Ägypten

Volkhard Windfuhr: «Es wird keine islamistische Woge geben»

Die Muslimbruderschaft hat in Ägypten noch immer viele Anhänger: Demonstration für Mursi in Kairo. Manu Brabo/keystone

Die Muslimbruderschaft hat in Ägypten noch immer viele Anhänger: Demonstration für Mursi in Kairo. Manu Brabo/keystone

Der Ägyptenexperte Volkhard Windfuhr ist überzeugt, die Muslimbruderschaft wird in Ägypten an Stärke verlieren. Der arabisch-islamistische Trend nach dem Sturz Mursis wird kaum Chancen haben.

Ist nach dem Militärputsch mit einer Radikalisierung der Muslimbruderschaft zu rechnen?

Volkhard Windfuhr: Nein. Die Muslimbruderschaft war nie wirklich populär. Sie ist längst nicht so stark verwurzelt, wie manche meinen. Ich gehe davon aus, dass es sporadisch zu Anschlägen kommen wird. Eine wirkliche Radikalisierung sehe ich nicht und erst recht keine bürgerkriegsähnlichen Zustände.

Wie wird sich die Entmachtung der Islamisten auf die arabische Welt auswirken?

Grundsätzlich muss man sagen, dass das Konzept eines immer stärker werdenden arabisch-islamistischen Trends mit einiger Wahrscheinlichkeit gescheitert ist. Das wird durch den Sturz Mursis sehr deutlich. Wir werden es wohl nicht erleben, dass die arabische Welt von einer islamistischen Woge überrollt wird. Das wollen die arabischen Völker einfach nicht.

Werden die Muslimbrüder bei Neuwahlen antreten können? Oder ist mit einem Verbot zu rechnen?

Nicht zwangsläufig. Aber sie werden sich schon gefallen lassen müssen, keine Sonderrolle mehr zu spielen. Bei wirklich freien Wahlen würden sie allenfalls 10 Prozent bekommen.

Könnte es zu einer Spaltung kommen?

Das glaube ich nicht. In den letzten 85 Jahren hat sich das Skelett der Bruderschaft nicht verändert. Es ist nach wie vor ein pyramidales System, in dem die Mitglieder auf absoluten Gehorsam eingeschworen werden. Wer dieses System ablehnt, wird sich anderen Parteien anschliessen.

Wird der letztlich undemokratische Putsch zur Demokratisierung führen?

Nach dem Sturz Mursis stehen wir wieder am gleichen Punkt wie am 12. Februar 2011, einen Tag nach der Abdankung Mubaraks. Alles ist offen, jeder hat eine Chance. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Armee an ihren Zeitplan hält. Tut sie dies nicht, wird die Revolution weitergehen.

Sie kennen General Sisi persönlich. Wie charakterisieren Sie ihn?

Sisi ist in sein Amt irgendwie reingeboxt worden. Andererseits müssen wir abwarten, wie sich die militärische Führung nun verhält. Sie wollte dem Volk nichts diktieren, sondern reagierte in enger Absprache mit fast allen politischen und gesellschaftlichen Kräften auf die Wünsche des Volkes. Hält sie sich nicht an ihren Fahrplan, wird es wieder Unruhe geben.

Ist Ägypten demokratiefähig?

Warum nicht? Jetzt mehr denn je. Bei Ideologen, die – wie die Muslimbruderschaft – Demokratie nur als Steigbügel verstehen, funktioniert Demokratie natürlich nicht.

Volkhard Windfuhr (76)

lebt seit fast 50 Jahren in Ägypten, wo er noch immer das Büro des Magazins «Der Spiegel» leitet.

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