überwiegende Teil der Sparkassenkunden habe nicht mitgekriegt, wofür ihre Gelder verwendet wurden. Ein Drittel der deutschen Kriegsfinanzierung lief über Gelder der Sparkassen. Dass die Bevölkerung trotz schlechten Erfahrungen in der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus der Spardoktrin nachgekommen sind, sei ökonomisch betrachtet nicht rational, sagt der Historiker. Die nationalsozialistische Ideologie, wonach der rechtsschaffende «Volksgenosse» hart arbeite und Geld auf die Seite lege, habe aber nur seine Wirkung entfalten können, da das Sparen bereits zur deutschen Tugend gehört habe, so Bähr weiter. «Die Nazis haben dies bloss ideologisch überhöht.»

Nach Kriegsende verloren die deutschen Sparer bei der Währungsreform 1948 wieder einen grossen Teil ihres Ersparten. Der Drang, das eigene Geld in Banken auf die hohe Kante zu legen, wurde aber nicht erschüttert. Im Wirtschaftswunder sparten die Deutschen erbittert weiter. Und selbst in Zeiten der Nullzinspolitik haben die Deutschen keine Lust, ihr Geld anderweitig anzulegen als auf wenig einträglichen Sparkonten.

«Protestantische Ethik»

«Bei den Deutschen ist eine protestantische Ethik ausgeprägt. Das schlägt sich im Sparverhalten nieder», sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. «Es ist wohl auch so, dass bei den Deutschen ein starkes Sicherheitsbedürfnis herrscht.» Dieser Mentalitätsunterschied etwa zu den USA sei im mitteleuropäischen Raum erkennbar, auch in der Schweiz legen die Bürger viel Wert auf Erspartes. Bemerkenswert sei, dass die Menschen in Deutschland trotz den niedrigen Zinsen auf Sparkonti unverdrossen weitersparen, sie legen beträchtliche Mengen an Geld in klassische, wenig Ertrag bringende Anlageformen wie Sparbücher oder Festgeldkonten. Auch die Politik der «schwarzen Null» für den deutschen Haushalt sei in diesem Zusammenhang zu sehen, sagt Brenke: «Das Verständnis, dass man für die Zukunft vorsorgen muss, ist bei uns in Deutschland stark ausgeprägt. Das gilt auch für den Staat.» Allerdings liegt die Staatsverschuldung nach wie vor über den Kriterien von Maastricht, doch in den letzten Jahren liess sich durch Ausgabendisziplin die Staatsschuldenquote senken.

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin «Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend» dauert noch bis zum 26. August.