Frankreich ist ein Land der Rituale. Am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, nimmt der Staatspräsident auf den Champs-Élysées in Paris die Truppenparade zu Marschmusik und rot-weiss-blauen Rauchfahnen der «Patrouille de France» ab. Dann entlässt er die Citoyens mit gewählten Worten in den Urlaub. Ein paar Tage lang kurven noch ein paar Dutzend schwitzende Radprofis durch das schöne Land. Mit dem Ende der Tour de France leert sich auch Paris, und vor der nationalen «Rentrée» im September läuft in der französischen Wirtschaft und Verwaltung nicht mehr eben viel.

Wie streng die Gepflogenheiten sind, zeigt sich beim präsidialen Interview am Quatorze Juillet. François Hollande hatte im Wahlkampf 2012 gleich dreimal hoch und heilig versprochen, er werde im Fall seiner Wahl und zur Wahrung der Pressefreiheit keine Journalisten mehr zum Interview ins Élysée bestellen. Morgen Sonntag wird er genau das tun. Die Kraft des republikanischen Protokolls ist stärker als das präsidiale Wort.

Hollande wirkt öfters gefangen in der Etikette des Élysée-Palastes – und Frankreich erdrückt vom Gewicht der Traditionen, Zeremonien und der glorreichen Vergangenheit. Vieles ist nur mehr Schein, und die harte Wirklichkeit straft ihn täglich Lügen.

Staatsschuld: 92 Prozent des Bruttoinlandprodukts

Die Postkartenbilder der Tour de France verdrängen nur schlecht den Dopingverdacht, der sich auch während der 100. Ausgabe nicht abschütteln lässt. Der Pomp des Militärumzugs verbirgt nicht den bevorstehenden Aderlass der französischen Armee: Bis zu 30 000 Stellen sollen gestrichen werden, und Militärexperten gehen davon aus, dass selbst die Elitetruppen bald nicht mehr in der Lage sein werden, wie im Frühjahr in Mali einen monatelangen Feldzug gegen Islamisten zu führen.

Der mächtige französische Zentralstaat, der so stolz ist auf sein umfassendes, alle Lebensbereiche abdeckendes «modèle social», hat nämlich ein Problem: Er ist blank. Und damit handlungsunfähig. Die Staatsschuld (92 Prozent des Bruttoinlandproduktes) hat dieser Tage ein neues Rekordhoch erreicht. Also gibt es auch kein Geld mehr zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die ebenfalls den historischen Rekord von drei Millionen Menschen gebrochen hat.

Worte wie Sparen, Abbauen, Kleinerwerden kommen im republikanischen Jargon nicht vor. Aber sie prägen immer mehr die Landesrealität: 39 Prozent der Franzosen streichen im Sommer 2013 ihr Ferienbudget zusammen. Ein Drittel verbringt den Urlaub bei oder mit Familienangehörigen, ein Zehntel allein bei den Grosseltern, um zu sparen. Die übrigen Franzosen verreisen oft nur noch zwei Wochen. «Die grossen Sommerferien gibt es nicht mehr», meint der Soziologe Jean-Didier Urbain. Dieser Trend sei zwar nicht neu, aber durch die Wirtschaftskrise verschärft worden: «Die Leute merken nur, dass alles teurer wird.»

Französischer Chefökonom: «Frankreich ist deprimiert»

Während die 500 reichsten Franzosen ihr kumuliertes Vermögen binnen Jahresfrist um 25 Prozent gesteigert haben, verlieren die übrigen Bürger an Kaufkraft. Die Steuern sind massiv gestiegen. Unter den Präsidenten Sarkozy (ab 2007) und Hollande (ab 2012) ist die gesamte Abgabequote der Franzosen von 42 auf 45 Prozent geklettert.

Auch das Restaurant können sich viele Franzosen nicht mehr leisten. Die französische Gastronomie leidet nicht nur finanziell. Sogar bestandene Brasserien servieren heute zugelieferte Fertiggerichte aus dem Plastikbeutel. Richtige Restaurants verlangen – bisher vergeblich – ein Label «vor Ort gekocht».

Wenn die Franzosen auf die bislang sakrosankte Sommerpause und das gute Essen verzichten, ist etwas faul im Staate. Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, der Franzose Oliver Blanchard, meinte unlängst im «Figaro» ohne Umschweife: «Frankreich ist deprimiert.» Zum gleichen Schluss kommt Maureen Dowd in der «New York Times». Nicht einmal die glitzernden Modeschauen der Haute Couture, schreibt sie, hätten die Franzosen Anfang Juli aus der Lethargie reissen können. Sie trauerten vergangenem Ruhm und eingebildeter Überlegenheit nach. Und jetzt, wo sie nicht mehr Gauloises und Gitanes, sondern E-Zigaretten rauchten, wirke das nicht einmal mehr cool.

Politologe: «Frankreich steckt in einer Depression»

In einer Umfrage verdammt eine Mehrheit in Bausch und Bogen die Globalisierung und die Politik, die Chinesen und die Immigranten. 87 Prozent denken, ihr Land brauche «einen wahren Chef, der für Ordnung sorgt». Der in seiner Wortwahl sonst eher zurückhaltende Politologe Alain Duhamel meint: «Frankreich macht nicht nur eine Identitätskrise durch, sondern steckt in einer Depression. Es präsentiert alle Symptome einer verwundeten Nation, die im Griff einer schrecklichen Melancholie ist, bereit, den schlimmsten Demagogen zu folgen.»

Gemeint ist Marine Le Pen, die Präsidentin des Front National, die mit ihren nationalistischen und neuerdings auch sozialen Parolen immer mehr Wähler anzieht. In Nachwahlen der letzten Monate erreichten ihre Kandidaten gut 47 Prozent der Stimmen und verpassten den Einzug in die Nationalversammlung damit nur knapp.

Duhamels alarmierende Kolumne erschien noch vor der Rückkehr von Nicolas Sarkozy auf die Politbühne. Auch der Ex-Präsident liesse sich aber unter die politischen Rattenfänger reihen, die vom Blues der Franzosen zu profitieren suchen. Sarkozy inszeniert sich bewusst als «homme providentiel», als Mann der Vorsehung, der die Ordnung in Frankreich wieder herstellen würde wie einst Charles de Gaulle oder Napoleon.

In bester populistischer Manier schimpft er über die Verfassungsrichter, die ihn wegen der Überschreitung seiner Wahlkampfausgaben sanktioniert haben; die bürgerliche Partei UMP verliert deshalb elf Millionen Euro. Ein ähnlich unseriöses Finanzgebaren hatte Sarkozy schon im Élysée an den Tag gelegt: Während seiner Amtszeit explodierte die Staatsschuld Frankreichs um rund 500 Milliarden Euro. Dass ihm die Franzosen bereits wieder zujubeln, spricht Bände über ihre politische Verfassung. Aber sie wollen heute einen Mann, der es richtet. Oder eine Frau.