Kampf gegen IS

Unterwegs mit den tapferen Kurden von Kobane

Ein Knall, dann steigt Rauch auf: Blick auf Kobane von der türkischen Grenze aus. SEDAT SUNA/keystone

Ein Knall, dann steigt Rauch auf: Blick auf Kobane von der türkischen Grenze aus. SEDAT SUNA/keystone

Vier Tage lang hat der Korrespondent der «Nordwestschweiz» den ungleichen Kampf zwischen den Kurden in Kobane und den Dschihadisten des Islamischen Staats beobachtet. Eine Reportage.

Kurz vor 6 Uhr zuckt ein gewaltiger Blitz am düsteren Himmel über Kobane. Sekunden später kracht der Donner und Enttäuschung macht sich breit: Die vor der Moschee von Dewchane stehenden Kurden hatten amerikanische Kampfflugzeuge erwartet. Mahmoud reicht seinen Feldstecher resigniert weiter.

Doch der von den Kurden inzwischen als «unser Führer» verehrte US-Präsident Barack Obama liess seine Anhänger auch gestern nicht im Stich. Trotz Platzregen und Gewitter steigt schon bald eine riesige Rauchsäule über Kobane auf. Der dumpfe Knall der Explosion erreicht die Moschee von Dewchane vier Sekunden später. Beifall braust auf.

Eine alte Kurdin umarmt mich weinend. «Ohne eure Hilfe wären wir schon längst verloren», ruft sie mit ausgebreiteten Armen. Als die Frau den türkischen Staatspräsidenten Erdogan, dessen Panzer nur einige Steinwürfe entfernt auf einem Hügel stehen, zu beschimpfen beginnt, wird sie vom Dorfältesten barsch zurechtgewiesen. «Wir sind hier nicht allein», ermahnt er seine Landsfrau, die halblaut weiterflucht.

Aus der Schweiz und Deutschland

Der gestrige Donnerstag war der «46. Tag des Widerstands», betonen die Kurden in Dewchane stolz. Nicht nur aus allen Regionen der Türkei sind sie an die türkisch-syrische Grenze gekommen, um ihre Solidarität mit den Verteidigern von Kobane zu demonstrieren. Zülfu fuhr mit seinem Auto aus dem deutschen Witten bis in das winzige kurdische Dorf. Seit vier Wochen kocht der Kurde, der in Deutschland als Sozialarbeiter arbeitet, Tee, verteilt Brot, Kuchen und Wasser an die Flüchtlinge aus Kobane.

Abidin aus Winterthur hatte sich vor zehn Tagen ins Flugzeug gesetzt. Der kurdische Gastronom brachte Kinderkleidung, die ihm Freunde mitgegeben hatten. Ausserdem Geldspenden in Höhe von 6000 Franken, die von lokalen Solidaritätskomitees zum Kauf von Medikamenten verwendet werden. In drei Wochen will Abidin wiederkommen. Mit einem Lieferwagen mit Wintersachen.

In Dewchane treffen wir auch Ibrahim Binici. Der katholische Priester aus dem südtürkischen Mersin will mit Gebeten den Kampf seiner Landsleute unterstützen. Vor 30 Jahren, erzählt der kurdische Geistliche leise, sei er vom Islam zum Christentum konvertiert. «Ich war auf der Suche nach der wahren Liebe, die ich jetzt gefunden habe.» Drüben in Kobane, flüstert Ibrahim, würden Christen jetzt die Köpfe abgeschnitten. Um dies in Zukunft zu verhindern, sei «Gewalt vielleicht das einzige Mittel». Als wenig später erneut ein dunkelgrauer Rauchpilz aufsteigt und die Kurden vor der Moschee begeistert klatschen, nickt der katholische Priester kurz und lächelt. Dann faltet er seine Hände zum stummen Gebet.

Die Wahrheit schadet der Moral

Vier Tage lang waren wir vor Kobane. Aus knapp zwei Kilometer Entfernung konnten wir beobachten, wie sich die Kurden gegen die IS-Terroristen wehren. «Wenn wir ehrlich sind, kontrollieren wir nur noch einen Drittel der Stadt», sagt Ahmet, mein kurdischer Dolmetscher. Doch die Wahrheit sei schlecht für die Moral. Der Glaube an den Sieg müsse aufrechterhalten werden. Deshalb würden täglich Erfolgsmeldungen verbreitet. Tatsächlich können sich die Kurden von Kobane nur mithilfe der Amerikaner noch behaupten.

