Interview

USA-Expertin Elisabeth Bronfen: «Trump hat die Welt von den Fesseln der Fakten befreit und Amerika in die Fiktion entführt»

Donald Trumps Geheimnis sei seine unbändige Energie, sagt Elisabeth Bronfen: «Für Millionen Amerikaner ist die Fantasie viel wichtiger als die Demokratie.»

Donald Trumps Geheimnis sei seine unbändige Energie, sagt Elisabeth Bronfen: «Für Millionen Amerikaner ist die Fantasie viel wichtiger als die Demokratie.»

Joe Biden habe Amerika nicht wirklich verstanden, sagt die Literaturprofessorin Elisabeth Bronfen. Das Land habe verlernt, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es gibt nur einen Ausweg.

Elisabeth Bronfen ist Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar in Zürich und Gastprofessorin an der New York University. Die Amerika-Kennerin über Trumps Erbe, amerikanische Gräben und Joe Bidens Stärke.

Frau Bronfen, wenn Sie heute nach Amerika schauen: Gibt es da etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Elisabeth Bronfen: Ja. Es haben sich so viele Leute an der Wahl beteiligt wie noch nie in der Geschichte. Sie nehmen das ernst. Die 50 Prozent, die Joe Biden gewählt haben, die machen mir tatsächlich Hoffnung – auch wenn noch nichts definitiv entschieden ist.

Egal, wie die Wahlen ausgehen: Donald Trump ist noch mindestens drei Monate lang der mächtigste Mensch der Welt. Worauf müssen wir uns gefasst machen?

Wenn Biden gewinnt, könnte Trump natürlich mit absoluter Rachelust allen möglichen Schaden anrichten, Leute feuern und die demokratischen Institutionen weiter angreifen. Klar ist, dass Donald Trump viel rumschreien wird. Er wirft der Gegenseite vor, sie würde betrügen. Dabei ist er es, der die Wahl stehlen und die Auszählung der Stimmen sofort stoppen will.

Stoppen können den Prozess aber nur die Gerichte.

Wenn sie die Stimmenauszählung jetzt abbrechen und sich die republikanische Partei hinter Trump stellen würde, dann wird es gefährlich. Dann wird die Fragilität der amerikanischen Demokratie ganz, ganz deutlich. Aber die Richter und Trumps Parteikollegen haben sich bis jetzt sehr zurückgehalten. Die Sicherungen im amerikanischen System, die «checks and balances», funktionieren noch.

Literaturprofessorin und Amerika-Kennerin Elisabeth Bronfen.

Literaturprofessorin und Amerika-Kennerin Elisabeth Bronfen.

Knapp die Hälfte der Amerikaner (rund 70 Millionen) haben Trump wiedergewählt. Was ist das Geheimnis seiner Popularität?

Trumps Geheimnis ist seine unbändige Energie. Was er sagt, spielt dabei gar keine Rolle. Die Leute wissen ja, dass das alles nicht stimmt. Was viele Amerikaner hingegen beeindruckt hat, sind diese Massenrallyes, an denen Trump als starker, grossartiger Mann aufgetreten ist – trotz seiner Corona-Erkrankung. Seine Botschaft war klar: Wenn ihr mir folgt, dann seid ihr auch stark und grossartig…

… obwohl Trump das Land gerade in der jetzigen Krise alles andere als gestärkt hat.

Trump hat in der Coronapandemie nicht gut geführt. Auch die Infrastrukturprobleme im Land hat er nicht gelöst. Die Bildung hat sich nicht verbessert. Das ist aber eben nicht das Entscheidende. Entscheidend ist die fantastische Vision, die er vermittelt. Für Millionen Amerikaner ist diese Fantasie sogar wichtiger als die Demokratie, auch wenn sie mit ihrer eigentlichen Realität wenig zu tun hat.

Trump hat die Welt von den Fesseln der Fakten befreit und Amerika in die Fiktion entführt. Wie kommt das Land wieder aus diesem Paralleluniversum raus?

Die Hälfte der Amerikaner interessiert sich nicht mehr für Fakten. Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie schlecht die Bildung im Land geworden ist. Millionen Amerikaner haben zudem keinen Pass, reisen kaum und sprechen nur eine Sprache. Sie leben in ihren kleinen Welten, an denen sie unbedingt festhalten wollen. Dazu kommt die absolute Spaltung, die es zwischen rechten und linken Medien gegeben hat. Jede Seite produziert ihr eigenes Paralleluniversum. Das ist für mich die «Millionen-Dollar-Frage»: Wie schaffen wir es, eine Medienlandschaft herzustellen, die viel mehr Leute zusammenbringen kann.

Fast 100 Prozent der gewählten US-Parlamentarier haben einen Hochschulabschluss. Ist Amerika zu einer Diktatur der Akademiker über die Ungebildeten geworden?

