Flugzeugabsturz

Absturzursache: Indizien für eine Bombe verdichten sich

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist nach Angaben von europäischen und US-Sicherheitsexperten wahrscheinlich für den Absturz der russischen Passagiermaschine in Ägypten verantwortlich. Das verlautete aus Sicherheits- und Regierungskreisen.

Im Rückblick waren sich viele Flugreisende einig. «Sharm El-Sheikh ist das schlimmste Chaos, was ich bisher gesehen habe», urteilte eine ehemalige Stewardess, die privat zum Badeurlaub hier war.

Frühmorgens um vier oder fünf Uhr, als auch die russische Unglücksmaschine abgefertigt wurde, mussten Touristen ägyptische Sicherheitsleute schon mal aus einem Nickerchen wecken, damit diese das Handgepäck kontrollierten.

Oder die Feriengäste beobachteten Uniformierte hinter den Scannerschirmen, die seelenruhig in Handygespräche vertieft waren. Auch berichten Touristen, dass sie ihre Koffer selbst zum Frachtraum des Flugzeugs tragen mussten, weil kein Bodenpersonal vorhanden war.

Der laxe Umgang mit der Sicherheit auf dem Ferienflughafen legt denn auch die Vermutung nahe, dass jemand eine Bombe an Bord des Fliegers schmuggeln konnte. Davon gehen auch britische und amerikanische Regierungskreise aus.

Eine Bombe an Bord sei eine «signifikante Wahrscheinlichkeit», sagte der britische Aussenminister Philip Hammond nach einer Sitzung des nationalen Krisengremiums, bei dem Premierminister David Cameron den Vorsitz hat.

Dieser erklärte, ein Anschlag sei wahrscheinlicher, «als dass es keiner war». Auch Geheimdienstler aus den USA nannten gegenüber dem Sender CBS eine Bombe an Bord «höchst wahrscheinlich». Er habe «ein eindeutiges Gefühl, dass es ein Sprengkörper war, der im Gepäck oder anderswo im Flugzeug versteckt wurde», liess sich ein Vertreter der US-Regierung zitieren.

Ein «ungewöhnliches Geräusch»
Ein US-Aufklärungssatellit hatte zum Zeitpunkt des Unglücks einen Explosionsblitz aufgezeichnet. Der Flugschreiber wurde inzwischen ausgelesen, der Stimmenrekorder im Cockpit ist dagegen stark beschädigt.

Bisher drang aus der Unfallkommission, der Experten aus Ägypten, Russland, Frankreich, Deutschland und Irland angehören, lediglich nach draussen, dass die aufgezeichneten Flugdaten schlagartig abbrechen und auf dem Band in den Sekundenbruchteilen des Absturzes ein «ungewöhnliches Geräusch» zu hören sei.

Flugzeug-Unglück im Sinai: Ein Video des russischen Staatssenders «Russia Today» zeigt die Absturzstelle.

Flugzeug-Unglück im Sinai: Ein Video des russischen Staatssenders «Russia Today» zeigt die Absturzstelle.

Ägypten und Russland reagierten auf die britischen Bombenwarnungen überrascht und verärgert. Das seien alles Spekulationen, liess der Kreml erklären, und nannte das Vorgehen Londons «politisch motiviert».

Ägyptens Aussenminister Sameh Shoukry geisselte die Schlussfolgerungen als «voreilig und ungerechtfertigt» und kritisierte, sein Land sei vorab nicht konsultiert worden.

Luftfahrtminister Hossam Kamal versicherte, es gebe bisher keine Beweise für einen Anschlag. Die Sicherheitsprozeduren auf ägyptischen Flughäfen entsprächen internationalem Standard.

Den Verdacht, Ägypten könne etwas vertuschen, wies er von sich. Man lege entschiedenen Wert darauf, dass die Untersuchung akkurat verlaufe. Alle Fakten würden offengelegt.

Die meisten Opfer des Flugzeugunglücks von Ägypten in Russland eingetroffen (2.11.2015)

Die meisten Opfer des Flugzeugunglücks von Ägypten in Russland eingetroffen (2.11.2015)

IS-Ableger wills gewesen sein
Die Terrorgruppe «Provinz Sinai» hatte bereits Stunden nach dem Absturz in einer Internetbotschaft verkündet, das Flugzeug mit «über 200 russischen Kreuzrittern» sei von «den Soldaten des Kalifates» zerstört worden.

Das sei die Rache «für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden», heisst es in dem IS-Text. Am Mittwoch meldete sich die «Provinz Sinai», die sich vor einem Jahr dem «Islamischen Staat» anschloss, mit einer dreiminütigen Audiobotschaft zu Wort und erklärte, man werde «zu einem von uns gewählten Zeitpunkt» die Details des Anschlags mitteilen.

Ägyptens Präsident Sissi dagegen tat eine IS-Täterschaft als «Propaganda von Terroristen» ab und erklärte, der Staat habe die Halbinsel «voll unter Kontrolle».
Im Nordsinai tobt seit gut zwei Jahren ein erbitterter Krieg zwischen der Armee und der Terrormiliz von «Provinz Sinai».

Nahezu täglich gibt es schwere Anschläge auf Polizisten und Soldaten. Im Januar 2014 holten die Gotteskrieger mit einer Boden-Luft-Rakete einen Armeehubschrauber mit fünf Insassen vom Himmel. Im Sommer schossen sie nahe der Mittelmeerküste ein ägyptisches Kriegsschiff in Brand.

Dagegen war es auf dem Südsinai, wo sich die Badestrände und Urlaubsressorts befinden, in den vergangenen zehn Jahren überwiegend ruhig.

Gift für den Tourismus
Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, könnte das für Ägyptens fragilen Tourismus und die politische Stabilität unabsehbare Folgen haben. Praktisch alle europäischen Flüge nach Sharm El-Sheikh, darunter auch die der Lufthansa-Gruppe, wurden zunächst einmal bis zum 12. November storniert, Zehntausende Pauschaltouristen bekommen jetzt ihr Geld zurück.

Mehr als 20 000 vor Ort gestrandete Urlauber werden in den nächsten Tagen mit Sonderflügen evakuiert. Lediglich Ferienflieger aus Russland, der Ukraine und den Golfstaaten zeigten sich vom Wirbel unbeeindruckt und landeten auch gestern.

London und Moskau schickten bereits eigene Sicherheitsteams nach Sharm El-Sheikh, eine unverhohlene Misstrauensgeste gegenüber den ägyptischen Ermittlern. Stunden später wurde der ägyptische Sicherheitschef des Flughafens wegen Nachlässigkeit entlassen.

Denn sollte sich eine Terrorexplosion an Bord des russischen Airbus A-321 der Chartergesellschaft Kogalymavia bewahrheiten, muss es auf dem Rollfeld einen Mittäter gegeben haben. Und der «Islamische Staat» konnte einen Schläfer in das Bodenpersonal einschmuggeln, der die Bombe in einem der aufgegebenen Koffer deponierte oder im Laderaum versteckte.

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