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US-Vizepräsident Mike Pence: Bibelstunden im Weissen Haus

Treuer Trump-Begleiter: Vize-Präsident Mike Pence.

Treuer Trump-Begleiter: Vize-Präsident Mike Pence.

Mike Pence könnte nächste Woche theoretisch US-Präsident werden. Wer ist der Mann, der Trump so loyal wie kein anderer zur Seite steht? Wir haben mit seinem Biografen Tom Lo Bianco gesprochen.

Der Prozess gegen Präsident Donald Trump im amerikanischen Senat geht in die entscheidende Phase. Am Samstag beginnen die Verteidigung mit ihrem Plädoyer. Theoretisch könnte das Amtsenthebungsverfahren bereits nächste Woche zu Ende sein – und falls sich zwei Drittel der 100 Senatoren wider Erwarten dazu entscheiden, Trump abzusetzen, würde sein Vize Mike Pence den Amtseid als 46. US-Präsident ablegen. Wir haben Mike-Pence-Biograf Tom Lo Bianco gefragt, was da auf Amerika zukommen könnte.

Sie haben ein Buch geschrieben über Mike Pence, der nächste Woche US-Präsident werden könnte. Wer ist dieser Mann?

Tom LoBianco: Oh boy. Mike Pence möchte Präsident werden, keine Frage. Aber er will 2024, wenn Trumps Name voraussichtlich nicht mehr auf dem Wahlzettel stehen wird, als legitimer Nachfolger des Präsidenten antreten. Es wäre für Pence nicht vorteilhaft, als Folge des «Impeachments» ins Weisse Haus einzuziehen. Damit würden Zweifel an seiner Loyalität zu Trump geweckt. In der Republikanischen Partei käme dies einem Todeskuss gleich.

Mit seinem stets korrekten Auftreten ist Mike Pence das buchstäbliche Gegenteil des zweifach geschiedenen, ständig fluchenden Donald Trump. Warum steht er ihm trotzdem so loyal zur Seite?

In seinem Umfeld kursieren zwei Erklärungen dafür, beide greifen auf Gleichnisse im Alten Testament zurück. Das erste dreht sich um Daniel und König Nebukadnezar. Pence ist Daniel: ein Soldat Gottes, der sich mit einem grausamen Herrscher konfrontiert sieht und ihm dienen muss, um sein Volk zu beschützen.

Und der zweite Erklärungsversuch?

Hier spielt Josef die Hauptrolle. Er wird von seinen eifersüchtigen Brüdern zuerst in eine Zisterne geworfen und dann an den Pharao verkauft. Pence ist Josef, Trump ist der Pharao. Und auch diese Allegorie dreht sich um einen unterwürfigen, gottesfürchtigen Mann, der einem tyrannischen Herrscher dient.

Wie deuten Sie diese biblischen Erklärungen?

Evangelische Wähler – nicht alle, aber viele – hegen keine übertriebenen Erwartungen an Trump. Sie sind sich bewusst, dass er kein guter Mensch ist. Aber sie stellen sich auf den Standpunkt, dass Gott auch in der Vergangenheit schon mit furchtbaren Menschen zusammengearbeitet hat. Zudem sagen sie sich, dass Gott nicht blind ist, und einen gottesfürchtigen Mann im Zentrum der Macht installierte, der Trump zur Seite steht. In diesem Fall ist das Mike Pence. Das erklärt auch die Tatsache, warum Pence einem Präsidenten dienen kann, der mutmasslich eine Affäre mit einem Porno-Star hatte.

Hat sich Pence jemals dazu geäussert, welche Rolle Religion im politischen Betrieb spielen sollte?

Pence pflegte lange über sich zu sagen, er sei ein Christ, ein Konservativer und ein Republikaner, und zwar in dieser Reihenfolge. Mit dieser Redewendung deutete er seinen Anhängern an, welchen Stellenwert die Bibel in seinem Leben hat. Und in der Tat verwischt der heutige Vizepräsident die Trennung von Staat und Religion immer wieder, zum Beispiel mit wöchentlichen Bibelstunden im Weissen Haus.

Pence macht sich auch dafür stark, Gebete an öffentlichen Schulen zu erlauben.