Sehen Sie, als mein Vater in den 1930er-Jahren in New York studierte, war die Uni kostenlos. Dann gab es lange Zeit moderate Studiengebühren. In den 80er-Jahren dann – unter anderem wegen der Steuersenkungen, die zu einem Loch in der Bildungskasse führten – wurde Studieren für viele unbezahlbar. Heute sind die Ressentiments der Ungebildeten gegenüber den Gebildeten riesig. Der amerikanische Traum ist gefährdet.

Wie meinen Sie das?

Hart arbeiten und die Kinder auf gute Schulen schicken, in der Hoffnung, dass sie es mal besser haben werden: Das war lange die Basis dieses Traums. Bildung hat heute bei vielen Amerikanern nicht mehr diesen Status, deshalb funktioniert dieser Traum nicht mehr. Grund dafür ist die weitverbreitete Hoffnungslosigkeit. Viele Amerikaner glauben nicht mehr daran, in ihrem Leben etwas erreichen zu können. Sie bilden sich ein: «Ich schaffe es sowieso nicht.» Das ist neu in der amerikanischen Geschichte, wo der Traum vom Aufstieg bislang immer eine zentrale Rolle gespielt hat. Dafür steht etwa Präsident Abraham Lincoln (1809–1865), der noch neun Meilen zu Fuss zur Schule gehen musste, und nachts bei Kerzenlicht seine Hausaufgaben machte– so der Mythos.

Sie haben die Steuersenkungen des Republikaners Ronald Reagan angesprochen. Aber in den letzten Jahren waren es doch die Demokraten, die den Armen und Benachteiligten leere Versprechen machten.

Die Demokraten haben vieles missverstanden. Viele haben etwa Barack Obama unglaublich bewundert für sein Charisma und seine Rhetorik. Aber Obama hat effektiv kaum grosse Projekte gehabt. Er hat keine Dämme gebaut, keine Brücken, keine wirkliche Reform des Schuldensystems zu Stande gebracht– im Gegensatz zu Frank D. Roosevelt während der Depression. Und als Bill Clinton bei den Wahlen 2016 seine Frau und die Demokraten ermahnte: «Geht raus in die Arbeitergebiete!» Da hat man nicht auf ihn gehört. Das hat sich gerächt. Sie haben auch die Bedeutung von Themen wie Abtreibung oder Homosexuellen-Rechten unterschätzt. Die Hälfte der Amerikaner ist moralisch zutiefst konservativ bei allem, was mit Geschlechterfragen oder der Ehe zu tun hat. Die Gräben sind tief.

Braucht Amerika diese Gräben und diesen Widerspruch vielleicht sogar? Sind wir Schweizer einfach zu harmoniesüchtig, wenn wir das anders sehen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Amerikaner brauchen Krisen, die sie überwinden können. Dramen, in denen man sich seine Heldenhaftigkeit beweisen kann. Aber keine Gräben.

Wie kann das Land die Gräben denn überwinden?

Bis in die 1980er-Jahre hat sich Amerika immer auf bestimmte grundlegende Werte einigen können. Nach dem 11. September konnte man sich noch auf den Satz «United We Stand» («Wir stehen zusammen») einigen. Mit ganz wenigen Ausnahmen stellten sich damals 2001 auch alle demokratischen Politiker hinter den republikanischen Präsidenten George W. Bush. Man wollte Einheit demonstrieren, das kriegt man heute überhaupt nicht mehr hin. Der gemeinsame Nenner ist gewaltig geschrumpft.

Dabei hätte es den USA in den vergangenen Jahren ja nicht an Momenten gemangelt, in denen Zusammenstehen angebracht gewesen wäre.

Im Gegenteil: etwa bei Covid-19 oder bei den russischen Wahleinmischungen. Das taten sie aber nicht, weil sich die beiden Seiten überhaupt nicht mehr vertrauen. Ein Beispiel: Biden appellierte am Parteitag der Demokraten an die Vernunft und die Demut der Amerikaner. Er sagte mit Blick auf das zerstrittene Land: «This is not who we are.» («So sind wir doch nicht.») Man müsste ihm sagen: «Entschuldigung Herr Biden, leider doch!» Für die Hälfte der Amerikaner sind Demut und Vernunft nicht mehr wichtig.

Hat Joe Biden Amerika nicht verstanden?

Joe Biden hat einen Fehler gemacht, als er dachte, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner jetzt einen bedächtigen, vorsichtigen Präsidenten sehen wollen, der ihre Gesundheit schützt. Ein vernünftiger Mensch würde so denken. Aber politische Leidenschaften sind nicht vernünftig.

Trump und Obama waren in den Augen ihrer Anhänger beide Helden. Joe Biden wirkt wenig heldenhaft. Kommt Amerika ohne «Hero» an der Spitze überhaupt klar?

Die Hälfte des Landes will den Helden, die andere Hälfte den «pater familias», den verständnisvollen Übervater, der ihnen zuhört und ihnen Sympathie entgegenbringt. Diese Rolle beherrscht Joe Biden.

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