Der Sieg im «grossen Vaterländische Befreiungskrieg» gegen die «US-Imperialisten und ihre Verbündeten» (so heisst dieser Krieg in der nordkoreanischen Leseart) hat also den Kriegszustand nicht beendet. Die Befreiung der ganzen nordkoreanischen Halbinsel von den US-Imperialisten ist das Sehnsuchtsziel.

Goethe lehrt uns: «Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen.» In diesem Falle gilt: Wer Nordkorea will verstehen, muss in Kims Lande gehen.» Was ja kein westlicher Politiker tut.

Im Kriegszustand

Nordkorea ist ein wunderschönes Land im Kriegszustand. Das ist der verstörende, verwirrende Eindruck einer Rundreise. Ja, die Legitimation des Regimes, das in der dritten Generation regiert, ist der Krieg gegen die US-Imperialisten. Der Ruhm und die Autorität der Kim-Dynastie fusst auf dem siegreichen Korea-Krieg (aus nordkoreanischer Sicht haben die Amerikaner diesen Krieg begonnen und verloren) und der Notwendigkeit, das Vaterland gegen die US-Imperialisten zu verteidigen. Die von fast allen Ländern mitgetragenen Sanktionen bestätigen den Menschen, dass gegen ihr Land Krieg vorbereitet wird und tragen in einer gewissen Weise zur Stärkung des Regimes bei. «Aber wir beugen uns nicht!» Diesen einen Satz habe ich immer wieder gehört. Von Partei-Funktionären, Kellnern und Kolchosen-Bauern. Ob auswendig gelernt oder eingetrichtert, weiss ich nicht. Aber ich hatte den Eindruck, dass diese Aussage ernst gemeint ist.

Feuerwerk wegen Raketentests

Als ich in Pjöngjang vom Flughafen zum Hotel chauffiert wurde, stiegen Feuerwerke in den Nachthimmel. Erst dachte ich, es sei vielleicht Nationalfeiertag oder ein Partei-Jubiläum. Bis ich aufgeklärt wurde: ob ich denn nicht von den erfolgreichen Raketentests gehört habe? Die wurden gefeiert. Die Bereitschaft, Krieg zu erdulden, durchdringt offenbar diese Gesellschaft in einer, je nach Betrachtungsweise grotesken, beeindruckenden oder tragischen Art und Weise. Nur etwa 20 Prozent der Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Wegen der internationalen Sanktionen ist es unmöglich, die 25 Millionen Menschen ohne Lebensmittel-Importe zu ernähren.

Ist es denn nicht absurd, dass ein Land Raketen testet und Atombomben «bastelt», das ständig am Rande einer Hunger-Katastrophe steht? «Nein», sagte mir ein hoher Funktionär. «Die Amerikaner hätten es nicht gewagt, den Irak zu zerstören, wenn die Iraker, wie wir, Raketen und Atomwaffen gehabt hätten.»

Eine Regierung, die so sehr auf Kriegsgefahr setzt, kann gar nicht nachgeben, abrüsten und auf friedlichen Dialog setzen. Sie verlöre ihre ganze Glaubwürdigkeit beim eigenen Volk. Die Geschichte lehrt uns, dass ein schwankendes Regime meistens versucht, als letzten Ausweg seine Untertanen durch einen Krieg an sich zu fesseln. Aber die Frage ist natürlich, wie gefährlich, wie stark denn Nordkoreas Militärmacht überhaupt ist.

Atombomben und Holzvergaser

Von aussen ist es unmöglich, diese Frage zu beantworten. Nicht einmal die ausländischen Geheimdienste und Militär-Experten sind dazu in der Lage. Aber ich vermute, dass die Kampfkraft dieser Armee überschätzt wird. Als ich durch Nordkorea reiste, war gerade die alljährliche «grosse Mobilmachung» im Gange. Es sind die arbeitsintensivsten Wochen im Reis- und Maisanbau. 70 Tage lang wird durchgearbeitet (es gibt in dieser Zeit keine Sonn- und Freitage) und die Soldaten helfen mit.

Auffallend war, wie die Armee-Lastwagen dampften und rauchten. Schliesslich fand ich den Grund heraus: Wegen akutem Treibstoffmangel fahren die Armee-Laster mit Holzvergaser. Interkontinental-Raketen, Atombomben und Holzvergaser – passt das zusammen? Daher meine Vermutung, dass es sich um eine «Operetten-Atommacht» handeln könnte – aber eine, die keinen Schritt zurückweicht, deren Führung den Krieg nicht scheut, die sich durch Drohungen nicht einschüchtern lässt und deshalb mit im Westen üblichen Denkschemen nicht verstanden werden kann.

Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der auch der US-Präsident mit im Westen üblichen Denkschemen nicht verstanden werden kann. Die Zeichen stehen auf Sturm.