Brexit

Vom Fischer bis zum Banker: Eine Frage bewegt das Land

Warum sollte man den Brexit wählen – und warum den Verbleib? Eine kleine Reise durch die Interessen der Briten.

Der neblige Regen, der mehr aus einem riesigen Zerstäuber zu kommen scheint als aus offenen Schleusen, umhüllt die Küstenstadt Plymouth im Südwesten Englands seit zwei Tagen. Es ist ein Regen, der die Brille benetzt, aber die Jeans gerade noch trocken bleiben lässt. «Ein Tag, um im Pub zu bleiben», sagt Louise. Sie führt ein kleines Hotel unweit der Promenade, auf der heute so gar niemand spazieren gehen mag.

In der kleinen Hotelbar steht Louises Vater John und schenkt warmes Ale ein. Ein «Betty Stogs», das nicht nur eine unverschämt dicke Engländerin auf dem Etikett trägt, sondern auch ein eigenes Lied hat, welches, übersetzt, etwa so geht: «Verabschiede dich von deinen Weinen und Whiskys, deinen Brandys und Grogs. Ich segle einmal um die Welt für ein Glas Betty Stogs».

Für das Bier ist die «Nordwestschweiz» nicht in Englands Südwesten gereist, wohl aber um zu erfahren, was die Menschen hier über den Brexit denken. Soll Grossbritannien raus aus der Europäischen Union? Heute stimmen die Briten darüber ab. Auch Barkeeper John wird abstimmen. Und zwar mit «Remain», mit einem «Ja» zur EU. Auch wenn vieles korrigiert werden müsse, etwa in der Migrationspolitik, sei der Binnenmarkt einfach zu wichtig, sagt er.

Das sieht jedoch gerade in Plymouth nicht jeder so. Vor allem eine Gruppe ist schlecht auf Brüssel zu sprechen – und das nicht erst seit gestern. «Die Fischer sind stinksauer auf die EU», sagt John. Warum, sollten wir bald erfahren.

Frustrierte Nichtwähler

Am nächsten Tag hat der Sprühregen die Gegend noch immer fest im Griff. Eine riesige Glocke aus Wassertröpfchen liegt über der Stadt. Ausnahmsweise stört sich heute auch Andy Giles daran. Eigentlich ist er viel Schlimmeres gewöhnt, erzählt er noch am Telefon, doch seinem Fischtrawler kann er nur im Trockenen einen neuen Anstrich verpassen. Zur Inspektion und für Maler- und Reparaturarbeiten liegt das 15 Meter lange Schiff im Dock in Cremyll, dem ersten Örtchen des malerischen Landstriches Cornwall. Acht Minuten braucht die herzige Cremyll Ferry für die Überfahrt von Plymouth, das noch zur Grafschaft Devon gehört.

Zeit genug, um von der vom gestern zu Ende gegangenen Volksfest in Cremyll noch etwas gezeichneten, aber überaus sympathischen Triona etwas über die Stimmung der Einheimischen in Sachen Brexit zu erfahren. Sie holt ihr Zelt in Cremyll ab, das sie wegen des Regens in der Nacht zuvor frustriert zurückgelassen hat.

Der Gedanke an die eigene Regierung in London versetzt Triona in eine ähnliche Stimmung wie der Dauerregen in Cremyll. Brexit oder Bremain, das spiele eigentlich gar keine Rolle. «Die Regierung ist sowieso schon längst nicht mehr für uns normale Menschen da», sagt sie. Weder den EU-Befürwortern noch den Gegnern vertraut sie. Deshalb geht die junge Frau, wie viele in ihrem Freundeskreis, heute auch nicht zur Abstimmung. Auch wenn der emotionale Wahlkampf der letzten Wochen mehr Briten an die Urnen holen dürfte als üblich – nicht alle hat er gepackt.

Stinkefinger zur Begrüssung

Euphorisch in Sachen EU ist auf der Insel eigentlich kaum jemand. Die Bremainer sehen die EU häufig als notwendiges Übel, das für den Zugang zum Binnenmarkt eben ausgehalten werden muss. Andere hoffen bei einem Verbleib auf Grossbritanniens aktive Rolle bei umfassenden Reformen. Die EU behalten, wie sie ist, will indes niemand.

Schon gar nicht Andy Giles. Er will raus, und zwar so schnell wie möglich. Giles gehört zu eben jenem Berufsstand, der fast geschlossen hinter der Brexit-Bewegung steht: den britischen Fischern. «Andy Giles?», fragt ein verdutzter Bootsplatz-Arbeiter im schmutzigen Overall. «Ah, Giler! Das hier ist sein Boot», sagt er und zeigt auf einen grauen Trawler, den grössten auf dem Platz, der mit freigelegtem Tiefgang aus den vielen Blechhütten und kleineren Booten drum herum weit herausragt. Als «Giler» ein paar Minuten später eintrifft, hält er fünf Dosen Farbe in den Händen. «Eigentlich ist das Boot blau», sagt er. «Sobald der Regen endlich aufhört, können wir anfangen zu streichen.»

