Hass? Aber nein. In seinem abgelegenen, ethnisch gemischten Heimatdorf ging es immer friedlich und tolerant zu, erzählte Radislav Krstic seinen Richtern.

Auch später, auf der Militärschule, herrschte der «Geist der Einheit». Man darf es ihm glauben: Nirgendwo im Land seiner Kindheit und Jugend war so viel von «Brüderlichkeit und Einheit» der jugoslawischen Völker die Rede wie in der Volksarmee, die sich den jungen Mann ganz und gar einverleibte.

Mit einer «ethnisch homogenen» Truppe hatte Krstic erst 1992 zum ersten Mal zu tun, als er, wie die meisten in Bosnien geborenen Offiziere, in die «Armee der Republik Srpska» wechselte. Da war er schon 44.

Ein Video zeigt den schmalen, schüchtern wirkenden Mann drei Jahre später vor Srebrenica, wie er die militärische Lage erläutert. Mit seinen traurigen Augen und den tiefen Sorgenfalten auf der Stirn sieht er wie immer etwas überfordert aus.

«Tötet sie alle, verdammt»

Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilte Radislav Krstic wegen Völkermords in Srebrenica zu 46 Jahren Gefängnis. Im Berufungsverfahren wurde auf blosse Beihilfe erkannt und das Strafmass auf 35 Jahre herabgesetzt. In einem abgehörten Funkgespräch ist der General zu hören, wie er einem untergebenen Offizier aus der Patsche hilft.

Er habe «noch 3500 Pakete abzuliefern», klagt der Offizier ins Funkgerät – «Pakete» war das Codewort für Menschen. Krstic schickt ihm die verlangten Einheiten für das Exekutionskommando. Erst am letzten Tag des grossen Massakers, als nur noch wenige lebende Muslime zu finden sind, kommt auch Emotion in die Funksprüche des Radislav Krstic: «Tötet sie alle, verdammt!», befiehlt der General. «Lasst keinen Einzigen am Leben!»

Oder Zdravko Tolimir. Der einzige General, der tatsächlich wegen Völkermords verurteilt wurde, könnte Krstics Bruder sein. Neun Monate später als Krstic in einem anderen kleinen Dorf im Westen Bosniens geboren, kommt er früh an die Militärakademie in Belgrad. Der nüchterne, kluge Mann war dabei, als vier Monate nach dem Massaker von Srebrenica in Dayton, Ohio, der Frieden verhandelt wurde.

Später nahm Tolimir sogar an Abrüstungsgesprächen in Wien teil. Keine Spur von Radikalismus war ihm anzumerken. Erst vor dem Richter am Haager Tribunal, wo sein Fall aussichtslos ist, gibt der kommunistische Offizier den Bilderbuchserben, hängt sich ein dickes Holzkreuz vor die Krawatte, schlägt immer wieder das orthodoxe Kreuzzeichen, lächelt wissend in sich hinein.

Es sei jahrhundertealter Hass gewesen, der den Krieg in Bosnien und besonders die Serben so grausam gemacht habe: Das ist noch immer die häufigste Antwort, wenn nach einer Erklärung für den Massenmord gesucht wird. Wer es konkreter will, kriegt eine aktualisierte Version der Hassgeschichte serviert. Es hätte die Serben so aufgebracht, dass die Muslime in Srebrenica aus dem Schutz der UNO-Blauhelme heraus immer wieder serbische Dörfer überfallen haben – was stimmt und wahrscheinlich zwischen 100 und 200 serbische Zivilisten das Leben gekostet hat. Überschiessende Rache also? Die Protokolle der Kriegsverbrecherprozesse legen einen anderen Schluss nahe.

Junge wagten nicht, Nein zu sagen

Die bosnisch-serbische Armee funktionierte in Srebrenica, wie eine Armee eben funktioniert. Unterhalb der Kommandeursebene waren es die Sicherheitsoffiziere auf der Ebene des Korps und der Brigaden, die das Massaker organisierten – wie Oberst Ljubiša Beara, der die «3500 Pakete» abzuliefern hatte. Sie gehörten zum Stab, hatten keine direkte Befehlsgewalt.

