Mythos

War Kim Jong-un als Jugendlicher tatsächlich in der Schweiz?

Un Pak – der junge Diktator?HO

Un Pak – der junge Diktator?HO

«Jetzt übernimmt ein Berner!» – Mit diesem Slogan orientierte der «Blick am Abend» seine Leserschaft über den Machtwechsel im Eremitenreich. «Der neue Diktator spricht Berndeutsch», behauptete das Gratisblatt in der gleichen Ausgabe.

Die Schweizer Spuren von Nordkoreas neuem Diktator Kim Jong-un sind seit 2005 bekannt, seit sie im Buch «Rogue Regime» des britischen Journalisten Jasper Becker erwähnt wurden. Auch renommierte Publikationen wie der «Spiegel» oder die «Financial Times» liessen sich in der Folge hinreissen, unbestätigte Gerüchte weiterzuverbreiten. So wurde aus einer Schule, die laut «Berner Zeitung» nie ein Internat war, im Laufe der Zeit ein Internat – und aus nordkoreanischen Schülern Diktatorensöhne.

Leidenschaftlicher Skifahrer

Kim Jong-un soll von 1994 bis 1998 ein Internat in Gümligen besucht haben, und zwar unter dem Tarnnamen «Chol Pak», er gab sich als Sohn des Botschaftschauffeurs aus. «Kim Jong-un schnallte sich regelmässig die Ski an und raste mit seinen Klassenkameraden Schweizer Pisten herunter», enthüllte das Magazin «l’Hebdo» im Mai 2009. 1998 habe Chol Pak die Schule ohne Abschluss verlassen, schreibt das Magazin weiter.

Ein früherer Mitschüler Ron Schwartz beschrieb den kleinen Kim damals wie folgt: «Er war ein schüchterner und introvertierter junger Mann. Er bewunderte Michael Jordan und Jean-Claude Van Damme.» Jedes Weekend sei er mit seinen Klassenkameraden nach Grindelwald oder Zweisimmen Ski fahren gegangen. Der damalige Schuldirektor David Gatley ergänzte, der Nordkoreaner habe Freunde unter den amerikanischen Diplomatenkindern gehabt und habe Englisch, Deutsch und Französisch gelernt. Ein Deza-Mitarbeiter, Hans Ulrich Reusser, lernte den Diktatorensohn bei einem Treffen in Thun kennen und erzählte den Journalisten: «Er sprach sogar Schweizerdeutsch.»

So weit der «L’Hebdo»-Bericht von Mai, der grosse Wellen warf und dessen Thesen unter anderem vom «Spiegel» weiterverbreitet wurden. Als kurz darauf bekannt wurde, dass Kim Jong-il seinen jüngsten Spross zu seinem Nachfolger auserwählte, fielen japanische und südkoreanische TV-Teams und Reporter in Bern ein und versuchten die «Berner Wurzeln» des künftigen Diktators zu erforschen.

Gegenüber der «Berner Zeitung», die im Juni 2009 unter dem Titel «Das Phantom von Gümligen» der Sache auf den Grund ging, dementierte die International School of Berne (ISB) die Gerüchte über Kim Jong-uns Schulbesuch. David Gatley habe sich zur Angelegenheit nie geäussert, obwohl er von «l’Hebdo» zitiert worden sei. Auch der Deza-Mitarbeiter liess verlauten, «l’Hebdo» habe ihn falsch zitiert. Er wehrte sich dagegen, als angeblicher Kronzeuge missbraucht zu werden. Und die nordkoreanische Botschaft stellte auf Anfrage klar: «Das sind alles falsche Gerüchte.» Stefan von Bergen von der «Berner Zeitung», bester Kenner der Berner Kim-Saga, vertritt seither die These, wenn schon habe der älterer Bruder Kim Jong-chol von 1994 bis 1998 die ISB besucht.

Ein Foto im Schulhaus Steinhölzli

Kaum hatte sich die Gümliger Spur als Sackgasse herausgestellt, um etwas über Kim Jong-un herauszufinden, vermeldete die japanische Zeitung «Mainichi Shimbun» den nächsten Coup: Ein Reporter entdeckte im Korridor des Schulhauses Steinhölzli in Köniz-Liebefeld ein altes Klassenfoto, das den jüngsten Diktatorensohn zeige. Kim III. habe die öffentliche Schule von 1998 bis 2000 unter dem Namen «Un Pak» besucht, so die Zeitung. Der Könizer Bildungsvorsteher Ueli Studer dementierte umgehend und stellte klar, beim fraglichen Nordkoreaner habe es sich um den Sohn eines einfachen Botschaftsangestellten gehandelt.

Ein Jahr später fabulierte Shinji Inada, der Paris-Korrespondent der japanischen Zeitung «Asahi Shinbun», nach einem Besuch in Bern erneut einen wolkigen Artikel über Kim Jong-un in Bern zusammen – die Wahrheit interessierte ihn nicht, er strickte lieber an der Legende. Auch die «Washington Post» entsandte einen Journalisten nach Bern – Andrew Higgins recherchierte hartnäckig und stöberte Mitschüler auf, Un Pak habe teure Turnschuhe getragen und seine Eltern seien nie an einen Elternabend erschienen. Was Higgins nicht erstaunte, denn Un Paks Vater lebte ja 8000 Kilometer weit weg.

Heute ist klar: Der Koreaner Chol Pak besuchte eine Schule in Bern. Der Koreaner Un Pak besuchte eine öffentliche Schule in Liebefeld. Es gibt zwei Klassenfotos, welche die beiden Phantom-Kims zeigen. Die Namen erinnern stark an die jüngeren Söhne von Kim Jong-il. Alles Weitere sind Spekulationen und Legenden.

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