Genau. Es gibt allerdings auch frühere Weggefährten, die Pence vorwerfen, er habe sich von seinen christlichen Wurzeln entfernt. Viele ehemalige Weggefährte sind schockiert darüber, dass Pence mit Trump zusammenspannt.

Wie sieht das Karen Pence, die seit 35 Jahren mit Mike Pence verheiratet ist? Sie soll am Wahlabend im Jahr 2016 ja derart verärgert über den Sieg des republikanischen Tickets gewesen sein, dass sie ihrem Mike gleich zweimal einen Kuss verweigerte.

Als ich diese Anekdote zum ersten Mal hörte, war ich skeptisch. Mike und Karen Pence sind ein politisches Paar, das sich seit Jahren in der Öffentlichkeit bewegt und gemeinhin kalkuliert vorgeht. Aber nachdem ich mit einer grossen Zahl von Augenzeugen gesprochen hatte, liess ich mich überzeugen. Ein Erklärungsversuch: Karen Pence war von Trump abgestossen. Kann schon sein, dass das stimmt, insbesondere nach der Publikation vulgärer Aussagen des heutigen Präsidenten. Aber ich finde eine andere Erklärung nachvollziehbarer. Demnach war Karen Pence am Wahlabend wütend auf ihren Mann, weil er gewonnen hatte. Dieser Sieg zerstörte die Karrierepläne des Ehepaars, das in der Schlussphase des Wahlkampfes mit einer Niederlage Trumps gerechnet hatte und davon ausging, dass Pence im Jahr 2020 mit einem Bonus ins Rennen um das Weisse Haus steigen würde.

Offensichtlich überwand Karen Pence ihre Vorbehalte gegen Trump in der Zwischenzeit. Wird sie im Wahlkampf 2020 eine wichtige Rolle spielen?

Zweifelsfrei. Die Beziehung zwischen Trump und dem Ehepaar Pence ist mittlerweile warm, wenn auch ein wenig distanziert. Aber es gibt Spannungen zwischen den Beratern des Präsidenten und dem Stab des Vizepräsidenten. So kursiert in Washington das hartnäckige Gerücht, dass Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und dessen Gattin Ivanka Trump – zwei der einflussreichsten Berater des Präsidenten – Pence in der kommenden Wahl als Vizepräsident weghaben wollen.

Dazu passt ein Zitat von Wahlkampfmanager Brad Parscale. Er sagte kürzlich über den Trump-Schwiegersohn: Nach Trump sei Kushner, und nicht etwa Pence, die Nummer zwei im Weissen Haus.

Dies entspricht wohl der Wahrheit. Und es sind solche Aussagen, die im Lager von Pence für Nervosität sorgen. Schliesslich sind alle Politiker im Dunstkreis von Trump ersetzbar, einmal abgesehen von den Familienmitgliedern. Andererseits ist es schon erstaunlich, wie gut Pence das tägliche Chaos der vergangenen drei Jahre überstanden hat.

Dabei kommt dem Vizepräsidenten auch zugute, dass er – auch weil er einst in seinem Heimatstaat Indiana ein Radioprogramm moderierte – ein begnadeter Kommunikator ist. Ich habe Pence erstmals im Jahr 2010 live erlebt, an einer Konferenz konservativer Aktivisten, und war überrascht, wie souverän sein Auftritt war.

Die Fähigkeit, eine schmissige Ansprache zu halten, ist eine politische Superkraft, die Mike Pence definitiv besitzt. Auch deshalb ist er regelmässig unterwegs und hält zum Beispiel in Wahlbezirken demokratischer Abgeordneter im Mittleren Westen Reden, die sich um Jobs und die Wirtschaft drehen – während in Washington über das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump gesprochen wird.

Mit solchen Auftritten versucht Pence doch primär den Vorwurf zu entkräften, er diene in der Regierung von Donald Trump bloss als Staffage und gleiche einem Ausstellungsobjekt in einem Wachsfigurenkabinett.

Ganz ehrlich: Man kann über den Vizepräsidenten vieles sagen, aber er ist keine Wachsfigur. Er hat Durchsetzungskraft bewiesen, auch wenn er vielleicht nicht immer Rückgrat zeigte.

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