America first» ist zuerst einmal das Profil, mit dem sich Donald Trump seinen Anhängern andient. In der Wirtschaftspolitik äussert sich dies in einer Reihe von irritierenden Tabubrüchen gegenüber den langjährigen Partnern und der neuen Handelssupermacht China. An diese bereits sehr lang gewordene Reihe hat Trump im März einen besonders aufsehenerregenden und wirtschaftlich folgenschweren Entscheid angehängt: Die Importsteuer von 25 Prozent auf Stahl beziehungsweise von 10 Prozent auf Aluminium ist die bislang schärfste Massnahme, die Trump seiner protektionistischen Rhetorik folgen liess.

Die EU hat als grösste Stahllieferantin Amerikas postwendend reagiert und mit Gegenmassnahmen gedroht. Inzwischen hat Trump die Einführung der Stahl- und Aluminiumzölle für Einfuhren aus Europa auf den 1. Juni verschoben. Die Gespräche über eine einvernehmliche Lösung des Handelskonfliktes gestalten sich schwierig. Handelskommissarin Cecilia Malmström verlangte eine bedingungslose und permanente Ausnahme von den Importzöllen für die EU, und sie weigert sich, unter US-Drohungen zu verhandeln. Die Europäer sind überzeugt, dass Amerika ganz allein aus egoistischen wirtschaftlichen Motiven handelt. Doch die Amerikaner begründen ihre Massnahme mit dem Argument der nationalen Sicherheit. Der Schutz der heimischen Industrie diene allein dem Zweck, die Produktion wichtiger Militärgüter zu gewährleisten.

Seit drei Wochen liegt das heisse Dossier bei der Welthandelsorganisation WTO in Genf, die auf Antrag der EU ein Schlichtungsverfahren in Gang setzen muss. Doch Handelsrechtsexperten zweifeln an den Siegeschancen der EU in einem solchen Verfahren. Die WTO-Schiedsrichter hätten gute Gründe, sich vor einem Urteil zu drücken: Erstens sei es einem solchen Gremium kaum möglich, zu beurteilen, welche Massnahmen einem Land zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit hilfreich sein könnten. Und zweitens könnte ein Schiedsspruch zugunsten der USA ein Signal für andere Länder sein, das Vorgehen Amerikas zu kopieren.

Gefährlich würde die Sache aber auch, wenn sich die WTO-Schiedsrichter auf die Seite der EU schlagen würden. Dies gäbe Trump ein Argument in die Hand, die verhasste Welthandelsorganisation endlich zu verlassen. Trump bezeichnet die WTO als «Desaster» für Amerika, weil sie sein Land «sehr unfair» behandle. Seit Monaten blockieren die USA die Wahl neuer WTO-Schiedsrichter.

Ohne Amerika würde die seit Jahren aus der Defensive agierende Institution definitiv in die Bedeutungslosigkeit absinken. Für kleinere Nationen und damit für die allermeisten der über 160 Mitgliedsländer käme dies einer massiven Schwächung der Verhandlungsposition mit ihren wichtigsten Handelspartnern gleich. Und der Entwicklung des Welthandels würde die Implosion der WTO mit Sicherheit kräftig schaden. Die Institution stipuliert allgemeingültige Spielregeln, zu denen insbesondere das Prinzip der Nichtdiskriminierung gehört. Der Gegenentwurf ist ein Handelssystem, in dem allein das Recht des Stärkeren gilt. Wenn dieses System den globalen Austausch von Gütern bremst, kann daran langfristig nicht einmal Amerika als stärkster Akteur ein Interesse haben.

Man ist geneigt zu glauben, das Problem wäre einfacher lösbar, wenn es den grössten am Konflikt beteiligten Handelsmächten nicht auch oder vor allem um Gesichtswahrung ginge. Dieser Reflex spielt immer mit, wenn sich ebenbürtige Schwergewichte zum Kampf entscheiden, im Wissen, dass beide am Ende grossen Schaden nehmen. Das Problem dabei ist, dass auf der Weltkarte des Handels in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr solche Schwergewichte in der Form regionaler Freihandelsabkommen und Integrationsräume entstanden sind. Viele Handelsdiplomaten priesen diese Entwicklung als erfolgsversprechenden Weg, den komplizierten und seit langer Zeit stockenden Prozess zu umgehen, indem die WTO-Mitglieder auf globaler Ebene den Konsens suchen. Ökonomen und Völkerrechtler warnten indessen schon frühzeitig, dass die immer zahlreicheren und mächtigeren Handelsblöcke das Nichtdiskriminierungsprinzip der WTO zunehmend unterlaufen würden. Der aktuelle Handelsstreit zeigt nun mit aller Deutlichkeit die Grösse des Schadenpotenzials, wenn das fragile Gleichgewicht der Macht kippen sollte.