Feuchtheiss ist es hier unten. Durch den endlos scheinenden Gang läuft eine gewaltige Dampfleitung, trotz massiver Isolation lässt sie sich kaum anfassen. Eine Havarie wäre jetzt schlecht. «Da steckt genug Energie drin, um menschliche Knochen zu durchdringen», teilt Andrew Piper sachlich mit. Dass gleich daneben die Gasleitung und wenige Zentimeter weiter ein Elektrokabel unter Hochspannung liegt, macht die Situation nicht entspannter. Sorgen müsse man sich aber nicht machen, sagt der Ingenieur: «Wir haben eine Feuerwache, 30 Fachleute sind rund um die Uhr im Einsatz.»

Piper hat sich in vierjähriger Tätigkeit an eine Situation gewöhnt, die für jeden Bauingenieur eine Horrorshow darstellt. Wir wandern durch die Keller des ehrwürdigen Palastes von Westminster. Der neugotische Riegel aus honigfarbenem Kalkstein direkt an der Themse gehört zu den berühmtesten Gebäuden der Welt, geniesst den Status als Unesco-Welterbe und hat jährlich eine Million Besucher, von seiner Funktion als Volksvertretung der sechstgrössten Wirtschaftsmacht der Welt einmal abgesehen.

Aber das Parlament ist auch eine Bauruine. Die 650 Unterhaus-Abgeordneten und die 805 Lords und Ladys im Oberhaus sitzen auf einem erheblichen Risiko. «Über das nächste Jahrzehnt wird es um 90 Prozent zunehmen», erläutert Piper eine entsprechende Studie. «Wir kommen mit den Renovierungen nicht nach.» Schon vor fünf Jahren kam ein Expertengremium zu dem verheerenden Schluss: «Wäre der Palast nicht von höchster Bedeutung als nationales Kulturerbe, würde man dem Besitzer den Abbruch und Wiederaufbau des Gebäudes nahelegen.»

Dann eben eine gründliche Sanierung. Was es alles zu tun gibt, hat eine 250 Seiten starke Studie der Beratungsfirma Deloitte nüchtern aufgelistet. Die Details reichen von den teilweise 80 Jahre alten Leitungen im Keller über den allgegenwärtigen Asbest bis zu den erneuerungsbedürftigen rund 4000 antiken Fenstern. Eine moderne Heizungsanlage soll her, allerorten müssen Frisch- und Abwasserleitungen neu verlegt werden.

Urin auf dem Schreibtisch

Die Arbeit des Labour-Abgeordneten Ben Bradshaw wurde zweimal durch Lecks aus dem Zimmer über ihm – ausgerechnet eine Herrentoilette – unterbrochen. «Da kam der Urin auf meinen Schreibtisch geregnet», ekelt sich der frühere Kulturminister. Damen-Toiletten gibt es für die 191 Frauen unter den 650 Volksvertretern viel zu wenige, vor allem in der Nähe des Plenarsaales. Wer dort nicht zum Zuge kommt, erinnert sich die konservative Ex-Abgeordnete Ann Widdecombe, «geht den Korridor entlang, eine Treppe hinunter, einen weiteren Korridor entlang und wendet sich bei den Geldautomaten rechts».

Die beiden Kammern sollen bald über einen Bericht des Bauausschusses abstimmen, in dem Volksvertreter und ungewählte Oberhaus-Mitglieder zusammensitzen. Experten und Ausschuss haben mehrere Informationsreisen gemacht, unter anderem nach Wien, wo das Parlamentsgebäude renoviert wird, während die Abgeordneten in der Hofburg residieren.

Etappenweise Sanierung?

Nun stehen drei Optionen zur Wahl. Die kostengünstigste würde den Auszug aller Parlamentarier für sechs Jahre nötig machen, die teuerste sieht über 32 Jahre zwölf Bauabschnitte rund um den laufenden Betrieb vor. Mindestens 3,9 Milliarden Pfund (4,55 Mrd. Euro) und bis zu 7,1 Mrd. Pfund (8,28 Mrd. Euro) soll das Projekt kosten. Ob die Brexit-Insel, wo Westminster mindestens so verhasst ist wie Brüssel, so viel Geld in die Hand nehmen will? Als der Treffpunkt der Volksvertreter 1834 niederbrannte, sollen die Londoner johlend Beifall geklatscht haben. König Wilhelm IV. bot den ungeliebten Buckingham-Palast als neues Quartier an, doch die Parlamentarier bevorzugten einen Neubau. Architekt Charles Barry und sein genialer Gehilfe Augustus Pugin legten Königsthron, Oberhaus und Unterhaus in einer Achse an, das Haus erhielt als eines der ersten Gebäude weltweit eine Klimaanlage: Ein gewaltiges, dampfbetriebenes Gebläse sorgte für Luftumwälzung durch die 106 Belüftungsschächte. Als die Verantwortlichen später auf eine modernere Lösung umsattelten, füllten sich die Schächte langsam mit Kabeln und Rohren. Genaue Pläne gibt es nicht, von 3500 Kabeln wissen Piper und seine Leute bei 800 nicht so genau, wozu sie eigentlich dienen.

Einen einzigen Schacht haben die Instandhalter bisher ausgeräumt, das Asbest entfernt, die diversen Leitungen geduldig sortiert, identifiziert und ersetzt – und das alles, während der laufende Betrieb aufrechterhalten wurde. Stolz zeigt der Ingenieur das Werk von fünf Jahren Arbeit zum Preis von umgerechnet 4,7 Millionen Euro. Und nun das Ganze noch 105-mal? Da versteht man, warum die Fachleute sich nichts sehnlicher wünschen, als den Bau ein paar Jahre für sich zu haben. Nicht dass Piper das sagen würde, dazu ist der Ingenieur zu sehr Diplomat: «Wir führen aus, was die Parlamentarier beschliessen.»