Epidemie

Und dann stirbt plötzlich der Nachbar: Wie ein Virus Chinas Metropolen in Geisterstädte verwandelt

Boomende Millionenmetropole? Eher Geisterstadt. Die Angst vor der Corona-Virus-Epidemie bringt das öffentliche Leben in Peking zum Erliegen.

Boomende Millionenmetropole? Eher Geisterstadt. Die Angst vor der Corona-Virus-Epidemie bringt das öffentliche Leben in Peking zum Erliegen.

Die Chinesen reagieren mit Panik und Langeweile auf die Epidemie. In Peking kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Eine Reportage.

Nur wenige Stunden nachdem die Weltgesundheitsorganisation eine «internationale Notlage» ausgerufen hat, geniesst Cherie Liu den Feierabend mit ihren Freunden im Pekinger Ausgehviertel Sanlitun. Kellnerinnen mit schwarzen Masken im Gesicht servieren Rotwein, Pizzen mit Büffelmozzarella und üppige Salatbeilagen. «Jetzt flippen die Leute aus und kaufen Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel ohne Ende. Noch vor wenigen Wochen wussten viele nicht einmal, was das Wort Quarantäne überhaupt bedeutet», sagt die 32-jährige Chinesin mit den rot geschminkten Lippen.

Die meisten ihrer Freundinnen würden sich regelrecht in eine Paranoia hineinsteigern, sagt Liu. Sie selbst habe sich hingegen bewusst dazu entschieden, Ruhe walten zu lassen. «Unser zentralisiertes System ist sehr effizient. Die Regierung schickt unzählige Ärzte nach Wuhan und baut zwei Spitäler aus dem nichts. Welches Land ausser China kann das innerhalb so kurzer Zeit zu Stande bringen?», fragt Liu.

Doch trotz der staatlichen Gegenmassnahmen verbreitet sich das Corona-Virus immer rasanter. Die chinesischen Behörden haben bislang 20438 Infizierte und 425 Todesfälle bestätigt. Damit sind bereits deutlich mehr Menschen in Festlandchina am Corona-Virus verstorben als noch zur SARS-Epidemie vor 17 Jahren. China hat die Bewegungsfreiheit der Menschen gestern in drei weiteren Millionenstädten eingeschränkt. Die USA, Australien und Taiwan haben Einreisebeschränkungen für Chinesen erlassen.

Geschwiegen aus Sorge um die eigene Karriere

Derweil kommen immer mehr Details darüber ans Tageslicht, wie die Lokalregierung von Wuhan den Ausbruch der Epidemie in den ersten Wochen zu verschleiern versuchte. Chinesische Forscher haben in einer Studie dargelegt, dass bereits im Dezember 2019 Beweise vorlagen, dass die Erreger der Lungenkrankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Zu jenem Zeitpunkt wusste die chinesische Öffentlichkeit noch nichts über einen möglichen Virusausbruch. Erst Anfang Januar schrieben Krankenhausmitarbeiter in den sozialen Medien über eine «mysteriöse Lungenseuche» – und wurden wegen «Verbreitung von Gerüchten» vorübergehend festgenommen.

«Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die Parteikader die negative Nachricht über das Virus verschwiegen haben, weil das künftige Beförderungen zunichtegemacht hätte», sagt ein Mittdreissiger in Peking beim Feierabendbier. Unter vorgehaltener Hand äussern sich viele junge Chinesen in der Hauptstadt kritisch über das bleierne Gesellschaftsklima, das unter Präsident Xi Jinping im Land herrscht: «Wir können einfach nicht mehr so offen reden. Leute wie ich, die eigentlich nur das beste für unser Land wollen, fragen sich: Wieso können wir keine unabhängigen Informationen im Internet finden?»

Am Montagmorgen schliesslich lädt das staatliche Informationsbüro zur Pressekonferenz. Nur einen Steinwurf vom Platz des himmlischen Friedens entfernt finden sich über 200 Journalisten mit Gesichtsmasken in einem Briefing-Raum ein: marmorne Wände, Säulenkolumnen, mit Stuck verzierte Decken. Regierungsvertreter in Schlips und Anzug von gleich sechs verschiedenen Ministerien treten vor die Öffentlichkeit, um über die Versorgungslage in den Quarantänegebieten zu berichten.

Chinesische Unternehmen wurden dazu angehalten, trotz der Neujahrsferien ihre Produktion aufzunehmen und Wuhan mit Gesichtsmasken zu versorgen. Mehrere landwirtschaftsstarke Provinzen beliefern die Gebiete fortan mit Reis und frischem Gemüse. Systematisch werden sämtliche Ferntransportmittel im Land täglich desinfiziert. Was man an der Pressekonferenz des Informationsbüros immer wieder hört: «Den Kampf gegen das Virus werden wir gewinnen.»

Wie tief greifend jener Kampf den chinesischen Alltag verändert, beweist ein blosser Blick auf die gespenstisch leere der Pekinger Innenstadt. Das öffentliche Leben ist de facto zum Stillstand gekommen: Die Unternehmen haben ihren Mitarbeitern eine Woche freigegeben oder Home-Office verordnet. Universitäten, Schulen und Kindergärten bleiben bis auf weiteres geschlossen.

Sonnenbrillen sollen gegen den Virus schützen

Wer die U-Bahn nehmen möchte, bekommt zunächst einen Temperatur-Scanner an die Stirn gehalten. Züge, die zu Pendlerzeiten normalerweise berstend voll wären, sind an diesem Morgen um 9 Uhr praktisch leer. Manche tragen neben den Gesichtsmasken auch Sonnenbrillen, um ihre Augen vor der Aufnahme der tödlichen Erreger zu schützen.

Und doch ist das längst kein Vergleich zum Corona-Epizentrum in Wuhan. «Wir sind wirklich ein bisschen nervös», erzählt der Deutsche Timo Balz, der seit zehn Jahren in der 11-Millionen-Metropole lebt. Als einer von wenigen Europäern hat er sich dazu entschieden, trotz der angebotenen Evakuierung die Stadt nicht zu verlassen – auch seiner chinesischen Frau wegen, die möglicherweise zurückbleiben müsste.

Am Mittwochmorgen jedoch teilte die Wohnverwaltung mit, dass sich vier von Balz’ Nachbarn infiziert haben sollen, einer sei gestorben. «Für uns bedeutet das erst mal zu Hause bleiben und auf die täglichen Spaziergänge verzichten», sagt Balz, der zwei Kinder im Schulalter hat: «Denen dürfte schon bald die Decke auf den Kopf fallen.»

Meistgesehen

Artboard 1