Die landläufige Begründung für Drogenkonsum ist ein Charakterfehler. Das ist natürlich falsch, aber die Mehrheit der Leute denkt so. Man wünscht sich keine solchen Leute an der Spitze. Männer an der Macht müssen gesund sein, vital, stets wach und geistig stabil. Ist das nicht der Fall – und das dürfte eher die Regel sein als die Ausnahme –, wird alles getan, um die Wahrheit zu vertuschen. Gesundheitsbulletins sind in jedem Fall verdächtig.

Der prominenteste Drogensüchtige unter den Mächtigen ist – wen wunderts? – Adolf Hitler. Die Indizien, dass dem Führer von seinem Leibarzt Dr. Morell, dem «Reichsspritzenmeister», wie er von Göring genannt wurde, allerlei Stimulanzien verabreicht wurden, sind zahlreich und scheinen stichhaltig. «Wo ist denn der Dr. Morell mit seiner Spritze?» Dass der Ruf oft durch das Führerhauptquartier ging, wird von mehreren Zeugen bestätigt.

Pervitin oder Metamphetamin

Was injizierte der Wunderdoktor seinem Führer? Offiziell Vitaminpräparate. Hitler nahm sie auch oral, sie hatten die Form von Schokoladetäfelchen und waren in Goldpapier eingepackt. Ernst Günther Schenck, damals Ernährungsinspekteur der Wehrmacht, behauptet, er habe sie heimlich analysieren lassen. Die Analyse ergab Coffein und Pervitin. Schenck, als SS-Arzt und NS-Funktionär moralisch auch nicht gerade unanfechtbar, war aber nicht der Einzige in Hitlers Hofstaat, der berichtete, wie der Führer am späteren Morgen jeweils noch mit der Spritze im Arm aus totaler Reglosigkeit in den muntersten Zustand verfiel.

Pervitin ist der Markenname für Metamphetamin, heute auch bekannt als Meth oder Crystal Meth. Eine «nicht halluzinogene, stark euphorisierende» Droge. Pervitin war die Droge der deutschen Wehrmacht während ihrer Blitzkriege. 1941 erkannte man die Gefährlichkeit des mittlerweile beliebten Präparats und machte es rezeptpflichtig. Metamphetamin lässt die Schmerzen vergessen, erzeugt ein Hochgefühl und steigert das Selbstvertrauen. Wenn die Wirkung nachlässt, erzeugt es allerdings auch Schlaflosigkeit trotz grosser Müdigkeit und damit die bekannte Kette von Uppers and Downers.

Auch Hitler konnte nur dank starker Barbiturate schlafen und musste beim Erwachen wieder mit entsprechenden Mitteln «aufgestellt» werden. Bei längerem Missbrauch erzeugt das Mittel auch die bekannten Persönlichkeitsstörungen: Urteilstrübungen bis zur Paranoia, Depressionen, Aggressivität und Reizbarkeit. Englands Premierminister während der Suezkrise 1956, Anthony Eden, wird ebenfalls nachgesagt, dass er sich in einer Amphetamin-Barbiturat-Spirale befand und seine Urteilsfähigkeit eingeschränkt war.

Krank mit und ohne Drogen

Bezeichnend ist, dass gerade von den drei US-Präsidenten, die im 20. Jahrhundert den Lauf der Geschichte am entscheidendsten beeinflussten, eine geheime Geschichte von Krankheit und Hinfälligkeit existiert. Thomas Woodrow Wilson, der in Versailles die Friedensverhandlungen in Richtung Weltfrieden lenken wollte, litt an Arteriosklerose und Bluthochdruck mit Durchblutungsstörungen des Gehirns. Während der Verhandlungen wurde er von Übelkeit, Magenbeschwerden, vorübergehenden Erregungszuständen und Apathie geplagt. 1919 erlitt er einen Schlaganfall, der sorgsam geheim gehalten wurde, von dem er sich aber nicht mehr erholte.

Sein Pendant im Zweiten Weltkrieg, Franklin Delano Roosevelt, erkrankte nicht nur an Kinderlähmung, die ihn an den Rollstuhl fesselte, sondern litt ebenfalls an Gefässerkrankungen. Leichte Schlaganfälle mit Schwindel schon vor dem Krieg wurden ebenfalls von der Öffentlichkeit ferngehalten. Ab 1943 war sein Zerfall offensichtlich. 1945 starb er an einer Gehirnblutung. Andere Quellen sprechen sogar von einer ins Gehirn metastasierenden Krebserkrankung.

Von John F. Kennedy kennt man heute die Krankheitsgeschichte relativ gut. Er litt an der Addisonschen Krankheit und brauchte regelmässig Cortisongaben. Dass ihm sein «Dr. Feelgood», Max Jacobson, neben anderen Wohlfühl-Arzneien auch Amphetamine spritzte, kümmerte Kennedy wenig. «Von mir aus kann es Pferdepisse sein. Hauptsache, es wirkt.»