Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag den Vertrag zur Eingliederung der Krim in die Russische Föderation unterschrieben - zwei Tage nach dem Referendum über die Zukunft der seit 1954 zur Ukraine gehörenden Halbinsel. Die ukrainische Regierung und der Westen reagierten empört.

Die Unterzeichnung des Vertrags erfolgte nach einer Rede Putins in patriotischen Tönen vor den Abgeordneten beider Kammern des russischen Parlaments in Moskau.

Putin bezeichnete die Krim als "untrennbaren" Teil Russlands und warf dem Westen vor, sich in der Ukraine-Krise "unverantwortlich" verhalten und eine "rote Linie" überschritten zu haben. Der Westen habe nach dem "Gesetz des Stärkeren" handeln wollen und sich nicht um das "Völkerrecht" gekümmert.

Die Regierung in Kiew nannte Putin illegal und sagte, ihr gehörten "Neo-Nazis, Russland-Feinde und Antisemiten" an.

Kreml: Keine Spaltung der Ukraine angestrebt

Putin versicherte zugleich, "keine Spaltung der Ukraine" anzustreben. Bei dem Volksentscheid hatten die Krim-Bewohner mit knapp 97 Prozent für eine Loslösung von der Ukraine und einen Beitritt zu Russland gestimmt.

Der Kreml teilte mit, die Krim werde ab sofort als Teil Russlands betrachtet. Die russischen Abgeordneten müssen den Vertrag zwar noch ratifizieren; dies gilt aber als reine Formsache. Der Vertrag wurde auch vom Regierungschef der Krim, Sergej Aksjonow, unterzeichnet, der nach Moskau gereist war.

Njet aus Kiew und Brüssel

Die Übergangsregierung in Kiew erklärte umgehend, sie werde die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation "nie" hinnehmen. Die Partei des ukrainischen Politikers und Box-Weltmeisters Witali Klitschko sprach sich zudem für einen "sofortigen Abbruch" der diplomatischen Beziehungen zu Russland aus.

Auch die Europäische Union erkennt das Referendum auf der Krim und die nachfolgende Annexion durch Russland nicht an. Dies erklärten EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Dienstag in Brüssel.

"Die Souveränität, territoriale Integrität und Unabhängigkeit der Ukraine muss respektiert werden", heisst es in der Erklärung. Die EU erkenne das "illegale und unzulässige" Referendum auf der Krim nicht an. Im selben Sinne äusserten sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande.

EU- und G7-Krisen-Gipfel

Die Ukraine-Krise ist zentrales Thema des EU-Gipfels Ende der Woche in Brüssel. Der politische Teil des fertig ausgehandelten Partnerschaftsabkommens mit der früheren Sowjetrepublik soll am Freitag zum Abschluss des zweitägigen Spitzentreffens unterschrieben werden.

US-Präsident Barack Obama rief die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten (G7) zu einem Krisen-Gipfel kommende Woche am Rande des Atomsicherheits-Gipfels in Den Haag auf. Mit dem Treffen ohne Vertreter Moskaus würde der Westen ein weiteres Stück vom G8-Format mit Russland abrücken.

US-Vizepräsident Joe Biden sprach in Warschau von einem "Landraub" Russlands. Er drohte Moskau mit weiteren Sanktionen.

Der britische Aussenminister William Hague erklärte, die Planungen für ein gemeinsames Marine-Manöver mit Russland, Frankreich, den USA und Grossbritannien seien gestoppt worden. Russland habe seit Jahren Millionen Pässe in der Ukraine und anderen Ländern verteilt, um dort an Einfluss zu gewinnen; die Ereignisse auf der Krim seien Teil eines weiter reichenden russischen Verhaltensmusters.

Kein NATO-Beitritt angestrebt

Einen Beitritt zur NATO schliesst die ukrainische Übergangsregierung derzeit aus. "Das Thema eines NATO-Beitritts steht nicht auf der Agenda", sagte Interims-Regierungschef Arseni Jazenjuk in einer Fernsehansprache an die Nation.

Die Ukraine hat bereits 1997 eine Partnerschaft mit der NATO unterzeichnet. Ihre Nachbarstaaten Polen, Ungarn, Rumänien und Slowakei sind Mitglieder der westlichen Militärallianz.

Ukrainischer Soldat getötet

Auf der Krim spitzte sich die Lage unterdessen bedrohlich zu: Bei der Erstürmung einer ukrainischen Militärbasis durch russisches Militär wurde nach Angaben eines Armeesprechers ein ukrainischer Soldat getötet. Rund 20 ukrainische Soldaten hätten es abgelehnt, sich zu ergeben, sagte ein Angehöriger der Militärbasis. Bei ihnen seien 10 bis 15 weitere Personen, darunter Frauen.