Die Schweizerin Carla Del Ponte zieht sich aus der Syrien-Kommission der UNO zurück. Zum Abschied findet sie vernichtende Worte für die Lage in Syrien und für alle Beteiligten – sowohl im Land als auch in den hohen Zirkeln der Weltpolitik. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Krieg in Syrien.

Zu Beginn gab es in Syrien «die Guten und die Bösen», sagt Carla Del Ponte. Wie ging es los?

Alles begann mit Graffiti: Im März 2011 malten Kinder in der Stadt Daraa Botschaften an Hauswände, die sie in Fernsehberichten über den Arabischen Frühling aufschnappten. Die Polizei verhaftete sie, was zahlreiche Bewohner der Stadt auf die Strasse trieb. Machthaber Assad schickte Soldaten. Im ganzen Land kam es daraufhin zu Protesten, die Damaskus brutal niederschlug.

Warum entwickelte sich aus friedlichen Protesten ein Bürgerkrieg?

Die Protest-Gruppen spalteten sich. Einige griffen zu Waffen und erhielten Unterstützung aus den Reihen der Armee – viele Soldaten weigerten sich, auf die eigene Bevölkerung zu schiessen. Der Protest wuchs, Assad antwortete immer brutaler. Im Herbst 2013 griff Assad seine Bevölkerung mit Giftgas an, Hunderte starben. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben: Anfang April 2017 setzte Assad in der Stadt Chan Scheichun das Nervengift Sarin ein. Bis heute starben während des Kriegs in Syrien mindestens 320 000 Menschen.

Heute gilt laut Del Ponte: «Alle in Syrien sind böse.» Wer steht sich in Syrien eigentlich gegenüber?

Auf der einen Seite stehen Assad und die Regierungstruppen. Unterstützt wird der Machthaber von diversen lokalen Milizen. Ihnen gegenüber die Rebellen: Zu Beginn der Kämpfe fand sich die grösste Gruppe der Assad-Gegner in der Freien Syrischen Armee zusammen. Nach und nach zerfiel der Widerstand. Heute sind es Hunderte Gruppen, jede mit eigenen Zielen und Ansprüchen, die meisten radikalisiert.

Was machen die Islamisten?

Die islamistischen Rebellengruppen sind mit Abstand die schlagkräftigsten. Die grösste: der syrische Ableger der al-Kaida, früher bekannt als «al-Nusra-Front», heute als «Dschabhat Fatah asch-Scham». Ihr Ziel ist es, eine Art islamisches Emirat nach Vorbild der Taliban zu schaffen. Ausserdem in Syrien präsent ist die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS), die jedoch in den letzten Monaten herbe Gebietsverluste hinnehmen musste. Der IS will Syrien als Staat abschaffen und auf dem Gebiet und jenem des Irak ein Kalifat errichten.

Wer kämpft gegen wen?

Kurz gesagt, kämpft in Syrien jeder gegen jeden: Die Rebellen gegen Assad um die Macht im Staat, der IS für dessen Ende. Assad hält sich im Kampf gegen den IS jedoch zurück, profitiert er doch davon, dass sich Islamisten und Rebellen gegenseitig bekämpfen.

Wer steht hinter Assad?

Assads Armee ist arg dezimiert, zu Beginn des Krieges desertierten seine Soldaten in Scharen oder flohen ins Ausland. Ohne Hilfe aus Russland stünde es schlecht um Assad. Die offizielle Begründung für die russische Präsenz im Land: Kampf gegen den Terror. Doch Moskau will überdies den Sturz Assads verhindern und den eigenen Einfluss in der Region sichern. Noch wichtiger für Assad ist der Iran. Teheran stützt den Diktator mit Krediten, Öl und Truppen. Für Assad, aber vor allem gegen die (sunnitischen) Dschihadisten kämpft ferner die schiitische Hisbollah-Miliz. Zu Tausenden sind die erfahrenen Kämpfer im Land. Geld erhält Assad überdies aus China.

Wer unterstützt die Rebellen?

Die Regionalmacht Türkei will Assad stürzen sehen und liefert deshalb Waffen an verschiedene Rebellengruppen. Saudi-Arabien und Katar unterstützen die Islamisten, die gegen Assad und dessen schiitischen Unterstützer aus dem Iran kämpfen. Die USA reagierten zwar mit einem (überschaubaren) Militärschlag auf den jüngsten Giftgaseinsatz Assads. Doch für den Westen ist spätestens seit der massiven Einmischung Russlands zugunsten Assads klar, dass es keine eigene, grössere Intervention geben kann. Eine Konfrontation mit Russland gilt es zu vermeiden. Für die USA, gerade unter ihrem neuen Präsidenten, hat der Kampf gegen den IS Priorität. Die von den USA unterstützten kurdisch-arabischen «Syrisch-demokratischen Streitkräfte» vermelden dabei Erfolge.

Warum ist die Lage so verzwickt?

Kompliziert wird ein Konflikt immer dann, wenn er sich auf mehreren Ebenen abspielt. Der Syrien-Krieg ist dafür ein Paradebeispiel: Lokal kämpfen Assad-Anhänger und Gegner; die regionalen Mächte Türkei, Saudi-Arabien und Iran verfolgen entgegengesetzte Interessen; auf der internationalen Ebene stehen sich die Grossmächte Russland und USA gegenüber.

«Ich gebe auf, die Staaten des Sicherheitsrates wollen keine Gerechtigkeit», sagt Del Ponte. Warum ist das so?

Die Situation im Kriegsgebiet spiegelt sich im Sicherheitsrat: auf der einen Seite Russland, auf der anderen die USA. Solange sich die beiden Veto-Mächte nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können, ist der Sicherheitsrat blockiert.

Ist eine baldige Lösung denkbar?

Nein. Dass sich alle Konfliktparteien auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, ist unwahrscheinlich. Erhöht eine Seite ihre Unterstützung, riskiert sie eine Eskalation. Bleibt der Status quo erhalten, sterben in Syrien weiter Menschen.