Über wacklige Holzleitern geht es rauf in die Steuerkabine. Vom Fenster grüsst ein Stinkefinger inmitten der EU-Sterne. «Fisherman’s grave», steht darunter. Des Fischers Grab. «Der war schon drauf, als ich das Boot vor sechs Jahren gekauft habe», sagt Andy Giles.

Langjähriger Konflikt

Die Fischer in Plymouth waren noch nie gut auf die EU zu sprechen. Ihre Abneigung habe einen einzigen Grund, erzählt Giles: Die Verteilung der Fangquoten. Im Vergleich mit anderen EU-Staaten kämen die britischen Fischer viel zu kurz, klagt er. Ein Dorn im Auge sind den hiesigen Fischern vor allem die französischen Boote. Diese dürften pro Tag 2000 Kilo Fisch in seinen Gewässern fangen. Giles selbst nur 200 Kilo – pro Woche.

Das führe dazu, dass er bei seinen Ausfahrten nicht als Erstes schaut, wo die Fischbestände sind. Er müsse stattdessen schauen, welche Gewässer er meiden muss. Denn in Küstennähe lägen die grossen Schellfisch-Bestände – die häufigste Fischart in der Region. Für diese habe er jedoch keine Fangrechte. Gehen ihm doch mal welche ins Netz, wirft er sie direkt wieder über Bord. Die Rechte hätten die Franzosen, sagt er. Deshalb müsse er und seine Zwei-Mann-Crew bis zu drei Stunden aufs Meer hinausfahren, um teureren Fisch zu finden. Tintenfisch, zum Beispiel, oder Seeteufel. Diese unterlägen nämlich keiner Quotenregelung.

Innerhalb der geschützten 12-Meilen-Zone fischten die französischen Boote die Schellfische weg. Dass sie das dürfen, habe historische Gründe, sagt Giles. «Wenn ich im Gegenzug in die 12-Meilen-Zone in französischen Gewässern fahren würde, dann würde die dortige Küstenwache auf mich schiessen!»

Vor der Brexit-Abstimmung: Europarechtlerin Christa Tobler zur Ausgangslage

Vor der Brexit-Abstimmung: Europarechtlerin Christa Tobler zur Ausgangslage

Einen Tag vor der Brexit-Abstimmung liegen die Nerven blank: EU-Befürworter und Gegner liegen in Umfragen praktisch gleichauf. Europarechtlerin Christa Tobler von der Uni Basel erklärt, warum Premier David Cameron die Europaskeptiker nicht überzeugen konnte und wieso Grossbritannien bei einem Brexit schwierige Verhandlungen bevorstehen. Die EU-Expertin nimmt auch Stellung zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, die stark vom Brexit-Resultat abhängt.

Aufgeben ist keine Lösung

Die einzige Lösung heisst für ihn: raus aus der EU. Die Rechte müssten neu verhandelt werden, sonst müssten noch viel mehr lokale Fischer aufgeben. «Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, waren in meiner Heimatstadt Looe 35 Trawler mit je drei Mann Besatzung im Wasser.» Heute seien es noch sieben mit jeweils zwei Fischern.

Für Giles ist die Benachteiligung der britischen Fischer der einzige Grund, warum er heute für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU stimmen wird. Immigration sei ein ungelöstes Problem, aber das sehen hier selbst die EU-Befürworter so. Auch wenn Giles mit vielen Aussagen des Ukip-Chefs Nigel Farage wenig anfangen kann – «für uns Fischer setzt er sich ein», sagt er – und präsentiert stolz ein Foto, das ihn lächelnd neben Farage zeigt. Entstanden sei dieses an der viel beachteten Protestfahrt der britischen Fischer letzte Woche auf der Themse mitten in London.

Dass die Aktion den Anliegen der Fischer Gehör verschafft hat, daran glaubt Giles. Ob sich dadurch etwas ändert – das sieht er skeptischer. Selbst bei einem Austritt aus der EU würden Jahre vergehen, bis notwendige Änderungen durchgesetzt seien.

Für Giles selbst ist das jedoch kein Grund, die Fischerei hinzuschmeissen. Schliesslich, sagt er, könne er nichts anderes als fischen. Das mache er, seitdem er 15 ist. Und das werde er auch weiter machen. EU-Mitgliedschaft hin oder her.

