Während der Amtsinhaber in den letzten Wochen in der Wählergunst stagnierte, verzeichneten die Umfragen einen steten Zuwachs für seinen jugendlichen Herausforderer, Henrique Capriles. Inzwischen liegt der Einheitskandidat der bürgerlichen Opposition fast gleichauf mit Chávez, der noch vor kurzem verkündete, es sei unmöglich, dass er verliere, und wenn doch, käme es zum Bürgerkrieg.

Doch dann strömten Hunderttausende zur Abschlusskundgebung von Capriles in Caracas und feierten den 40-jährigen Anwalt wie einen Messias. «Ich habe früher immer Chávez gewählt, aber nun habe ich die Nase voll», sagt der Autolackierer José Luis Caicedo, der in einem Armenviertel am Rande der Hauptstadt wohnt. «Die Sozialprogramme funktionieren nicht, Strassen, Spitäler, alles vergammelt, und die Regierung wirft nur mit Beleidigungen um sich, statt etwas zu tun», ergänzt der 42-Jährige.

Der Glanz der Revolution ist verblasst nach Jahren der Misswirtschaft und Korruption. Vor allem aber durch die Krebserkrankung ihrer Galionsfigur Chávez, der dadurch zu einem virtuellen Wahlkampf per TV gezwungen wurde. Aufgedunsen, mit steifem Bein, rhetorisch schwankend zwischen grobschlächtigen Beleidigungen seines Gegners, kommunistischer Propaganda und sentimentalen Kindheitsbetrachtungen, fand der 58-Jährige nicht mehr zur gewohnten Hochform zurück, während der vitale Capriles unermüdlich von Ort zu Ort reiste und Aufbruchsstimmung verbreitete. Die Sozialpolitik will der Mitte-Links-Politiker beibehalten, doch ohne ideologische Verpackung und politischen Klientelismus. Doch nicht alle glauben den Versprechungen. «Wenn die Opposition gewinnt, ist hier Schluss mit allen Sozialprogrammen, und wir Chavistas werden umgebracht», sagt der Aktivist Joel Capriles. In seinem dicht besiedelten Armenviertel in Catia im Westen von Caracas hat er alle Wahlplakate von Capriles persönlich entfernt. An der Zufahrt thront ein überlebensgrosser, aufblasbarer Chávez über einem Chaos ärmlicher Backsteinbauten, die sich endlos über die Hänge ziehen.

Der 52-jährige Familienvater lebt seit vielen Jahren in einer abbruchreifen Hütte mit leckem Wellblechdach, eingequetscht zwischen Felsen. Die versprochene Sozialwohnung hat er noch nicht bekommen. Aber Korruption und Improvisation haben in Venezuela Tradition, und Realitäten stehen ohnehin nicht wirklich zur Debatte am Sonntag – es geht um Emotionen. «Wenn Chávez noch mal gewinnt, muss ich auswandern, um nicht depressiv zu werden», sagt der Architekt Jorge Quevedo. Egal, wie das Ergebnis am Sonntag ausfallen wird, das Land ist weiterhin polarisiert, und einfach wird es der Sieger nicht haben, so der Analyst Enrique Ter Horst.