Ihre Flugzeuge dröhnen den ganzen Tag am Himmel. Aus 5000 Meter Höhe wird der ungleiche Kampf genau beobachtet. Gehen die Dschihadisten in die Offensive, fallen Bomben und die Angreifer verschwinden im rauchenden Inferno. Es ist ein Abnutzungskrieg, der auf beiden Seiten schon Hunderte von Menschenleben gekostet hat. Der Blutzoll aufseiten der Dschihadisten ist sicherlich doppelt so hoch. Doch Menschenleben zählen für sie nicht – noch nicht. Der sogenannte «Islamische Staat» will die Schlacht um Kobane offenbar um jeden Preis gewinnen.

«Für uns Kurden ist das blinde Anrennen der Dschihadisten vielleicht eine Chance», sagt Kemal. Der kurdische Journalist hofft, dass die Dschihadisten eines Tages aufgeben, weil sie begreifen, dass sie am Ende verlieren werden. «Für uns Kurden geht es in Kobane um alles. Das ist unsere Heimat. Unser Wille ist stärker als der der Terroristen, die nichts mit Kobane verbindet.»

Beifall bei der Beerdigung

Einen Tag später treffen wir Kemal auf dem Friedhof von Suruc wieder. Die Kreisstadt liegt sechs Kilometer von Kobane entfernt. Mehr als 2000 Menschen sind gekommen, um fünf gefallene Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungsgruppen auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Im warmen Licht der untergehenden Sonne werden die Märtyrer in Sprechchören gefeiert. «Gefallen für Kobane», skandieren die Trauernden. Die Beerdigung machen sie zu einer politischen Demonstration, auf der auch die Fahnen der PKK geschwenkt werden. Als die einfachen Holzsärge vorsichtig in die frischen Gräber gesenkt werden, klatschen die Kurden minutenlang. Erst danach fliessen Tränen. Es sind Tränen der Wut, die sich vor allem gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan richten. «Allah der Allmächtige möge den Verräter bestrafen, ihn in die Hölle schicken», schreit eine Gruppe kurdischer Frauen mit geballten Fäusten. Niemand kann die Klagenden beruhigen.

Serhat will kämpfen

Auch Kemal, der kurdische Journalist, hat Tränen in den Augen. Doch für Trauer, sagt er, sei jetzt eigentlich keine Zeit. «Richtig weinen werden wir erst, wenn wir Kobane befreit haben.» Wir begleiteten den Kollegen zu einem Flüchtlingslager am Rande von Suruc. Dort stellt er uns Serhat vor. Der 14-Jährige kam erst vor 12 Tagen aus Kobane. Ohne sichtbare Regung erzählt er uns, wie er an der Seite seines Bruders Nevin gegen die Dschihadisten kämpfte. «Ich versorgte ihn mit Munition, brachte ihm Wasser und etwas zu essen.» Am 15. Oktober wurde Nevin von einer Mörsergranate der IS-Terroristen zerrissen.

«Mit einem Kameraden hob ich ein Grab aus und bedeckte meinen Bruder dann mit der Erde seiner Heimat.» Wenige Tage später habe ihm seine Mutter befohlen, die umkämpfte Stadt zu verlassen. Der einzige Sohn der Familie soll überleben. Doch Serhat will kämpfen. Von den Hügeln vor Kobane tatenlos die Schlacht zu beobachten, könne er nicht ertragen. «Ich werde zurückgehen», sagt er mit fester Stimme. «Auch gegen den Willen meiner Mutter werde ich in Kobane kämpfen.»

Dort trafen gestern Nachmittag zehn kurdische Peschmerga aus dem Nord-Irak ein. 140 weitere Kämpfer sollen in den kommenden Tagen mit ihren schweren Waffen nachkommen. Von der Verstärkung erhoffen sich die Kurden eine Wende im Krieg gegen die Dschihadisten. Dennoch war die Stimmung unter den vielen Beobachtern vor Kobane gestern gedrückt. Nicht wenige sind überzeugt, dass Staatspräsident Erdogan den Transfer der lange ersehnten schweren Waffen noch verhindern wird.

«Erdogan will, dass wir verlieren. Das hat er mehrfach betont. Auch unter dem Druck der Amerikaner wird er nicht nachgeben», befürchtet Azad. Als wir die Grenze verlassen, fahren wir in Suruc an Mannschaftswagen und Wasserwerfern der türkischen Bereitschaftspolizei auf. In der Kreisstadt werden gewalttätige Demonstrationen befürchtet, falls sich die Ankunft der schweren Waffen verzögern sollte.

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