Zwischen Glasfassaden

Vom verregneten Plymouth geht es mit der Great Western Railway in die Hauptstadt London. Gute drei Stunden dauert die Fahrt durch die tiefgrünen Landschaften von Devon, auf deren Hügeln abwechselnd Schafe und Rinder grasen. Vorbei an «Leave»- und «Remain»-Schildern, die in etwa gleicher Anzahl die Bahngleise bis hinein zum Bahnhof Paddington säumen.

In der City, dem Bankenzentrum Europas gleich hinter der «London Bridge», sitzt Bhupal Adhikari auf der Terrasse eines kleinen Cafés und öffnet eine Dose Limonade. «Hier kommen die Banker zum Essen her», sagt er. Adhikari ist selbst einer. Für ein grosses Geldhaus vom europäischen Festland wühlt er sich täglich durch das, was Kritiker so an Europa verteufeln: die Regularien der EU.

Ein Blick in die Runde macht klar: Der Banker von heute trägt Massanzug in dunklem Blau. Adhikari trägt grüne Ringelsocken zu Stoffhose und weissem Hemd. Geflochtene Bändel um das eine Handgelenk, eine Fitnessuhr ums andere und eine Halskette mit traditionellem Holzschmuck heben ihn äusserlich vom Einheitsblau der Szenerie ab – und auch sonst will der gebürtige Nepalese mit britischem und australischem Pass nicht so recht zum Banker-Klischee passen.

Adhikari stimmt heute mit «Remain». Allerdings nicht, weil er im Falle des Brexits den Kollaps des Londoner Finanzsektors befürchtet. Dieser komme mit einer Delle davon und habe sich bald wieder erholt, sagt er. «Aber die Finanzdienstleistungen sind nicht alles in diesem Land.»

Weniger als ein Prozent der Bevölkerung arbeiteten in der City, rechnet er vor. Der Rest habe Jobs in den Teilen der Wirtschaft, die wesentlich stärker vom EU-Austritt betroffen wären. Und um diese Leute zu schützen, aber auch um bei globalen Themen wie Menschenrechte und Umweltschutz einen Platz am richtigen Tisch zu haben, müsse Grossbritannien EU-Mitglied bleiben. In jedem Fall brauche es Reformen in Europa. Mehr Demokratie in den Institutionen der EU sei dringend nötig.

Dass die unsägliche Diskussion über den möglichen Austritt überhaupt geführt werden müsse, liege an einem einzigen Mann: David Cameron. Der Premierminister habe vor der letzten Wahl unnötigerweise das Referendum angekündigt. Und Leute wie Nigel Farage hätten die Chance mit ihrer Anti-Migrations-Propaganda genutzt, um den Menschen Flausen in den Kopf zu setzen. Ängste zu schüren. Knallharte Opportunisten wie der Londoner Ex-Bürgermeister und «Leave»-Frontmann Boris Johnson riskierten nun den Bruch mit Europa.

Allerdings, schiebt Adhikari nach, sähen das längst nicht alle Banker so. Viele stimmten heute für den Brexit. Auch wenn es niemand zugeben wollte: Das Thema Migration spiele dabei bei vielen eine Rolle.

Uneinigkeit, wohin man schaut

Ein paar Meilen nördlich der City, im Café des Kinder- und Jugendprojektes London Play am Finsbury Park, bringt der 18-jährige Ben Graham die Ansicht vieler «Remain»-Wähler auf den Punkt: Der Schüler will die Mitgliedschaft behalten, weil die Stimme Grossbritanniens innerhalb einer Gruppe wie der EU im globalen Massstab schwerer wiegt als für sich allein genommen. «Ich glaube, dass es grosse Unstimmigkeiten in der EU gibt, doch diese allein sind nicht Grund genug, die Gemeinschaft zu verlassen», sagt er.

Sein Kumpel Jobe hält dem entgegen, dass eine immer zentralisierter werdende, undemokratische EU kaum erstrebenswert sei. Deshalb wählt er den Brexit.

Dawn Jarrett, die Leiterin des Projekts, unterstützte das «Remain»-Lager von Anfang an. Die gebürtige Londonerin, deren Eltern in den Sechzigern aus Jamaika nach Grossbritannien kamen, zeigt, dass das Thema Migration nicht nur als Argument für den Austritt taugt. «Wir sollten die vielen Gemeinschaften in unserem Land unterstützen», sagt sie. Und zwar nicht allein, sondern als Teil einer grösseren Gruppe von Ländern.

Im Laufe des morgigen Vormittags wird sich zeigen, ob die Briten diese und andere Aufgaben auch künftig in der Gruppe EU, oder aber ganz für sich allein zu lösen versuchen.

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