Ihre Aufgabe war, es den Unteroffizieren Einheiten für die Erschiessungskommandos abzuschwatzen. Manchmal stellten sie auch kleine Trupps aus Freiwilligen zusammen. Viel Überredungskunst war nicht nötig. Die einfachen Soldaten ahnten zumindest, was geplant war. Manche weigerten sich. Junge, unsichere Männer wagten jedoch nicht, dem Druck zu widerstehen. Ein beeindruckendes Zeugnis von seiner Seelenlage hat schon bald nach dem Massaker der zur Tatzeit 23-jährige Drazen Erdemovic gegeben, ein Kroate, der mitmachte, weil er sich als solcher gegen den Verdacht der Illoyalität wehren wollte.

Mladic – die Quelle des Hasses

Die Quelle der Emotion in Srebrenica hiess Ratko Mladic – ein Kraftpaket, so breit wie hoch, Quadratschädel. Der Generalstabschef und Oberkommandierende der Armee wirkte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Immer sarkastisch, leicht beleidigt. Blauhelm-Offiziere, die mit ihm zu tun hatten, hatten schnell das Gefühl, sie schuldeten ihm etwas. Rau, grob und grimmig gab Mladic sich gern – so, dass seine Gesprächspartner unwillkürlich den Eindruck bekamen, da müsse sich wohl einer ganz fest im Recht fühlen.

Tiefe Verletzungen, umgewandelt in heiligen, gerechten Zorn. Schwere Kindheit natürlich. Allen erzählte er, dass ein Vater, ein Partisan, beim Sturm auf das Dorf des kroatischen Diktators Ante Pavelic von faschistischen Ustascha erschossen worden war. Es war gelogen, wie seine alte Mutter einmal arglos ausplauderte: In Wirklichkeit starb der Vater des kleinen Ratko ein Jahr nach dem Krieg unter ungeklärten Umständen.

Srebrenica

Zwei Tage vor dem Fall von Srebrenica erschien Mladic vor den Offizieren des Drina-Korps und faltete sie zusammen. «Reingehen!», rief er, «rein da!», düster und offenbar im Angesicht einer weiteren Schicksalsstunde – wie ein Trainer in der Halbzeit, der seine Mannschaft anstachelt, indem er Hass auf den Gegner vorspiegelt.

Immer sprach Mladic von den «Türken», wenn er die bosnischen Muslime meinte. Die Serben liebten ihn, weil er so authentisch schien, nicht wie die steifen, bürokratischen Offiziere und die windigen Politiker. Er gab ihnen das Gefühl, sie kämpften für eine gerechte Sache. Bei der Truppe setzte sich das Charisma des Generalstabschefs in Treue um. Einen, der so tief fühlt, der mit seinen Männern auf dem Feldbett schläft, den darf man nicht enttäuschen. Die Treue verlangte kalten Mord. Die Truppe enttäuschte ihn nicht.

Wie heute die IS-Terroristen

Die besonderen Grausamkeiten gegen die Opfer des Massakers waren vorwiegend institutioneller Natur – die Folgen, die es eben hat, wenn Menschen anderen Menschen wehrlos ausgeliefert sind. Tagelang bekamen die Todgeweihten nichts zu essen und zu trinken und sassen gefesselt in der prallen Julisonne.

Wenn Täter ihre persönlichen sadistischen Neigungen an den Opfern ausliessen, dann waren es vorwiegend solche, die gar nicht unter Mladics Befehl standen – wie der berüchtigte Spezialpolizist Ljubomir Borovcanin, ein diplomierter Politologe, der zwischen 80 und 100 Gefangene hinter ein Haus führte und ihnen dort den Kopf abschnitt, ganz wie heute die IS-Terroristen.

General Zdravko Tolimir und der schreckliche Polizeichef Borovcanin bekamen lebenslänglich. Die meisten Sicherheitsoffiziere, die das Massaker organisierten, wurden zu Haftstrafen verurteilt; manche sind schon wieder draussen. Der junge Kroate Drazen Erdemovic kam nach drei Jahren wieder frei und sagte gegen Mittäter aus.

Keine Strafe hält für das Verbrechen schadlos. Die schlimmste Folge tragen Unbeteiligte: dass das Massaker von Srebrenica bis heute der Versöhnung der Völker in Bosnien im Wege steht.