Happy Birthday, Wikipedia!Das Online-Lexikon, das am Samstag seinen 10. Geburtstag feiert, hat eine unglaubliche Erfolgsgeschichte hinter sich. Heute existieren Versionen in 278 Sprachen – darunter auch «Schwyzerdütsch» mit 7245 Einträgen.

Die englische Ausgabe offeriert 3,5 Millionen Artikel, auf Deutsch sind es 1,2 Millionen. Mehr als 150000 Autoren weltweit verfassen, ergänzen oder korrigieren laufend Einträge. Das «Lexikon vom Volk fürs Volk» ging am 15. Januar 2001 online. Seither interessiert die Frage: Wie akkurat ist ein Nachschlagewerk, das von Laien geschrieben wird?

Populär - aber nicht glaubwürdig

Wikipedia ist zwar populär – denn Kostenlosigkeit schlägt Qualität fast immer –, aber nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie. Traditionelle Referenzwerke lassen ihre Artikel von Fachleuten verfassen und von Experten überprüfen.

Bei Wikipedia hingegen schreiben anonyme Autoren, oft Amateure. «Es ist mir egal, ob ein Gymnasiast oder ein Harvard-Professor einen Eintrag schreibt», sagt Gründer Jimmy Wales trotzig.

Das sollte uns aber nicht egal sein: Denn bei Wikipedia setzt sich statt Wissen Halbwissen durch. Über Fachwissen verfügt in unserer von Arbeitsteilung geprägten Gesellschaft nur eine Minderheit. Bei Wikipedia wird diese Minderheit aber laufend von der Mehrheit «korrigiert».

«Digitaler Maoismus»

Der US-Künstler Jaron Lanier spricht deshalb zurecht von «digitalem Maoismus»: Wikipedia bildet nicht den Wissensstand, sondern die Vorurteile der heutigen Zeit ab. Die bewusste Verachtung von Expertentum hat zudem gravierende Nachteile: Denn auf knappem Raum in ein komplexes Thema einzuführen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Nebst sachlicher Korrektheit verlangt das auch die Beherrschung der wissenschaftlichen Literatur, handwerklich überzeugende Analysen und eine klare Sprache.

Gute klassische Lexikoneinträge leben von der Könnerschaft und dem sicheren Urteil der Experten. Die meisten Wikipedia-Einträge kommen dagegen schwafelnd und schwerfällig in auffällig simpler Sprache daher. Einige Artikel sind zwar exzellent, andere aber amateurhaft, inhaltlich zweifelhaft oder schlicht falsch. Oft werden die Fakten willkürlich zusammengewürfelt, es fehlt an innerer Ordnung, sachlicher Tiefe und Kolorit.

Männliche Hobbyhistoriker

Die meisten «Wikipedianer» sind naturwissenschaftlich und technisch interessierte Hobbyhistoriker. 80 Prozent der Einträge werden von Männern geschrieben – entsprechend herrscht bei Wikipedia ein traditionelles, männlich geprägtes Geschichtsbild vor, das vor allem ereignis- und militärgeschichtliche Sichtweisen repräsentiert: Grosse Männer machen Geschichte. Aufgrund der Popularität von Wikipedia besteht gar die Gefahr, dass dieses veraltete Geschichtsbild wieder salonfähig wird.

Die garantierte Anonymität bietet auch die Möglichkeit, mithilfe von Diffamierung und Täuschung gesellschaftliche Diskurse zu prägen. Die fehlende redaktionelle Durchsicht, insbesondere bei zeitgeschichtlichen und politischen Themen, ist eines der grössten Defizite.

Mitarbeiter vom Weissen Haus von George W. Bush schönten 2006 in einer konzertierten Aktion die Biografien von Republikanern und reicherten die Artikel über Demokraten mit negativen Informationen an, oft jenseits des guten Geschmacks. Der heutige US-Justizminister Eric Holder «stinke nach Kuhmist», stand da danach zu lesen.

Umstrittene Weisheit der Massen

Fans von Wikipedia bleiben unbeirrt von solchen Geschichten. Sie glauben an das Prinzip der «Weisheit der Massen». Hundert Augen sehen mehr als zwei Augen, kontinuierliche Verbesserung wird zu einem perfekten Endergebnis führen – soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. «Edit-wars», Kriege zwischen verschiedenen Autoren, sind gerade bei kontroversen Themen an der Tagesordnung.

Nach den ersten Chaos-Jahren, wo jeder Mensch mit einem Computer und Internetanschluss unkontrolliert mittippen konnte, ist Wikipedia inzwischen reifer geworden – und nähert sich dem traditionellen Lexikon-Modell an. Inzwischen gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: gewisse Arbeiten am Online-Lexikon dürfen nur noch ausgewählte, erfahrene Editoren vornehmen.

Schwarmintelligenz - ein Irrweg

Wikipedia musste Spielregeln, Administratoren mit Löschrechten und ein Schiedsgerichts-Komitee einführen. Roboter durchstreifen die Inhalte nach Vandalismus, Obszönitäten und massenhaften Löschversuchen. Offenbar hat man auch bei Wikipedia selbst erkannt, dass die viel beschworene Idee der Schwarmintelligenz einen Irrweg darstellt.

Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schüleraufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!