Herr Neitzel, Wladimir Putin verknüpft das Gedenken an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 mit der Kritik an «aggressiven Tätigkeiten» der Nato nahe der russischen Grenze. Fast zeitgleich beschliesst die EU, die Sanktionen gegen Russland zu verlängern. Ist das nicht eine unnötige Provokation des Westens?

Sönke Neitzel: Natürlich kommt das aus russischer Sicht einer Provokation gleich. Aber man sollte die Dinge nicht miteinander vermischen. Die EU hat die Sanktionen ja nicht verlängert, um die Russen speziell zu ärgern. Sondern weil die Mehrheit – übrigens meiner Meinung nach zu Recht – der Ansicht war, die Sanktionen seien weiterhin notwendig.

Innerhalb der SPD gibt es Stimmen, die zur Mässigung im Umgang mit Russland aufrufen.

Das ist ein Versuch der SPD, die Sanktionen gegen Russland in einen historischen Kontext zu stellen. Aus politischen Gründen wird versucht, das Datum des 22. Juni zu verwenden, um eine Nichtverlängerung der Sanktionen gegen Russland moralisch zu legitimieren. Meiner Meinung nach muss man aber hier Geschichte und Politik voneinander trennen.

Aber ist nicht gerade Deutschland dazu verpflichtet, heute einen besonders behutsamen Umgang mit Russland zu pflegen?

Ja, der Überfall auf die Sowjetunion, der Vernichtungskrieg im Osten, der Holocaust – das waren deutsche Verbrechen. Aber wir dürfen nun auch nicht so tun, als ob Nazi-Deutschland damals ein friedliches Land wie Dänemark oder die Schweiz überfallen hätte. Deutschland hat mit der Sowjetunion ein Land angegriffen, das den Krieg zuvor mitermöglicht und selbst brutal geführt hatte. Allzu oft geht vor allem in Russland heute vergessen, dass die Sowjetunion nicht erst 1941 in den Krieg hineingezogen worden ist, sondern mit dem Überfall auf Polen, den Kriegen in Finnland und im Baltikum bereits ab 1939 selbst Krieg geführt hatte. Wenn man die Sanktionen gegen Russland aufheben will, muss das realpolitisch begründet werden. Der Griff in die Geschichtskiste, um heutige Massnahmen moralisch zu unterfüttern, ist der falsche Weg. So wird Geschichte verzerrt.

Aussenminister Frank-Walter Steinmeier ruft zum Dialog auf, «Kriegsgeheul» der Nato sei der falsche Weg.

Natürlich ist nicht für Sicherheit gesorgt, wenn Russland isoliert wird. Man muss sich mit der russischen Führung an einen Tisch setzen und gemeinsame Regeln aufstellen, an die sich beide Seiten halten. Da macht es Russland dem Westen nicht leicht – und auch der Westen hat Fehler gemacht, in dem er auf die Befindlichkeiten Russlands nicht eingegangen ist.

Die Nato-Osterweiterung und die aktuellen Nato-Übungen an der Grenze zu Russland tragen kaum zur Besserung des gegenseitigen Verständnisses bei.

Die Frage ist: Wie kann Russland klargemacht werden, dass der Westen nicht tolerieren kann, wenn Russland mit militärischen Mitteln in der Ukraine interveniert? Soll der Westen aus Gründen der Deeskalation einfach nichts tun? Putin würde das als Signal ansehen, dass er mit seiner aggressiven Politik durchkommt. Putin ist ein Machtpolitiker. Deshalb müssen wir deutlich machen, dass die Interventionen in der Ostukraine und die Besetzung der Krim nicht einfach hingenommen werden. Da finde ich den Weg angemessen, den die EU mit den Sanktionen geht. Klar ist aber auch: Wenn Putin in Estland einmarschieren will, kann die Nato das mit ihren symbolischen Manöverübungen wohl nicht verhindern. Die Frage stellt sich, was danach passiert.

Sie glauben, dass die Angst der baltischen Staaten und Polens vor einem russischen Einmarsch begründet ist?

Man muss die heutige Lage mit der der Bundesrepublik Deutschland zu Zeiten des Kalten Krieges vergleichen. Immer wenn die Amerikaner während des Kalten Krieges nur 1000 Soldaten aus Westdeutschland abziehen wollten, ist die Angst der Deutschen vor den Sowjets zumindest in der Politik gewaltig angestiegen. Der Kalte Krieg ist auch deshalb nicht zu einem «heissen Krieg» geworden, weil die UdSSR glauben musste, dass der Westen notfalls bereit ist zu kämpfen. Deshalb muss der Westen auch heute gegenüber Russland deutlich auftreten. Der Westen kann das Militärische nicht stets von vornherein ausschliessen. Letztlich weiss niemand, was Putin wirklich vorhat.

Das klingt nicht nach baldiger Verbesserung der Beziehungen.

Der Westen muss versuchen, Putin Prestige zukommen zu lassen. Auf lange Sicht muss Russland zurück in die G-8 geholt werden. Putin reagiert sehr empfindlich, wenn er sich vom Westen ungleich behandelt fühlt. Russland muss Teil des Klubs der Grossen werden und in tragende Entscheide eingebunden sein.

Putins Politik ist Ausdruck einer verletzten russischen Seele?

Was Putin wirklich antreibt, wissen wir nicht. Inszeniert er aus innenpolitischen Gründen aussenpolitische Krisen? Vielleicht ist Putin auch gar nicht an weitreichenden Angeboten und Zugeständnissen seitens des Westens interessiert, weil er für seinen Machterhalt das äussere Feindbild braucht. Putin braucht die Krisen, um sich an der Macht halten.